Der Stukkateur Ulrich-Christian Müller
Ein Philosoph mit den Händen
"Du mußt dich mit dem Material unterhalten", sagt Ulrich Christian Müller. "Mußt es als Organismus ansehen, als einen Teil der Welt, der mit dir harmoniert. Das ist nicht bloß eine Sache. Das ist eine Verbindung zu deinen Vorfahren und zu denen, die nach dir kommen." Wer so über seinen Job redet, bei dem hat es irgendwann gefunkt, ist der Beruf auch auch Berufung. Sage niemand, so einer hätte es leichter, als andere, die notgedrungen ihren Job erledigen. Anspruchsdenken dieser Art und Effizienz sind verschiedene Schuhe, die passen nicht immer an einen Fuß. Manchmal schon stand Müller vor der Entscheidung, einen Auftrag anzunehmen, der eher die Vergewaltigung eines Hauses bedeutet hätte als dessen Sanierung, oder Sicherheit und Arbeitsplätze zu gefährden. "Es fällt schwer, eine Chance auszuschlagen, aber bisher habe ich dann immer auf meine innere Stimme gehört."
Der 35jährige Stukkateur, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und noch vor dem Ende der DDR als einer der ersten seinen eigenen Betrieb gründete, hat schon als Junge bei Walter Kreisel im Bildhauer-Atelier gesessen und an einigen Werken, die später in Frankfurt(Oder) aufgestellt wurden, mitgearbeitet. Andächtig verharrte er im Naumburger Dom unter dem übermächtgen Jesus, während die alten Handwerksmeister sich in lichter Höhe zu schaffen machten. "Das war ein Urerlebnis. Plötzlich war mit klar, was ich werden muß." Mitte der 80er Jahre entwickelte Müller mit seinen damaligen Kollegen ein inzwischen patentiertes Verfahren der "Freskosicherung in sito", im Ganzen also, ohne Zerlegung der kostbaren Decken mit allen einhergehenden Subastanzverlusten. Das machte ihn in der Fachpresse über die DDR-Grenzen hinaus bekannt. Er bekam exklusive Angebote, auch aus der Bundesrepublik. Lange trug er sich mit dem Gedanken, das Land zu verlassen. "Aber als die Ausreisewelle über Ungarn rollte, wußte ich, daß bald Schluß ist mit der DDR, mit der Bevormundung und Einschränkung." Außerdem gab es profunde Mitstreiter hier. Auf Ex-Oberbürgermeister Fritz Krause zum Beispiel weiß Müller ein Hohelied zu singen. "Also blieb ich, Odermenschkind, das ich nunmal bin."
Die Qualifizierungsmöglichkeiten, die sich im Westen unmittelbar nach der Wende boten, nutzte er jedoch weidlich aus, wurde Restaurator-Geselle, machte sich in Sachen Betriebswirtschaft kundig. Schloß Nymphenburg und der Berliner Funkturm waren seine ersten Baustellen 1990. Müller wurde Mitglied des Deutschen Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda und korrespondierendes Mitglied des europäischen Pendants in Venedig. Dort laufen zeit- und geldaufwendige Studien zu Baumaterialien und -techniken, von denen er an der Oder profitiert. Historische Rezepturen und Verfahren werden dort zu neuem Leben erweckt. "Das kann keiner allein bewerkstelligen", meint Müller. Aber ein kleines Labor leistet er sich trotzdem, um Putzuntersuchungen und ähnliches anstellen zu können. Heute hat er 24 Mitarbeiter in Lohn und Brot. "Endlich so restaurieren, wie ich es mir wünsche, das war alles, was ich wollte. Ohne meine Leute, die genauso denken, wäre ich nichts."
