Uta Leichsenring
Es geht mir nicht um Macht
Fünf Frauen sind in Führungspositionen bei der deutschen Polizei tätig. Eine von ihnen ist Uta Leichsenring, Polizeipräsidentin von Eberswalde. In der Wendezeit arbeitete sie mit an der Auflösung der Potsdamer Stasi. Brandenburgs Innenminister Alwin Ziel schlug der 44jährigen Mutter zweier Kinder 1990 vor, zivile Dienstherrin von rund 900 Polizisten zu werden. So kam sie in jene Stadt, in der Amadeu Antonio erschlagen wurde. Zu ihrem Verantwortungsbereich gehört auch Bernau, wo Polizisten in diesem Monat (Februar) mit einer Anklage wegen Mißhandlung vietnamesischer Brger zu rechnen haben.
"In der Stadt zu leben, in der Amadeu Antonio erschlagen wurde, das ist ein Erbe, mit dem ich bis heute nicht fertig geworden bin", sagt Uta Leichsenring. Auch wenn Polizisten heute anders handeln würden, müßten Unbeteiligte angesichts des vierjährigen Weges durch die Justiz und bis zum Freispruch den Eindruck gewinnen, daß hier etwas verschleppt und vertuscht werden sollte. "Ich bin nicht glücklich damit."
Um den Hals hat die Polizeipräsidentin einen Krinkelschal geschlungen. Jeans und Wolljacke muten eine Spur zu leger an für das nüchtern eingerichtete Dienstzimmer. "Ich muß mich bewegen können", meint die 44jährige. Außerdem will sie sich nicht verkleiden, verstellen. Sie spricht leise, weder vertraulich noch distanziert. Eine Frau an der Spitze von 900 Polizisten. "Eigentlich finde ich das ganz normal." Ungewöhnlich sei wohl eher, daß ein Laie in diese politische Funktion berufen werde. Aber doch auch verständlich, "um ein Zeichen zu setzen, daß die Polizei im demokratischen Rechtsstaat kein militärisches Organ mehr ist". Auch als Wechsel von der Ohnmacht zur Macht will sie ihre Karriere nicht sehen. "Es ist wahr, daá ich in meinem Leben oft Ohnmacht empfunden habe. Aber es geht mir jetzt nicht um Macht, sondern um die Möglichkeit, mitzugestalten."
Polizei war früher kein Thema für mich
Bis vor fünf Jahren wäre "Polizei kein Thema" für sie gewesen. Auch wenn sie in der Vergangenheit keine unmittelbaren Probleme mit der uniformierten Staatsmacht hatte. "Ich bin ein Kind der DDR", erzählt sie und meint damit den Weg durch Pionierorganisation und FDJ, Lehre, Studium und Beruf.
Wie die DDR im Weltmaßstab abschnitt, erfuhren Uta Leichsenring und ihre vier Geschwister allerdings schon am Abendbrottisch in Wilhelms- horst unweit von Potsdam. Ihr Vater, der im Außenhandel tätig war,brachte seinen Kindern beizeiten bei, nicht alles unbesehen hinzu-
nehmen. Und das Mädchen spürte bald, daß es der neuen Generation von Funktionären nicht mehr so sehr um eine gerechte Gesellschaft ging, als vielmehr um persönliche Macht. "Das hat mich davor bewahrt, in die Partei einzutreten."
Nach der Lehre zur Datenverarbeitein nahm sie ein Fernstudium auf und fand Arbeit in einem Bauingenieur-Büro. Ihren Mann, einen Biochemiker und Leistungssportler aus dem Erzgebirge, lernte sie bereits mit 16 Jahren kennen. Kaum volljährig, heiratete sie. "Er hat etwas, das ich Herzensbildung nennen würde." Im Abstand von zehn Jahren kamen zwei Söhne zur Welt. Der Ältere, heute 26, mußte auf den Besuch der Er- weiterten Oberschule verzichten, weil er nicht bereit war, für drei Jahre zur Armee zu gehen. "Das war schon eine Enttäuschung, aber ich war auch froh, daß die Kinder nicht heuchelten, um einen Vorteil zu bekommen."
