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Von der Geduld, die etwas braucht, das wächst- Mar

Die Möbelfabrik damals

Maria Lucas hat in Frankfurt (Oder) ein Erbe angetreten, das nicht nur aus Häusern besteht

„Ich habe nicht die richtige Beziehung zum Geld, sonst würde ich so nicht handeln“, gesteht Maria Lucas. Was aber macht die 1943 im Zeichen des Skorpions Geborene zur Immobilienbesitzerin, Bauherrin, Bittstellerin im Förderdschungel? Hätte sie das einst von Großvater Fritz Gerstenberger gestaltete Gelände in Frankfurt (Oder) verkauft, brauchte sie sich keine Sorgen um denkmalgeschützte Walmdächer, Backsteinarchitektur und multifunktionale Mischgebiete zu machen. „Wir leben alle nur ganz kurz. In zehn oder zwanzig Jahren sind wir weg. Aber wenn man etwas Kulturelles schafft, das hat vielleicht Bestand.“

Die schlanke Frau lässt sie sich in einen der alten Sessel sinken, die junge Leute in das Schuppen-Theater geschleppt haben. Mit dem Vereinschef und Dichter Frank Radüg unterhält sie sich, statt über den Mietzins, lieber über eine neue Inszenierung oder über den Kreativhort, von dessen langfristiger Wirtschaftlichkeit sie überzeugt ist. Zuhören kann sie. Wegsehen nicht. So lange jedes Jahr 2000 Menschen aus Frankfurt verschwinden, fehlt etwas zum Leben.

Maria Lukas Foto: Henry-Martin Klemt

Vielleicht hätte Maria Lucas sich eine Firma gesucht für das Jonglieren mit siebenstelligen Summen, wäre da nicht das Erbe hinter dem Erbe gewesen. Liefe da nicht noch immer ein kleines Mädchen dem Maschinenlärm nach, dem Geruch des Holzes, dem Kreischen der Sägen. Sie war die Schnellste ihres Alters. Auch Jungens hielten da nicht mit. Ein Arbeiter musste sie einmal in letzter Minute von einer Maschine wegreißen. Die Ohrfeige hat ihrer Neugier nicht wehgetan.

Auch ihr Großvater geht noch immer mit starken Händen zwischen den Ziegelmauern umher. Zu Gründerzeiten hatte er aus einer Klitsche mit 12 Leuten den modernsten Möbelhersteller Deutschlands gemacht. 1200 Mitarbeiter. Ein eigener Güterbahnhof und ein Verladeplatz am Strom. Bis ins Baltikum, nach Russland, England und Frankreich gingen die Exporte. „Großvater war eine absolute Autorität, ein fachmännisches Genie.“ 16 Schornsteine standen in der Lebuser Vorstadt. Bis der Weltkrieg begann, in den Vater und Großvater freiwillig zogen. 17 Jahre alt der eine, der andere 42. Der Ältere fiel in der ersten Schlacht. Der Jüngere wurde Ingenieur und übernahm die Firma, als die Ostmärkte zusammengebrochen waren.

Mit der Machtergreifung der Nazis gingen die Schwierigkeiten weiter. Der NSDAP wollte der Vater nicht beitreten. Die Familie wich aufs Landgut nach Pommern aus und kam erst mit dem Treck nach Frankfurt zurück. „Alles war ausgebombt. Ich habe als jüngstes von vier Kindern bei einem Bauern gelebt und auf den Höfen um Milch gebettelt.“ Die Mutter züchtete Bienen und las französische, englische Literatur im Original. Der Vater besorgte in Westberlin Werkzeug und Material. In die Partei trat er wieder nicht ein.

Als der Kapitalist mit Kindermädchen, Gärtner und zwei Autos 1953 verhaftet werden sollte, floh die Familie Hals über Kopf. Der Fall von Daunen auf Strohsäcke im Flüchtlingslager: ein Abenteuer für das Kind. Ein Neuanfang in Detmold. „Meine Schwester und ich hatten zusammen drei paar Socken, die wurden wechselweise gewaschen. Aber mein Vater hat immer für Essen und Trinken gesorgt und nie seine Würde verloren.“ Maria Lucas wurde nach dem Gymnasium Chemotechnikerin in Berlin und später EDV-Kauffrau in einem Verlag bei Wiesbaden. Dazwischen lagen Heirat und Geburt ihres Sohnes.

