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Sybille Klefinghaus - Heimweh nach weg von hier

Heimweh nach weg von hier

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Eine Folge des geschlechtsüberschwappenden Feminismus und des emanzipationsverschlingenden Patriarchats: Was ist weibliche Lyrik? Die Frage ist eine Falle, weil ihr das Pendant so auffällig fehlt. Nach männlicher Lyrik wird nicht gefragt.

Auf die Gefahr hin, mir den Versfuß im Fangeisen zu verletzen, wage ich eine Antwort, die ich bei Sarah Kirsch gefunden habe: ...Der / Wind ist alt er / Lachte als er mich / sah...
So schreibt sie in ihrem Gedicht "Auf einer Klippe" (Erlk”nigs Tochter, Seite 30), und so schreibt kein Mann, wenigstens keiner, der sein Weltbild aufrichtet im Hierarchischen, der sich klein macht oder klein gemacht wird, aber nicht klein ist. Und wo er es denn wäre, empfände er das Vertrauliche der Mitteilung womöglich als Selbstlosigkeit, wenn nicht als Selbstverleugnung.
Das lyrische Selbst in Kirschs Gedicht aber stellt sich her in der Einordnung, die weder Überhebung noch Unterwerfung ist, also jenseits von Hierarchie stattfindet. Und daß auch der Wind nicht wegen seiner Stärke, sondern ob seiner Erfahrung der Lachende ist, wird mit einer nachfolgenden Geste belegt: Übergab mir der / Meergänse Schrei.
Der Eindruck hingegen, es sei etwas Fehlendes, das das Weibliche ausmache, beruht auf einem männlichen Irrtum. Diese Hierachie, auch wenn sie gesellschaftskonstituierenden Charakter hat, ist überflüssig. Ihre Abwesenheit der natürliche Zustand. Zu ihm zurückgekehrt, wird der Blick frei, und er fällt auf unzugängliche Details oder auch solche, die gewöhnlich als unpoetsich verworfen werden.

Die Rede ist also von Freiheit und ihrer Voraussetzung, der Überwindung nicht poetischer, sondern realitärer Prinzipien, von Befreiung mithin, die nicht auf einer Idee, sondern in der Wirklichkeit fußt. Die nicht zuerst der Zerstörung bedarf, sondern des Verlassens. Sie beginnt mit dem
HEIMWEH NACH WEG VON HIER

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Schon der Titel, den Sibylle Klefinghaus für ihren Gedichtband wählte, ist ein Programm gegen schmachtendes Pathos. Die Dichterin bemißtraut das Heimelige am Heim, das Wehleidige am Weh und widersetzt sich beidem mit alltagssprachlicher Kraft. Dem Unbestimmten wird kein mythischer Ort zugeordnet, der den Grund er Abschieds, der im Hiesigen liegt, verklären könnte.

Wer das schmale Bändchen aus dem Kellner-Verlag Hamburg aufschlägt, macht eine weitere Entdeckung: Dieses Hiesige ist kein Ungeliebtes. Aber es ist eine leise Historie der Verluste. Schmerzhaft wird die Beschreibung der Vater-Tochter-Beziehung nicht durch die Beschwörung wirklicher Geborgenheit, die verlorenging, sondern durch das Erinnern des Vermeintlichen: wenn ich dich liebe / und du liebst mich was brauchen wir einen dritten.

Diese Lesart von vergangenheit aber und da war sie ist zugleich nur eine der möglichen, und sie liegt wie eine Folie über einer anderen, die mit der Dämmerung über dem ehrenmal in den Text gezogen wird. Der elegische Ausklang kann ebenso als utopischer Anspruch begriffen werden, als Friedensbotschaft nach zwei verheerenden Kriegen. Mikro- und Makrokosmisches gehen ineinander über, werden aus einer Sprache, einem ungespaltenen Denken heraus fixiert.

