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Sabine H.

Mörderischer Kinder-Garten

Sie kann wunderbar mit kleinen Kindern umgehen, basteln, spielen und malen. Sie kann sanft sein, ohne den Fluss ihrer Lügen für einen Augenblick zu unterbrechen. Wem hätte sie sich auch anvertrauen sollen? Ihrem Mann, mit dem sie in zerrütteter Ehe lebte? Dem mutmaßlichen Vater ihres letzten, lebenden Kindes? - „Du, entschuldige, ich hab hier noch neun Leichen versteckt...“? Es gab keine Rückkehr in die Normalität für Sabine H., seit sie, vermutlich 1988, begonnen hatte, ihre Kinder kurz nach der Geburt in Blumentöpfen zu verscharren. Neun Kinder kamen so ums Leben. Ein einmaliger Fall in der deutschen Kriminalgeschichte.

Dabei waren die Startbedingungen für die in Brieskow-Finkenheerd bei Frankfurt (Oder) geborene Frau denkbar günstig. Die zehnte Klasse absolvierte das streng im christlichen Geist erzogene Mädchen mit „Sehr gut“. Sie absolvierte ein Fachschulstudium und wurde Zahntechnikerin, heiratete mit 19 Jahren und bekam ihre ersten drei Kinder. Nur das erste, das 1984 zur Welt kam, hatte sie sich gewünscht, aber mit Verhütung nahm sie es nicht so genau. Die Ehe hielt nicht, was sie versprach. Von Gewalttätigkeiten des Partners war die Rede, aber auch von einem losen Lebenswandel der jungen Frau, später von Alkoholismus.

Am 1. August teilte die Frankfurter Staatsanwaltschaft in einer Presseerklärung mit, dass auf einem Grundstück in Brieskow-Finkenheerd bei Aufräumungsarbeiten die Leichen von vermutlich neun Neugeborenen gefunden wurden. In Blumenkästen, im Kiesbett eines alten Aquariums. Sabine H., inzwischen 39 Jahre alt, wurde verhaftet. In den Vernehmungen bestätigte sie, sich an zwei Geburten zu erinnern. Bei den folgenden habe sie sich betrunken, sobald die Wehen einsetzten.

Sie war eine ruhige Frau, die beiseite treten konnte, aufmerksam, intelligent. Sie war hysterisch, wenn Streit ausbrach, und wich vor keiner noch so ordinären Beschimpfung zurück. Sie war die freundliche Schriftführerin in einer Gartensparte. Sie ist die Killer-Mutti mit den tiefen braunen Augen, dem verhärmten Zug um den Mund, dem dünnen dunklen Haar und der verhaltenen Stimme. Die Anschmiegsame, die einen starken Partner suchte, als es schon viel zu spät für sie war.

Noch verheiratet, ging sie eine Liason mit einem hochgewachsenen, breitschultrigen Mann ein, von dem sie erhoffte, dass er sie festhalten würde. Doch der vermeintliche Hüne war in seiner Seele ein Kind und in seinem Charakter kaum weniger haltlos als sie. Sie belog ihn, er belog sie. Ob sie zu diesem Zeitpunkt bereits wieder schwanger war oder es von ihm wurde, ist noch nicht bekannt. Doch so überfordert der mutmaßliche Vater mit seiner Rolle war, so kindlich glücklich war er auch. Es war die erste Schwangerschaft nach neun Kindstötungen, die von anderen Menschen bemerkt worden war. Sabine H. ging zum Frauenarzt, ließ sich ihren Mutterpass ausstellen. Etwas ganz Normales. Vielleicht hoffte Sabine H. auf ein Ende des Fluches, unter dem sie stand, um so mehr, nachdem sie ihre Arbeit in einem Callcenter wegen ihrer alkoholischen Exzesse verloren hatte. Diesmal überlebte das Kind, ein Mädchen.

Sabine H. hing an ihren großen Kindern, traf sich manchmal mit ihrem Sohn. Manchmal zog sie sich fluchtartig aus dem elenden Quartier zurück, das sie mit ihrem neuen Lebensgefährten in der Frankfurter Herbert-Jensch-Straße bewohnte, kehrte zurück in die Hochhauswohnung im sechsten Stock. Dort war sie, bis sie die Grabgefäße nach Brieskow-Finkenheerd schaffte, von ihren getöteten Kindern umgeben. Und von den Erinnerungen an ihre gescheiterte Ehe. An die Männer, bei denen sie dabei und danach Schutz suchte. Wen hatte sie zwischen 1988 und 1999 getötet? Auf wessen Gegenwart hoffte sie?

Die Polizei untersuchte in den ersten Augustwochen zahlreiche Wohnungen und Grundstücke, wo Sabine H. in den vergangenen Jahren gelebt hatte. Die Ermittlungen erfolgten bundesweit, erklärte Staatsanwältin Anette Bargenda. Sabine H´s. letzter Lebensgefährte, ein kleinwüchsiger 59-jähriger Arbeitsloser, ließ seine Story umgehend in der Bildzeitung veröffentlichen und vergaß auch das verzweifelte Kassiber nicht, dass ihm seine späte Liebe nach der Verhaftung zugesteckt hatte. Der seitenfüllende Beitrag ist bunt illustriert. Sabine H. mit weit aufgerissenen Augen. Sabine H. mit Fläschchen und Kind auf dem Arm. Sabine H. mit Kinderwagen und am Computer. Nur auf einem Bild wirkt sie jünger, weniger, mütterlich und etwas härter. Sie sitzt am Tisch, eine Zeitung vor sich, den Kopf aufgestützt. Abwesenheit, Distanz strahlt sie aus. Nirgends, wo sie ist, will sie sein. Überall, wo sie ist, will sie eine andere sein.

Brandenburgs CDU-Innenminister Jörg Schönbohm hat eine besser verständliche Erklärung für Verbrecherbiografien wie diese: Die SED-Herrschaft ist schuld, die eine Proletarisierung des Landlebens erzwang. Kindstötung als Wahlkampfmunition. Später rudert er halbherzig zurück. Außer dem Kriminologen Professor Christian Pfeiffer, seit seinen Kollektivismus-Ideen zur DDR auch „Töpchenpfeifffer“ genannt, wollte niemand dem Ex-General Beifall klatschen.

Weder Verwandte noch Lebensgefährten wollen etwas von den Schwangerschaften gewusst haben, die mit dem Umbringen der Neugeborenen endeten. Eine Erklärung für die entsetzlichen Verbrechen hat niemand. Wahrscheinlich nicht einmal Sabine H. Die Staatsanwaltschaft wird ihre Ermittlungen wegen neunfachen Totschlags bald abschließen können.

2005