Ich hab klein Problem damit, der Dumme zu sein
Wie wird aus jemandem ein außergewöhnlicher Mensch? Steffen Reinhard hat sich erst einmal die Haare himmelblau gefärbt. Sie ziehen den Blick von seinen weichen, an das Gesicht seiner zierlichen Mutter erinnernden Zügen empor zum dichten Schopf. Darüber ist Himmel, da wächst er hin. Vielleicht. Nach dem Abschluss der zwölften Klasse hat Steffen die Waldorfschule in Frankfurt (Oder) verlassen. „An meinen Leistungen lag es nicht und einige Lehrer waren wohl auch traurig darüber. Aber ich hatte einfach das Gefühl, dass ich das Abitur nicht brauche, nicht für mich selbst und nicht jetzt.“
In seiner Freizeit beschäftigt sich Steffen Reinhard am liebsten mit Holz. Die Liebe zu diesem Material hat er beizeiten entdeckt. Später will er eine Tischlerlehre beginnen oder sich zum Holzmechaniker ausbilden lassen. „Es macht mir unheimlich Spaß, Möbel zu bauen. Im Unterricht haben wir einmal versucht, eine schülerfreundliche Schulbank zu konstruieren. Da mussten wir erst einmal überlegen, was das eigentlich ist. Ich habe ein Schubfach angebaut, damit die Sachen nicht immer herumliegen, und einen Mechanismus entwickelt, um die Schreibfläche bei Bedarf anzuklappen. Zu Hause habe ich einen ziemlich extravaganten Tisch gebaut und einen Leiter-Stuhl, um besser ans Bücherregal heran zu kommen...“ Steffens zweite Liebe gehört der Musik. Aber wenn der Neunzehnjährige Hiphop hört oder Rock, dann ist es selten das, was alle kennen. „Es gibt auch in Frankreich, Mexiko und Spanien phantastische Sachen“, weiß er. Im Internet-Radio wird Steffen meistens fündig. Die CDs besorgt er sich im Versand. Teuer, aber toll.
Außergewöhnlich also ist das, was anderswo anders geschieht und was dort vielleicht das Gewöhnliche ist. Diese Erfahrung machte Steffen auch, als sein Vater mit ihm nach Ecuador flog. Keine Bildungstrip von Pauschaltouristen. Sie hatten beide nur die Flugtickets, ihr Gepäck und ihre Neugier, die noch aufgestachelt wurde durch das, was sie zuvor in Büchern und im Internet gelesen, von einer Lehrerin Steffens über deren Urlaub gehört hatten. Die hatte sich nach ihrem eigenen Urlaub entschlossen, ein Jahr lang in Ecuador zu bleiben. Vor allem der Vater wollte wissen, warum. Dem Sohn bot er an mitzukommen. „Ich wusste nicht, ob ich das machen soll. Zwei Monate lang haben wir uns vorbereitet. Dann sind wir drei Wochen lang kreuz und quer durch das Land gereist. Ich war froh, dass ich das gemacht habe. Ich glaube, es hat mein Leben verändert.“ Die Natur faszinierte Steffen Reinhard, der Reichtum an Früchten, an Vegetation, die Kultur der Ureinwohner und die der spanischen Einwanderer und die Erkenntnis, die daraus erwuchs: dass es noch eine andere Welt gibt als Europa mit dem reichen Deutschland, das sich immer im Mittelpunkt sieht.
„Selbst wenn es den Leuten in Ecuador schlecht ging, fragten sie zuerst Dich, ob Du etwas zu essen oder zu trinken haben möchtest. In Deutschland würde dich wahrscheinlich keiner auf dem Dorf einfach so zu sich nach Hause einladen, wie wir es dort erlebt haben. Die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Leben hat mich beeindruckt, ihre Fröhlichkeit trotz alle der sozialen Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben. Jedes Auto nahm uns mit, wenn wir den Arm ausstreckten. Einmal hielt ein Pickup-Fahrer auf der Küstenstraße einfach mit uns an. Wir sollten uns erst einmal den Sonnenuntergang ansehen. Auch er selber hat das genossen. Danach ging es weiter.“ Die Busse in Ecuador halten meist dort, wo die Fahrgäste warten, nicht wo es vielleicht Haltestellen gibt. Fahrpläne, wenn sie denn existieren, sind Makulatur. Das ganze wohlvertraute Ordnungs- und Orientierungssystem fehlt. Aber Steffen fehlte es nicht. „Statt überall Stress herrscht dort Ruhe. Da kann man sich nach einer Weile richtig rein fallen lassen.“
Vor der Musterungskommission konnte Steffen Reinhard diese Erfahrungen gebrauchen. Sein Antrag als Kriegsdienstverweigerer wurde bereits im ersten Anlauf anerkannt. Er will mit Menschen zu tun haben, aber ohne eine Knarre zu halten zwischen sich und die Fremden. „Die Menschen in anderen Ländern haben mir nichts getan. Ich habe überhaupt keinen persönlichen Grund, jemanden zu erschießen.“ Steffen Reinhard prügelt sich auch nicht. Genauer gesagt: Er prügelt nicht zurück. „Das ist bei mir nicht so drin“, meint er beinah verlegen. Aber „die andere Seite des Lebens kennen lernen“, das möchte er. Ecuador war ein Stück davon. „Die fehlende Sprachkenntnis empfanden wir nirgendwo als Barriere. Das alles hat mich so interessiert, dass ich unbedingt noch einmal dorthin wollte.“