Während in sinnlicher Anempfindung die dicken Kühltürme singen, werden Hoden und Eierstöcke verstrahlt, bei vollem Lohnausgleich, wie die Autorin mit einem seltenen zynischen Anklang bemerkt (schlaflos). Damit ist alles in sich selbst Ruhende, wie es aufscheint in Farben, Freundesnamen, Landschaftsbildern infragegestellt.

Der sauerländische Horizont ist eine Kuh, groß hingelagert gegen den abend. Doch wie sie aus den vier mägen / das fernweh wiederkäut ohne hast, wird aus der Idylle eine Lebenslüge, deren Selbstgenügsamkeit etwas Bedrohliches hat (sauerländer friede). Sie setzt sich fort im Bayerischen Sonntag, dessen satte Übermacht jede andere Wirklichkeit ad absurdum zu führen scheint.

dieser planet / ist eine erfindung. Aber: unser wirkliches / schicksal knistert in unseren Ohren wir verstehen es nicht.

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Berlin als Stadt der Verstörung. Die oft beschriebene Metropole, vermassender Moloch, Fluchtpunkt, anonymes Asyl, Babel am Morgen danach: Die Texte werden nicht lauter, nicht schrill, aber die Verstörung wächst im Erschrecken, daß heute / die zukunft war von schläfe zu schläfe gespannt / in vollkommener dunkelheit (abends im letzten licht durch den park). Den Versuch einer philosophischen, unverklärt gesagt: rein platonischen Flucht, setzt die Autorin ihrer hilflosen wie unbarmherzigen Ironie aus: und still / und blau aus zierlichen brevieren / tropft uns der anarchismus / ins weichgefütterte gehirn. Die lakonische Wahrnehmung jeder hat einen anrufbeantworter / niemand hört dich überschreibt die Dichterin mit dem Titel es sei denn du schreist. Schließlich holt der Expressionismus, das Chaos im Verharren, die Dichterin ein im chorgesang der stürzenden tischtelefone. Viel o statt ach, und nun doch Anarchismus, in Strudel, sprachsprudelnd, das abgestandene Aufbegehren - das reicht einen Text lang, und dann auf! nach tanger!

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Wer so genau kennt, was er verläßt, wer verläßt, was er so genau kennt, wo soll der und wie ankommen können? Und wie und wann zurück? Vom Warum ganz zu schweigen.
Im Oderbruch nahe der deutsch-polnischen Grenze baut die 1949 in Lüdenscheid geborene Dichterin mit ihrem Gefährten an einem uralten Haus. Der Computer eilt der Wirklichkeit voran, verrät ursprüngliches und künftiges Aussehen. Nebenher wächst eine Scheune zur Herberge für Sommergäste heran. Dazwischen im ehemaligen Dorfklub führt eine Stiege hinan zu den Räumen voller
Küchengeschirr und Büchern, mit vielen Tischen und Stühlen, Funktelefon und gilben W„nden. Hier saßen Schriftsteller aus der Region im Kreis, bewirtet mit südländischen Gerichten, angesteckt vom Lachen der Gastgeberin. Und nebenher das Wissen um ein in Lethargie fallendes Dorf voll Arbeitslosigkeit und Suff, gottverlassene Holperstraße und nichtsahnendes Landschaftsidyll... Es wären nicht die ersten Menschen, deren Bleiben jemand sich wünscht, weil er an ihnen schätzt, was ihnen das Bleiben unmöglich macht oder das Sie-selber-bleiben schwer.

Altwriezener Sonett
für Sibylle

Das alte Haus. Als wärs ein Ort zum Sterben.
Im Stall die Schweine. Auf dem Hof das Kind.
Wie sich die Halme und die Himmel färben...
Ich lerne sehn. Die Spiegel werden blind.

Die Ziegel wachsen wieder ins Gebälk
der Scheune und am Dachstuhl hängt der Kranz.
'S ist Erntezeit. Der rote Mohn wird welk.
Wie's endet, weiß ich. Aber wie begann's?

