Dietrich Kittner - Kriegstagebuch
Dietrich Kittners Kriegstagebuch
Manchmal gerät auch ein Kabarettist an seine Grenzen.
Wenn die Ironie der Geschichte in einem blutigen Brei ersäuft, den die Staatenlenker in die Mikrofone ihrer PR-Kamarilla kotzen. Wenn die Pointen des Tages explodierende Schädel sind. Wenn uns das Lachen vergeht, weil wir wissen, dass nur zufällig andere die Zielscheiben sind und nicht wir.
Die NATO-Bomben auf Jugoslawien meinten nicht nur die 2000 ermordeten Männer, Frauen und Kinder, sondern jeden, der die bedingungslose Unterwerfung verweigert. Wer immer bundestagsabwärts mit einem Quentchen Machtinstinkt und Herrschergeilheit ausgestattet ist, hat das begriffen und den Kotau vollzogen. Von da an wurde gelogen daß sich der Balkan biegt, denn wenn etwas schief geht, wenn die Verbrechen auf den Tisch kommen, wenn nach den Verbrechern gefragt wird, dann, ja dann ist die Stunde des heiligen Satzes gekommen, der alles und alle entschuldigt: DAS HABEN WIR NICHT GEWUSST! DAS HABEN WIR NICHT GEWOLLT! Doch, sagt Kittner, der Kabarettist, trotzig. Doch. An seinem Haus an der österreichischen Grenze flogen die Bomberstaffeln vorbei, so als müßten sie ihn immer wieder daran erinnern, dass so einer nicht aufhören darf, die Verbrecher Verbrecher zu nennen, die Lumpen als das zu zeigen, was sie sind: Menschenschinder. Ihnen nicht das Feld der Schande überlassen darf, nicht verstummen darf im Kriegsgeschrei einer gleichgeschalteten Journaille. Die Gründe beim Namen nennen. Machtgeilheit, Kadavergehorsam vor den amerikanischen Herren, sind nur zwei davon. Schwerer wiegen wie in jedem Krieg die wirtschaftlichen Interessen, der Profit, die Drohgebärde gegen jeden, der auch nur an Widerstand zu denken wagt.
Inzwischen sind Dutzende Bücher über diesen Krieg und seine Lügen geschrieben worden. Internationale Tribunale haben die Kriegsverbrecher überführt. Aber das Elend, das sie über die Völker Jugoslawiens gebracht haben, ist nicht zu Ende. Das Morden geht unter ihrer Obhut weiter. Die Vertreibung und die Ausplünderung. Von solcher Beschaffenheit ist das alles, daß man nicht gern darüber spricht im geschniegelten Deutschland. Eher läßt man Gesetzesbrecher weiter regieren, als die eigene Verantwortung für Schuld und Dummheit zu übernehmen. Das ist nicht neu. Das ist deutsche political correctness seit 130 Jahren. In diese stinkende Brühe spuckt Kittner hinein. Einen bitteren Rotz. Die Wahrheit ist kein homöopathisches Einschlafmittel. Sie verursacht Magenkrämpfe, Schädelbrummen, Händezittern, wenn man sie heranläßt an sich. Sie macht krank. Sie führt in die Krise. Aber Krisen sind unsere einzige Chance, eine andre kriegen wir nicht.
Manchmal ist auch der Kabarettist zurückgeworfen auf die Pflicht des Chronisten. Kittners Gedächtnis ist höchst persönlich und konkret. Er hat Menschen in ihrem Alltag beobachtet, der ein Kriegsalltag war. Er hat die Wirkungen der Propagandamaschine verzeichnet und die Wirkungen dessen, was in ihrem Schatten geschah. Er hat das Raster deutscher Geschichte darauf gelegt und Parallelen fixiert. Er dreht den "tief gespaltenen" olivgrünen Kriegsknechten, die um sein Mitleid buhlen, den Rücken zu und sieht den Scharpings, Fischers und Schröders ins Gesicht, den Bundesanwaltschafts- und sonstigen Generälen, den Soldaten, die gleich zweimal logen als sie gelobten, ihr Land "tapfer zu verteidigen", den Mitmachern und Mitwissern, die Deutschland wieder einmal in den Dreck gezogen haben. Es gibt Lustigeres. Aber es gibt wenig, das wichtiger wäre.
Nachsatz: Frankfurter Krieger
Schlangen und Kaninchen
Akademische Werbung für NATO-Aggression
Frankfurt (Oder): “Für mich war es schon merkwürdig, daß im Podium nur Parteinehmer der antiserbischen Seite saßen”, stellte ein griechischer Student nach der Werbeshow für die Nato-Aggression unter dem Titel “Was ist los im Kosovo” an der Europa-Universität fest. “Ich hätte mir einen Diskurs gewünscht, der auf besserer Information über die Hintergründe des Konflikts beruht und nicht nur versucht, die Folgen des Krieges als seine Ursachen auszugeben.” Ein junger polnischer Politologe zeigte sich erschrocken über “die Selbstverständlichkeit, mit der das Zerbrechen der Weltordnung hingenommen wird, die 50 Jahre lang Sicherheit gebracht hat. Als Pole finde ich das ungeheuerlich.”
Tatsächlich erging sich das Podium weitgehend in Selbstbestätigungsritualen, die für einen kontroversen Gedankenaustausch wenig Raum ließen. Professor Stefan Troebst, der den Anspruch wissenschaftlicher Analyse für sich erhob, reduzierte Serbien auf die “Giftschlange”, die von armen “Kaninchen” umgeben sei, und die Präsidentschaft Slobodan Milosovics auf den “Sozialismus für eine Familie”. Oberstleutnant Arnim Haase vom Aufklärungsgeschwader 51 - selbst auf dem Sprung nach dem Kosovo - zog sich auf den politischen Auftrag der Truppe zurück und betrachtete das Morden am Boden offenbar aus der lichten Höhe von 15 000 Fuß. Immerhin räumte er ein, daß im Krieg “naturgemäß jeder Dreck am Stecken” hätte, was ihm den Zuruf “Verbrecher!” einbrachte. Moderator Carl Bethke bemühte sich erfolgreich, das Gespräch die meiste Zeit im Podium zu halten und kritische Einwände nach Möglichkeit abzuwürgen. Die menschliche wie die völkerrechtliche Dimension der Vorgänge in Jugoslawien blieb dabei außen vor. Der Albanologin Susanna Finger blieb es vorbehalten, vorsichtig darauf hinzuweisen, daß die Vertreibung, vielleicht mit umgekehrtem Vorzeichen, nach dem Krieg weitergehen könnte. “Das hängt von den politischen Kräften ab, die zur Macht gelangen.” In der Zeit der Autonomie des Kosovo zwischen 1974 und 1989 hatte sich der serbische Bevölkerungsanteil von 30 auf 10 Prozent verringert. Ein großer Teil der Minderheit war während des zeitweiligen Rückzugs der jugoslawischen Truppen vertrieben worden.