Fast jedes Jahr besuchte sie ihre Verwandten in der DDR. Im Müllroser See hatte sie schwimmen gelernt, wie ihr Sohn und ihre Mutter. „Ich habe mich nie als Ossi oder Wessi empfunden. Aber wenn ich mit dem Fahrrad durch einen Kiefernwald fahre, bin ich wieder ein fünfzehnjähriges Kind. Das ist eine Erdverbundenheit, die bleiben wird, und sie ist an diese Gegend gebunden.“ Um das Betriebsgelände hat sie damals einen Bogen gemacht. Wer dort mit einem Fotoapparat auftauchte, wurde schnell für einen Spion gehalten. „Auch wenn ich hörte, wie in der alten Wohnung fremde Leute auf unserem Klavier spielten, war das ein komisches Gefühl.“

Nach der Wende machte sich Maria Lucas auf den Weg. Die Möbelfabrik zu übernehmen, traute ihr die Treuhandanstalt nicht zu. „Dabei hätte ich das gern gemacht.“ Erst als der clevere Investor verschwunden war, der den Zuschlag erhalten hatte, bekam sie das Gelände zurück. Aus der Familie wollte sich niemand darum kümmern. Interessenten vor Ort dachten eher an Totalabriss und Wohnungsneubau. „In Kalifornien gibt es überall diese alten verlassenen Ölsardinenfabriken am Meer. Vielleicht hat mich das beeinflusst. Ich hatte immer die Vision, genau so wie dort Theater, Kunst, Kleinhandwerk in den verwinkelten Klinkergebäuden anzusiedeln. Das von Natur aus Gewachsene ist auch das Reizvolle. Heute wird viel zu schnell gebaut, an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Die schnurgerade Straße schafft keine Lebenskultur.“

Gerstenberger Höfe Foto: Klemt

Die Gebäude mit den 50er Wänden, meinte ihr Architekt, halten noch hundert Jahre. Also sanierte Maria Lucas zuerst das Jugendstil-Haus an der Oder. „Binnen einer Woche hat die Sparkasse das Geld bewilligt.“ Die Mieten in Frankfurt waren auf Münchner Niveau explodiert, jeder innerstädtische Standorte begehrt. Maria Lucas konnte das Areal des Großvaters wieder zusammen fügen. „Das letzte Grundstück habe ich erst ein Jahr, nachdem ich es bebaut und vermietet hatte, zurück gekauft. Das Risiko wäre wohl kaum ein anderer eingegangen.“

Wären die Gerstenberger Höfe, wie sie nun heißen, ein Zelt, so könnte man sagen: Sie hat die Pfosten aufgestellt und die Schnüre festgezurrt. Manchmal pfeift ihr ein Hering aus der gespannten Leine und muss in den losen Boden zurückgestemmt werden. Maria Lucas ist da, wenn ein neuer Kunstkeller mit einer Ausstellung eröffnet wird, bevor noch die Wände geweißt werden konnten. Wenn im alten Kesselhaus Puppenspieler in die Welt der Märchen aufbrechen. „Ich finde einfach gut, was sie machen und wie sie untereinander kommunizieren. Wir können es uns nicht leisten, junge Leute ohne Arbeit auf der Straße stehen zu lassen. Mit den Kindern etwas zu machen – das ist unsere Zukunft.“

Doch der eigene Sohn wirft ihr vor: Du hast dich immer nur um dein Frankfurt (Oder) gekümmert. „Der Junge hat Recht. Manchmal mache ich mir Vorwürfe deswegen. Ich habe immer versucht, das auszugleichen, aber die Familie hat darunter gelitten.“ In den letzten zehn Jahren ist Maria Lucas noch ein bisschen spröder geworden. Das Hin und Her. Das Herumschlagen mit Unternehmen und Planern. Die Gründung der eigenen kleinen Baufirma. Das zähe Bemühen, die Ideen aus ihren Workshops zur Stadtteilentwicklung Wirklichkeit werden zu lassen. Die wachsenden Vermietungsschwierigkeiten angesichts der Bevölkerungsflucht. Das hinterlässt Spuren in Sprache, Gestus und Gesicht. Aber irgendwann wird es die Jugendherberge am Ufer geben. Irgendwann wird sich das Areal zu einem lebendigen Komplex fügen.