In jeder Hand ein Seil, das Brett zu schmal.
Die Schaukel knarrt wie ein gebrochner Ast,
bevor er abwirft seine letzte Frucht.

Der Traum von Ewigkeit: nur Eifersucht.
Der Mann im Zimmer richtet ohne Hast
den Tisch uns her zum abendlichen Mahl.

Henry-Martin Klemt
März 1994

5

Der Tourist lebt überall gleich. In Moskau, es war Weltfestspielzeit, sagte mir ein solcher, er könne keinen Unterschied feststellen zu Frankfurt/Main, New York oder Paris. Sein Problem bestand darin, daß er außer dem fürstlichen Hotel, dem Taxi zwischen Tscheremetjewo II und der City sowie einer verdüsten Stadtrundfahrt keine Kenntnis genommen hatte von seiner Umgebung.
Wer keine Wurzeln hat, für den ist die Erde ein Laufsteg. Geruch, Geschmack, Fruchtbarkeit und Konsistenz spielen keine Rolle. Aber die Wirklichkeit der Dichterin paßt nicht auf eine Ansichtskarte. Ihr Mitbringsel ist keine Aktentasche mit Geschäftsunterlagen oder Reiseprospekten, sondern ein Koffer voller Zeit, gelebter und ungelebter. Den einen muá sie mit sich tragen, wohin sie auch geht. Der andere füllt sich, langsam, mit Momenten, Berührungen, Enttäuschung, Lust, Verletzung und Glück.
So begannen für Klefinghaus die Jahre in Jemen, Tunesien, Kenia. Entwicklungshelferin nennt man ihren Job hierzulande vom hohen Roß des Eurozentrismus herab. Denn wer da was entwickeln hilft, muß sich außerhalb der Landesgrenzen erweisen. Für die Dichterin, so belegt es ihr Buch, war es sehr wohl ein Unternehmen auf Gegenseitigkeit.

Und wieder sind es zuerst die Details, die sie sich erschließt. Die hehren Gründe ihrer Anwesenheit korrumpieren nicht ihr Empfinden: die abendliche langeweile / kommt auf unerwartet hohen absätzen heißt es im tropischen feierabend. Unerwartet auch im abendlichen Tabarka findet Veränderung statt. von hinten das glück / legt mir seine hand auf die schulter, und die Autorin reagiert mit einer schmerz- wie lustbereiten Geste, sie läßt ihr herz offen.
Gerade das Verhaltene, Unpretentiöse macht den Moment der Harmonie glaubhaft. Es ist ein Moment der Auslieferung.
In Klevinghaus' Tunis-Gedichten rückt Soziales unmittelbarer in den Text. Sie münden in eine Liebeserklärung. tunis meine haut ist mein gedächtnis / du bist das blaue zeichen unter meinem schulterblatt.

Diese Verse erinnern mich an eigenen Aufenthalt in Äthiopien. Da war zunächst überdeutlich der andere Rhythmus, der das Leben bestimmte. Der Anschein eines Weniger an Entfremdung. Unmittelbarer schienen die Lebensäußerungen, die Reflexe zwischen Mensch und Natur. Essen hatte tatsächlich mit Hunger zu tun und Trinken mit Durst. Wärme und Kälte waren keine peripheren Empfindungen, sondern existentiell. Das Sterben brach unverhüllt ein und blieb allgegenwärtig als tote Kreatur unter den Schnäbeln der Geier, als zerfetzter Vogel auf der Straße, als erschlagenes, böses Stachelschwein, als zusammengebrochner Bettler auf dem afrikanischen Markt.
Wüste Schlägereien bis zur bedingungslosen Unterwerfung. Ungehemmt sich darbietende Körperlichkeit in den Kneipen. Tanz, Gesang, und Rauschzustände erzeugende Pflanzen. Großfamilien, Stolz und plötzlich und imperativ: Würde.