Der Zivildienst scheint Steffen Reinhard eine gute Gelegenheit dafür. „Es ist doch egal, ob ich ihn in Deutschland, Europa oder auf einem anderen Kontinent leiste.“ Zudem ist es ja wirklich außergewöhnlich, nicht im Altersheim oder im Krankenhaus anzutreten, sondern auf einer Ökofarm, die sich 60 Kilometer vom Stadtzentrum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt befindet. Im Internet war Steffen auf einen Verein gestoßen, der Zivildienstleistende ins Ausland vermittelt, die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiner e.V.“. Mit der Antroposophie ist der Frankfurter aufgewachsen. Dazu gehörte nicht nur das Lernen mit allen Sinnen. „Auf unserem Schulhof gab es keine Schlägereien.“ Anderssein war kein Makel, sondern ein Ziel. Auch dass er Stricken lernte und handwerkliche Arbeit, weiß Steffen Reinhard zu schätzen. Grobheit zwischen Lehrern und Schülern, Schülern und Schülern hat er in seiner eigenen Schule nie erlebt. „Ich sehe jeden Menschen als Individuum. Jeder sollte seinen eigenen Weg gehen, sich nicht nur irgendwohin mitreißen lassen.“
Als bei den Reinhards eines Tages der Fernseher kaputt ging, entschloss sich die Familie, ihn nicht mehr zu ersetzen. „Jetzt leben wir ohne. Ich brauche mich nicht berieseln zu lassen, wenn ich den inneren Antrieb habe, nach anderen Dingen zu sehen. Aber vielen fällt ja gar nicht auf, dass es noch etwas anderes gibt. Und wenn es beim Fernsehen so ist, kann es auch bei anderen Sachen so sein. Viele glauben, mit dem, was ihnen ganz bequem angeboten wird, kommen sie aus und etwas anderes brauchen nicht. Sie versuchen gar nicht erst, es kennen zu lernen.“ Freilich merkt auch Steffen, dass ihm manchmal ein Stück Film fehlt – im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne. „Erst seit ich aus der Schule heraus bin, fällt mir das auf. Manchmal, wenn ich Leute treffe und wir uns unterhalten, ärgere ich mich, weil ich vielleicht doch etwas verpasst haben.“ Trotzdem will er dem Druck nicht nachgeben, nichts tun, nur weil es alle so machen. „Auch wenn ich weiß, dass man nicht richtig rauskommt aus dem Mainstream. Ich versuche wenigstens an die Ränder zu gucken, zu sehen, was dahinter ist und dem nachzugehen.“
Über den Rudolf-Steiner-Verein kam Steffen Reinhard auf den Service Civil International, eine der ältesten Nicht-Profit- und Nicht-Regierungs-Organisationen im internationalen Friedens- und Freiwilligendienst, und auf AdiA, den „Anderen Dienst im Ausland“. Was anderen als Warnung im Ohr klingen mag, machte Steffen Reinhard mobil: „Ein langer Auslandsaufenthalt kann, wie die Erfahrung zeigt, ziemlich an Deinen Wurzeln reißen. Wenn das nicht im Ausland passiert, dann geschieht es womöglich bei Deiner Rückkehr.“ In seinem Motivationsschreiben für den Zivildienst in Argentinien berichtete Steffen von seinem Sozialpraktikum im Waldorf-Kindergarten, von dem schönen Gefühl, wenn er die Dankbarkeit und das Vertrauen seiner Schützlinge spürt. Er erzählte von der Armut und sozialen Unsicherheit in Ecuador, die weder Freundlichkeit noch Hilfsbereitschaft der Menschen zerstört haben. Er möchte die Gründe dieser Gelassenheit verstehen, sich unter den anderen Verhältnissen zurecht finden, andere Sprachen sprechen, aber auch die Grenzen der eigenen Belastbarkeit erkunden. „Ich glaube, dass ich durch diesen Dienst eine neue Vorstellung von Glück, Liebe, materiellen Werten und zwischenmenschlichen Beziehungen bekomme.“
Die Wirklichkeit wird sich schlichter ausnehmen und Steffens Erwartungen vermutlich dennoch übertreffen. Auf dem 130 Hektar großen Landgut La Choza mit seinen historischen Parkanlagen und Gebäuden wird seit 1983 biologisch-dynamischer Landbau betrieben. Es gibt Pferde, 120 täglich von Hand zu melkende Kühe, ausgedehnte Gemüsegärten. Arbeit auf den Feldern und in den Ställen, kleine Reparaturen werden zu erledigen sein. Die Erträge, Milch, Käse- und Joghurtprodukte, Obst und Gemüse, werden für den Eigenbedarf verwendet und im Abonnementsystem zu den Verbrauchern gebracht. Kinder vieler Länder, vor allem aber Deutsche und Niederländer, kommen in la Choza zusammen. Studenten, die sich für ökologisch betriebene Landwirtschaft interessieren. Leute mit heilpädagogischen Interessen. Neben ihrer täglichen Arbeit betreuen sie zahlreiche Projekte, unter anderem in der nahe gelegenen Stadt General Rodriguez.