Maria Lucas hat die Geduld, die etwas braucht, das wächst. „Das hier ist eine kleine Insel für sich.“ Wenn die Kinder Frankfurts ihrer Stadt nicht mehr den Rücken kehren, wird dieser Ort ein richtiges Zuhause sein.

Es tut sich was im alten Möbelwerk

Doch noch Jugendherberge in Frankfurt (Oder)?

Frankfurt (Oder). Von einer Jugendherberge in Rosengarten war schon die Rede. Aber was sollten unternehmungslustige junge Leute JWD? Auch ein Stadtquartier wurde in Aussicht genommen und verworfen. Jetzt liegt dem Jugendherbergswerk ein neuer Vorschlag auf dem Tisch, doch kommt er diesmal nicht aus der Stadtverwaltung, sondern von Maria Lucas. Die Immobilienerbin hat mit ihrem Mantz&Gerstenberger-Zentrum in der Vergangenheit mehrfach positiv auf sich aufmerksam gemacht. Neben einem echten Mischgebiet mit Handel, Wohnen und Gewerbe etablierte sie auf dem Gelände das Theater des Lachens, die Kulturfabrik, das Theater im Schuppen. Sie wartet nicht nur auf die mehr als moderaten Monatsmieten, sondern sitzt in den Vorstellungen und Veranstaltungfen, spricht mit den Machern der freien Kulturszene und lät sich von tollen Ideen anstecken. Inmitten des bunten Trubels könnte nun auch die Frankfurter Jugendherberge entstehen, untergebracht in einem 65 Meter langen Gebäude mit Blick zur Oder, Glasterrasse und durchsichtigem Auenfahrstuhl. Eine entscheidende Lücke im Tourismusangebot liee sich damit schlieen. Das Areal von

20 000 Quadratmetern würde eine weitere Belebung erfahren. Mit wachem Blick verfolgt Maria Lucas auch die sich bietenden Fördermöglichkeiten durch die Europäische Union. "Wenn wir mit unseren Plänen Unterstützung fänden, liee sich eine ganze Menge machen. Bisher gab es leider statt Fördermitteln nur denkmalpflegerische Auflagen", meint die rührige Geschäftsfrau. Ein Vorbild steht ihr allemal vor Augen: Hatte nicht schon ihr Grovater aus einer bescheidenen Tischlerei ein Werk für 1200 Mitarbeiter entstehen lassen? Natürlich braucht es dazu eine erfolgreiche Vermarktung - vor allem des alten Möbelhauses. Aber zugleich setzt Maria Lucas auf die Kooperations- und Kompromifähigkeit ihrer jungen Mieter, auf die Ideen, die immer wieder beharrlich weiterverfolgt werden. Warum sollte Frank Radüg vom Schuppentheater nicht irgendwann seinen Traum von einer Kreativ-Kunst-Schule verwirklichen? Vorerst bemüht er sich mit seiner Truppe um die Einrichtung einer alternativen Kinderbetreuung mit den Schwerpunkten Kunst und Gestalten. Warum sollte die KuFa nicht umziehen und in einem anderen Gebäude einen gröeren Saal zu ebener Erde beziehen? Schlielich ist sie schon jetzt an jedem Wochenende Anziehungspunkt für 500 bis 700 Jugendliche. Warum könnte nicht noch eine Computerschule hinzukommen, in der die Kinder der Informationsgesellschaft ganz praktisch lernen, ihr Motherboard zusammenzuschrauben, sich die nötigen Treiber für ihre Software aus dem Internet zu laden und selber Programme zu schreiben? Das Internet-Café Le frosch ist schlielich gleich nebenan. Der Kunstverein kann eine Werkstatt für Lithographie und Kupferstich eröffnen, die Schulen und anderen Bildungsträgern zugute kommt. In den Höfen können grüne Inseln entstehen, aber auch Street- und Korbballflächen, die sich während der Bürozeiten auch zum Parken nutzen lassen. Und alles das sind Angebote, die auch für die Rucksacktouristen aus aller Herren Länder ihren Reiz haben. Keine hochgeklappten Bürgersteige, sondern buntes, interessantes Leben. "Wir sind gespannt, was das der DJH Landesverband Berlin-Brandenburg zu unseren Vorstellungen sagt", erzählt Maria Lucas. Immerhin wäre das Haus mit rund hundert Betten auch eine Bauinvestition von mehr als achteinhalb Millionen Mark.