Häuser wehren sich gegen das Falsche
Jedes Haus ist eine Herausforderung für ihn. "Das fängt mit der Verantwortung vor dem Material an, mit dem Verstehen der anderen Gewerke, der Zimmermänner, Maurer, ihrem Zusammenspiel." Weil kein Gebäude wie das andere ist, braucht es Lernbereitschaft, Geduld und Ausdauer, ästhetisches Verständnis natürlich und einen offenen Blick für die Welt. "Am reizvollsten ist sicher das Historische. Immerhin ist der Stukkateur einer der ältesten Berufe, die es gibt. Bis in die Höhlenzeit reichen seine Wurzeln zurück." Von den Blütezeiten seines Standes hängt Müller vor allem am Barock. "Das ist die Inkarnation der schlichten Eleganz." Bei den Altvorderen hat Müller gelernt, daß eine Fassade ohne Farbe wirken muß, allein durch das Spiel von Licht und Schatten, die Plastizität, die einen Gesamteindruck schafft. "Gegen Pfusch wehrt sich das Haus", ist Müller überzeugt. Falsches Material stößt es ab, sobald es kann. Schlechtes Handwerk bestraft es mit vorzeitigem Verschleiß. Deshalb zitiert der Meister gern seine Altvorderen, der zu sagen pflegte: "Wir sind zu arm, um billig zu bauen."
Glücklicherweise gibt es auch heute noch zahlreiche Bauerren, die dafür ein offenes Ohr haben. "Meistens sind es die, die ein Haus nicht nur als Investititon betrachten, sondern selbst darin leben oder arbeiten wollen." Schmitz und Jonas zum Beispiels, die das preisgekrönte Türmchenhaus wieder zum Lindenpalais auferstehen ließen. Oder das "Knusperhäuschen" des Architekten Hartzsch, dessen Blicke über jeden windschiefen Wandwinkel streifen, als wären es die erotisierenden Linien einer Frau. Oder die Post, als sie sich endlch von der unsäglichen Zwischendecke in ihrer prachtvollen Schalterhalle trennte. "Schließlich ist eine gediegene Sanierung die beste Zukunftsinvestititon." So ist es vielleicht auch kein Zufall, daß Müller 95 Prozent seiner Aufträge durch Mundpropaganda und Weiterempfehlung erhält. Zu seinen neuesten Projekten gehört die Restaurierung des Bundespräsidentenpalais in Berlin, der Residenz Roman Herzogs. Dort wird die älteste Stucktechnik angewandt, stuccolustro, um dem Schloß Bellevue seinen ursprüngliche Charakter zurückuzugeben.
Gleich zweimal wurde Müller in jüngster Zeit ausgezeichnet: Für das Restaurierungskonzept und die öffentlich geförderte Restaurierung der Fischerstraße 52 von der Gründung bis zum First erhielt er den Bundes-Denkmalpflege-Preis der Deutschen Stiftung Denkmalpflege. Als Firma wurde ihm die gleiche Ehrung für das Lindenpalais zuteil. "Ich denke, damit wird das Durchhaltevermögen für den persönlichen Anspruch anerkannt. Der Preis hilft, Denkmalpflee wieder salonfähig zu machen, sie wegzurücken von einem Image als Hemmschuh bei der Stadtgestaltung. Aber auch die Stadtsanierungsgesellschaft wird damit ermutigt. Schließlich ist Förderung unheimlich wichtig, weil auch Leute, die einen Anspruch haben, ihm sonst finanziell oft nicht gewachsen wären." Außerdem haben Elka Annuß von der GSW und Hella Fenger von der Stadt den Bauherren, so Müller, zahlreiche bürokratische Wege abgenommen. "Und sie freuten sie sich immer mit, wenn etwas wuchs, Stück für Stück und Detail für Detail, haben die Signalwirkung weitergetragen, die von den ersten Erfolgen ausging. Deshalb werden auch sie mit diesem Presi gewürdigt." Aber auch andere würde der Stukkateur gerne gewürdigt wissen. "Den Architekten Christian Nülken zum Beispiel. Oder meine Frau. Der muß ich einfach Dankeschön sagen dafür, wie sie es mit mir aushält. Oder meine Söhne, der im Urlaub ein halbes Dutzend Kirchen sehen, statt nach Disneyland zu fahren."
Müller, so wie er spricht und so wie er arbeitet, ist ein Philosoph mit den Händen. Ganz im griechischen Sinn dieses Wortes. Ein Freund der Weisheit, die man sehen, anfassen und vor allem: bewohnen kann.