Auch im Bauwesen war es nicht schwer, die Diskrepanz zwischen offiziellen Phrasen und Wirklichkeit zu erfahren. Einen Ausweg wußten weder Uta Leichsenring noch ihre Kollegen. Bei den Gesprächen im Freundeskreis hielt sie sich an der Hoffnung auf Reformen nach sowjetischem Vorbild fest. Deutlich erinnert sie sich noch an das Entsetzen über Hagers Bemerkung vom Tapetenwechsel des Nachbarn, den man nicht mitmachen müsse. Den Grundsatz aber, daß der "realexistierende Sozialismus" die menschenfreundlichere Gesellschaft sei, wollte sie nicht aufgeben, bis im Sommer 1989 die Jugend das Land zu verlassen begann. Als sie die Illusionen verlor, schien ihr Weggehen dennoch keine Alternative zu sein. "Es gab schon eine Vorstellung, daß Menschen wie wir im Westen nicht bestehen könnten. Unterschwellig hat die gesellschaftliche Erziehung eben doch gewirkt." Die Durchhalteparolen der Potsdamer Parteileitung widerten sie freilich nur noch an.
Mit der Wende begann die Zeit zu rasen
Eine ihrer Kolleginnen hatte sich seit längerem in der Potsdamer Bürgerrechtsgruppe Argus engagiert, die sich mit Stadtgestaltung und Um- weltschutz beschäftigte. "Das hat mich interessiert." An jenem Tag, als sie zum ersten Mal bei Argus mit am Tisch saß, begann für Uta Leichsenring ein Jahrfünft, das so rasant verging, daß sie sich an Einzelheiten kaum erinnern kann.
Obwohl sie nicht Mitglied war, schickte die Gruppe sie in die Bürgerkommission zur Auflösung der Staatssicherheit. Dort half Uta Leichsenring, das Potsdamer Schriftgut zu sichern. Nach zwei Tagen wurde sie in den Betrieb zurückgerufen, weil sie unentbehrlich sei. "Wochenlang hatten wir demonstriert, auch vor der Stasi, um das zu erreichen. Ich verstand nicht, was in dem Moment hätte wichtiger sein sollen." Später habe sie zu ahnen begonnen, wer Interesse daran hatte, sie von den Akten fernzuhalten. Nach der Volkskammerwahl im März 1990 kündigte sie ihren Job und setzte ihre Arbeit im Staatlichen Auflösungskomitee unter Innenminister Peter-Michael Diestel fort. "Dort war ich die einzige, die vorher nicht bei der Stasi war."
Uta Leichsenring fühlte sich gegenüer der Öffentlichkeit vorgeschoben, benutzt. "Natürlich brauchten wir auch die Kenntnisse von Insidern. Aber ich hatte das Gefühl, daß die Mauschelei weitergeht. Vom Ministerrat kamen schon wieder die ersten Maulkorberlasse, und ich wollte Transparenz." Als sie einer Regisseurin, die in der DDR im Zusammenhang mit ihrem Ausreiseantrag verurteilt worden war, bei der Suche nach den am Prozeß Beteiligten half, fühlte sie sich wie beim Wettlauf von Hase und Igel. Wohin sie kam, wußte man schon bescheid. "Die hatten alle noch Kontakt untereinander."
Lange Zeit hatte sie geglaubt, bei den ehemaligen Stasi-Mitarbeitern auf Offenheit rechnen zu können, nachdem auch sie begriffen hätten, daß endgültig Schluß sei. "Ich habe mich eigentlich immer bemüht, nicht aggressiv aufzutreten. Das war mitunter falsch. Wir sind manches Mal über den Tisch gezogen worden."
Nach einem viertel war Uta Leichsenring bereit, das Handtuch zu werfen. Der Zufall wollte es, daß zur gleichen Zeit der Volkskammerausschuß zur Kontrolle des Staatlichen Komitees gebildet wurde. Als Bezirksbeauftragte in Potsdam begann Uta Leichsenring die OibE-Strukturen aufzuarbeiten. Bis dahin hatte niemand über die Offiziere im besonderen Einsatz gesprochen. Nahtlos erfolgte auch der Übergang in die Gauck-Behörde als Potsdamer Archivleiterin. Als in Brandenburg 1991 das Polizeiorganisationsgesetz verabschiedet war, wurde Uta Leichsenring von Innenminister Alwin Ziel gefragt, ob sie ein Polizeipräsdium übernehmen würde.
