Nur einen Zopf kann ich nicht flechten
Stefan Sarrach und sein Weg zur Kommunalpolitk
In Wendezeiten nahm der Soldatensohn Stefan Sarrach sein Abiturzeugnis in Empfang. Das stimmte, ansonsten stimmte nichts mehr, vor allem nicht die wendigen Lehrer, die flugs ihre Parteigruppe auflösten, so daß Sarrach, der monatelang um seine Kandidatur gekämpft hatte, plötzlich das letzte SED-Mitglied an seiner Fürstenwalder Schule war. Das war nicht die erste Erfahrung mit Heuchelei und Verlogenheit.
Schon in der Buddelkastenzeit lernte Sarrach den Standesdünkel kennen. Der Knirps eines Majors durfte sich vom Fähnrichssohn Stefan auch beim Spielen nichts sagen lassen, sonst bekam er Stubenarrest. Dafür durfte der Majorssohn verkünden, daß er Westfernsehn sieht, und der andere mußte darüber schweigen. „Das schleppe ich bis heute mit mir rum.“ Ansonsten schien die Welt in Ordnung zu sein, obwohl die Kindheit mit acht Jahren zu Ende ging. Ein beginnender Knochenkrebs führte zur Amputation von Arm, Schulterblatt und Schlüsselbein. Nur zehn Prozent der Betroffenenen überleben diese Krankheit. Stefan kam mit einem halben Jahr Krankenhaus davon. „Ich war danach nicht mehr so unbekümmert“, erinnert der 24jährige sich. Doch die DDR war für ihn der Staat, der alles bezahlte, was die Krankheit mit sich brachte. Und noch heute weiß Sarrach zu schätzen, daß im Klinikum Buch Ärzte, Orthopäden, Werkstätten in einem Komplex untergebracht waren. „Wenn eine Prothese nötig war, begann man sofort mit dem Bau. Wenn es länger dauerte, lag es am fehlenden Material. Heute braucht die Krankenkasse ein dreiviertel Jahr bis zum Kostenvoranschlag und die Nieten der neuen Prothese rosten, weil die Kasse nur Billigware bezahlt.“
Sarrach sagt das ohne Zorn und Eifer. Längst ist der Rechtsstudent im siebenten Semester mit dem Berufsziel Verwaltungs-jurist nicht mehr der „Hardliner“, als den er sich rückblickend in seinen FDJ-Funktionen sieht. „Ich hatte keine Westverwandtschaft, keine Freunde, die das Land verließen. Die Abstimmung mit den Füßen konnte ich nicht verstehen, nicht den Aufschrei der Botschaftsflüchtlinge, als Genscher ihnen die Ausreise zusagte, und den Aufruf des Neuen Forum auch nicht.“ Aber er bekam auch keine befriedigenden Antworten auf seine Fragen. In der Mitgründung des Freidenkerverbandes Fürstenwalde sah Sarrach eine Möglichkeit politischer Mitwirkung. Ein Jahr lang arbeitete er als Geschäftsführer für Jugendweihe in Fürstenwalde. Für die PDS zog er als Nachfolgekandidat 1990 als jüngster Abgeordneter in den Kreistag ein. „Bewirken konnten wir außerhalb der Ausschüsse wenig. Die meiste Zeit wurden wir in die Ecke gedrängt und beschipmft. Handlungsspielräume gab es kaum.“ Obwohl sie ihn zuweilen bitter ankam, war die permanente Konfrontation eine wichtige Erfahrung für ihn. Statt die Zurufe: „Gehen Sie doch nach Kuba!“ zu beherzigen, wandte Sarrach sich seiner Heimatstadt zu, wo gerade die Viadrina-Universität gegründet wurde. In der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung erlebte er einen anderen Stil, sachbezogen und nicht selten parteienübergreifend. „Von Politik erwarte ich, daß die Kompetenzen von Betroffenen eingebracht werden. Daß junge Leute über Jugendpolitik mitentscheiden, behinderte Menschen sich um die Probleme Behinderter kümmern können.“ Der PDS-Abgeordnete, Streetworker und Dichter Frank Hammer war es dann, der auf ihn zukam, weil es ja nicht schlecht wäre, auch Studenten im Stadtparlament zu haben. In Neuberesinchen führte Sarrach seinen Wahlkampf und zog mit der stärksten Fraktion ins Rathaus ein. „Dort geht es sehr harmonisch zu. Hin und wieder braucht man geradezu einen Paukenschlag, damit sich die Grenzen nicht allzu sehr verwischen.“
Wenn er sein Wahlprogramm mit der Realität vergleicht, seiner Arbeit im Sozial- und im Umweltausschuß, in der Regionalen Planungsgemeinschat und dem Aufsichtsrat der Wasserwirtschaft, nehmen die Ergebnisse sich gar nicht schlecht aus. Länger als ein Jahr währte der Widerstand gegen das Sachleistungsprinzip, das Asylbewerber zwingt, per Konokarte an der „Apartheidkasse“ eines ausgewählten Supermarktes einzukaufen. Der Frankfurter Sozialpaß für einkommensschwache Bürger wurde eingeführt und ermöglicht ihnen unbürokratisch die ermäßigte Inanspruchnahme kultureller Angebote und Dienstleistungen. „Allerdings wird er erst von etwa tausend der siebentausend Berechtigten genutzt. Da müssen wir dranbleiben.“ Auf einen politische Aufstieg zu schielen, ist Sarrachs Sache nicht. Er liebt den Wahlkampf mit seinem Aktionismus, aber die politische Zukunft, so meint er, kommt ganz von selbst. „Ich brauche eigentlich nur zu warten“.
Der Richtungsstreit in der PDS findet fernab seiner kommunalpolitischen Arbeit statt. „Für mich ist die PDS immernoch eine antikapitalistische Partei, die versucht, Demokratie wirklich zu leben. Nicht umsonst wird sie verteufelt und bedrängt. Sie ist die einzige wirkliche Oppositionspartei auf allen Ebenen und braucht deshalb auch keine Rücksicht zu nehmen.“ Zu kurz käme das Außerparlamentarische, meint Sarrach, der auf den Demonstrationen in der Oderstadt mit ihren durchschnittlich zweihundert Teilnehmern die neunhundert Mitglieder der PDS vermißt. „Die Last ist auf zu wenig Leute verteilt.“
Trotzdem besteht Sarrach auf seinem Privatleben. Er will sich nicht aushöhlen lassen durch den Moloch Politik, sich konzentrieren. Das Wochenende bleibt frei für die Freundin in Fürstenwalde und das Studium, Parteitag hin oder her. Über seine Behinderung redet Sarrach kaum. Seine Freunde haben sich daran gewöhnt, ihm die linke Hand entgegenzustrecken. Ansonsten besteht er auf Selbständigkeit. „Das einzige, was ich leider nicht selber kann: mir Zöpfe flechten.“
