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Kirsch

Erlkönigs Tochter

Noch immer kommt diese Frau vom Titelblatt auf mich zu. Hinter ihr öffnet Landschaft sich und verschwimmt. Um wie vieles härter ist meine unwillkürlichste Regung. Wühl'nicht auch ich mich mit metallischen Fingern in einen verblutend nachgiebigen Leib? Und diese Frau redet dagegen mit Erdstimme, Mitternachtsmund; "Erlkönigs Tochter" nennt sie das schmale Bändchen neuer Gedichte. Wie zum Schutz gegen mystische Verklärung setzt sie Namen von Orten und Gestalten, die durch ihre Verse wehen. Schwatzt nicht, zelebriert nicht, sagt: "Es riecht nach Tang Salz und Wahrheit". Ihr Vers klingt auf, füllt den Raum, und dennoch schwingt darin Unnahbarkeit, als müsse auch Poesie sich vor allem Endgültigen bewahren. Denn alles Endgültige ist nichtig. Das sagt ihr Gesicht, und das Meer, das nördliche, ist allemal lauter als sie. "Der/ Wind ist alt er/lachte als er mich/sah". Ironie ist ihr schwerlich zu glauben, verschluckt sich zeilenweis selbst. Am Ende bleibt immer ein elegisches Aufgehen in der allgegenw„rtigen Verg„ngnis. Daá die ihre Tragik verliert und annehmbar wird bar missionarischen Gesäusels, macht die Dichterin aus. Sarah Kirsch.

Sarah Kirsch, Erlkönigs Tochter, Gedichte, 68 Seiten, Deutsche Verlags Anstalt Stuttgart, 1992


1992