Die kann so unnahbar sein, daß sie sich nurmehr mit einem Gefühl dauernder Fremde und Verlassenheit erwidern läßt. Vor allem dann, wenn Hilfe zur Selbsthilfe, zur Emanzipation in fremden Zusammenhängen auf zähen Widerstand trifft, der Geheiligtes zu verteidigen meint.

das schlimmste ist nicht die hitze / das schlimmste sind die gelben menschenaugen / die uns immer beobachten in der nacht / stumm ihren geistern den weg zeigen in unser haus schreibt Klefinghaus lehrend unter dem affenbrotbaum.

Der Kampf gegen den Analphabetismus ist wahrscheinlich der schwerste. Fern der Städte wird er nicht empfunden wie Hunger oder Durst, als Mangel oder gar Makel. Über Mythen, Götter und Überväter kann das Alphabet wie ein Unwetter hereinbrechen. Seine kulturelle Funktion ist ambivalent. Alles, was erscheint, verdrängt auch, zerstört Vorhandenes, gerade durch das Abgeschnitten- und Aufsichgestelltsein so Gewachsenes. Die Schule ist der Anfang vom Ende einer in sich kreiselnden Gemeinschaft, und die daraus erwachsenden Gefühle der Gefährdung althergebrachter Bindungen eilen anerkanntem Nutzwert lange voraus.

Bis die Geister dem Fremdling freundlich gesonnen sind, hat er einen langen Weg zu gehen, von einer Generation zur anderen, von den noch nicht Geborenen bis zu den Schatten der Ahnen. Wo nichts so dominant erscheint wie der Augenblick, umspannt der Zeitenfluß Fauna, Mensch und Vegetation gleichermaáen; es gibt kein abruptes Kommen und Gehen, nur ein Wachsen und Verfallen, Gewesensein und Bleiben im großen Gedächtnis. Eine Unwirklichkeit gibt es nicht. Das Alphabet aber ist auch der Weg ins Abstrakte, das die Wirklichkeit in Wirklichkeiten, die Zeit in Zeiten zerlegt. Wer schreibt, weiß das: Die Verse auf dem Papier haben kaum noch zu tun mit dem Gedicht im Kopf.

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Rückkehr, Rimbeaud und das Schweigen. Ein großes Paket Stille im Gepäck. Aber leicht. Stücke von Koffern oder halbe Liebhaber. Reinkarnation der Sehnsucht: arabische Jahre. vermummte sind wir und fliehen / den langen weg zurück. Sturz ins Fragment, die Sentenz, das flüchtig Flüchtende. zuviel poesie verstopft das herz. Alle Gedichte werden zu einem Gedicht. Die Gegenstände wechseln ihren Ort. Surreale Uhren hängen übern Zaun. Ein morbides Gerippe aus Zufälligkeiten, zwischen denen die steine husten, die weichen pantoffeln zum Synomym jenes Gegenmusters werden, das sich ebenso leben ließe wie die stete Unrast. Scheu werden die Metaphern, Ahnungen, Heim-Suchungen. Wie wirklich sind wir, fragt die Autorin, beschwört das richtige leben, sieht sich als alte frau im Januar: eine reihe von jahren lag vor mir. Das Ende der Hypnose. Das Erwachen in Fesseln. Narrenschellen, Tarnkappe, Ironie im h”chstpers”nlichen stolper-ich.

Aber die Verse sind strenger: monochromer Klang, Konzentration auf den einzigen Punkt. Telepathisches Aufeinanderzu in schwingender Landschaft. Sammeln von Vertraulichkeiten. meine füße liegen beieinander / als wären sie du und ich. Ankunft im Lieben und Geliebtsein?
Eine Sage aus dem schönen Oderbruch. Die Reise geht weiter. Und die Vergangenheit wächst. Wir dürfen neugierig sein auf die Gedichte von Sibylle Klefinghaus.