Zuhause haben wir anfangs nur gelacht
"Zuhause haben wir erst einmal nur gelacht." Dann aber rieten ihr auch Freunde, die bis dahin nichts mit der Polizei zu tun haben wollten, den Vorschlag anzunehmen. Über die Konsequenzen war sie sich in diesem Augenblick noch nicht klar. Als sie nach zwei Jahren endgültig umzog, blieb ihr jüngerer Sohn bei seinem Bruder. Sie respektiert die Entscheidung des beinah 17jährigen Gymnasisten. Trotzdem tut es weh. Man sieht es ihr an.
Bis 1991 war mit der Polizei nicht viel geschehen. In nur vier Monaten mußten die neuen Präsidien aufgebaut werden. Eine Urkunde an der Wand, überreicht von den Kollegen des Aufbaustabes, erinnert daran. Uta Leichsenring mußte auch bei sich selbst das weitverbreitete Mißtrauen beiseiteschieben, gerade weil sie inzwischen die mit Staatssicherheit und Partei verflochtenen Strukturen kannte. Der Denkprozeß, wußte sie, braucht bei jedem einzelnen seine Zeit. "Ohne Vertrauensbonus ging es nicht."
Was sich hinter mancher Freundlichkeit verbarg, hat sich später als bittere Entt„äuschung erwiesen. Manche währt bis heute, da nach und nach die Gauck-Bescheide eintreffen. "Ich habe immer gesagt, das braucht keiner mit sich herumzuschleppen. Zu mir kann jeder kommen. Wer 1990 noch Angst hatte, daß nun mit dem eisernen Besen gekehrt würde, hätte zumindest später den Mut finden können, sich zu offenbaren. Eine Einzelfallprüfung gibt es in jedem Fall." Etwa zwanzig der bislang als belastet geltenden Angestellten sollen im Dienst bleiben. "Solche Entscheidung ist eine emotionale Belastung", räumt die Präsidentin ein. "Dahinter steht immer ein Mensch."
Corpsgeist und Gewalt
Als im vergangegen Jahr durch die Presse die Nachricht ging, daß in Bernau eine Reihe Polizeibediensteter vietnamesische Zigarettenhändler mißhandelt haben soll, Staatsanwaltschaft und LKA sich des Falls annahmen und die Ermittler auf eine Wand des Schweigens stießen, überfielen Uta Leichsenring die Zweifel, ob es ihr bei aller Geduld gelingen würde, ihre Ansprüche zu verwirklichen, aufzubauen, was sie sich vorgenommen hat. "Trotzdem muß gerade ich mich vor Pauschalurteilen hüten. Wer, wenn nicht ich?" So stellt sie sich vor die Mehrheit ihrer Bediensteten, will nicht gelten lassen, daß es in der Polizei rassistische Tendenzen gäbe. Und sie spricht über den Unterschied zwischen dem Corpsgeist, den sie aufbrechen will, und der Solidarität von Menschen, die auch in Ausnahmesituationen aufeinander angewiesen sind. "Die Grenzen sind fließend."
Sieben Bedienstete sind, noch bevor in diesem Monat Anklage erhoben werden soll, suspendiert worden. Einer wurde aus dem Dienst entfernt. "Das ist keine Vorverurteilung. Aber jemand, der von solchen Vorwürfen betroffen ist, kann nicht mehr unbefangen seinen Dienst versehen."
Wenn Uta Leichsenring an die Zukunft denkt, sieht sie vor allem ihr Präsidum und keinen Sessel im Innenministerium. "Man kann dieses Amt sehr lange ausüben, wenn dem keine politischen Entwicklungen entgegenstehen." Sie ist ein bodenständiger Mensch, der hofft, daá er sich nicht allzu sehr verändert hat. Und sie möchte gern miterleben, was durch sie verändert wurde. Wenn das Fahrwasser etwas ruhiger würde, hätte sie nichts dagegen. "Es klingt abgedroschen und viel zu groß, aber was ich mir wirklich wünsche, ist Frieden. Daß die Völker nicht übereinander herfallen." Es ist das erste Mal, daß sie zögert, weiterzusprechen. "Daß Gewalt kein Mittel der Auseinadersetzung ist. Das fängt im Kleinen an, bei uns."