In Deutschland sind Zivildienstleistende die bestausgebeuteten Ausputzer dort, wo gelitten und gestorben wird, wo die gesellschaftlichen Probleme ein fast unentwirrbares Knäuel bilden, wo der Idealismus der wenigen die Verantwortungslosigkeit der vielen ersetzen muss. Der Zivildienst in anderen Ländern soll ein Beitrag zur Völkerverständigung sein. „Dass es Zivildienst im Ausland gibt, liegt offiziell im Interesse der Bundesrepublik“, weiß Steffen Reinhard. „Nur dass Deutschland diesen Dienst nicht finanziell unterstützt. Aber ich habe kein Problem damit, der Dumme zu sein.“ Natürlich hat er darüber nachgedacht. Doch wenn Steffen es sich selber schwer machen will, dann auch, weil er das braucht. „Es tut mir gut. Und es beeindruckt die Leute auch, wenn sie fragen, wo ich meinen Zivildienst leiste, und ich antworte: in Argentinien. Solche Anerkennung treibt mich vorwärts.“
Wer zwischen sich und die Fremden eine Knarre hält, bekommt Zuschläge auf den Sold, psychologische Betreuung von seinem Dienstherrn und die Aussicht auf eine glänzende Karriere oder einen fahnengeschmückten Sarg. Wer nach la Choza aufbricht, bezahlt seine Reise und die nötigen Versicherungen selbst, hat Anspruch auf Kost und Logis sowie auf ein Handgeld, das den Verhältnissen im Aufenthaltsland entspricht. Bei Steffen werden das 50 Pesos im Monat sein, 14 Euro also. Manche der Partnereinrichtungen des AdiA können nicht einmal das. Wer mit der Uniform in die Welt zieht, hofft seit Alters her, „Weihnachten wieder zu Hause“ zu sein und kommt nicht selten mit Gründen zurück, über seine Abenteuer besser zu schweigen. Wer nach la Choza aufbricht, hat sich zu Hause einen möglichst breiten Spenderkreis aufgebaut, der das Projekt finanziert und dem er Rechenschaft schuldet. Wenigstens alle drei Monate soll berichtet werden und nach der Rückkehr natürlich, damit die Erfahrungen der Zivilisten im Ausland Allgemeingut werden, unabhängig von den quoten- und auflagenabhängigen Meinungsmaschinen ihrer Länder. Der Vertrag mit dem Projektträger macht es Steffen Reinhard zur Pflicht, das Anliegen des Friedensdienstes zu popularisieren.
Seit einem dreiviertel Jahr bereitet der Blauschopf sich auf seine große Reise vor. 2040 Euro muss er an den Träger des Projekts überweisen, damit er im März 2004 starten kann. Mögliche Überschüsse kommen als Spende den Projekten vor Ort zugute. 1500 Euro hat Steffen zusammen. Auf seiner Liste stehen bisher 15 Spender. „Ich war überrascht und froh, wie großzügig die Leute waren, wie viel Verständnis sie hatten.“ Nachdem er wusste, dass es in Ecuador keine Stelle gibt, und er sich mit Peru nicht recht anfreunden konnte, legte er sich auf Argentinien fest. Von dem Land wusste er bis dahin wenig. Der Ché kam von dort, aber das weiß ja jeder. „Südamerika sollte es schon sein und die Stelle in la Choza fand ich gut.“ Abstand finden zum eigenen Land, die Gesellschaft aus der Distanz betrachten., das wünscht er sich. „Vielleicht kann ich auch andere begeistern von einer Kultur, in der Menschen zusehen müssen, wie sie ohne Arbeitslosen- und Sozialhilfe irgendwie überleben. Ich meine, so schlecht haben wir es doch gar nicht. Die Leute hier haben Probleme, die gibt’s gar nicht.“
Der kleine Bruder, das weiß Steffen Reinhard, wird ihm fehlen. „Ich freue mich jedes Mal riesig, wenn er zu mir kommt und fragt, ob ich ihm etwas bauen kann.“ Darauf wird er zwölf Monate lang verzichten. „Ich bin ein Mensch, der außergewöhnliche Dinge tut“, sagt er wie zur eigenen Bestätigung. Oder wie einer, der hofft, sie könnten einst die ganz normalen Dinge sein.







