Günter Grass - Eine üble Nachrede
Teresa for President
Üble Nachrede auf ein Gespräch
"Nennst Du mich Goethe, nenn ich dich Schiller", ist eine alte Faustregel derer, die über Konsalik nie hinauskommen werden. Jene, deren Literatur und sonstiger Courage nicht umsonst mehr als das Übliche nachgeredet wird, können es sich leisten, auch ohne Gegenkompliment Schiller zu sagen.
Günter Grass ist so einer. Und die brandenburgische Ministerin Regine Hildebrandt seine Schillerin, besser: seine Anwärterin auf den Stuhl des Bundespräsidenten. Jedenfalls ist das die Qunintessenz eines Gespräches zwischen den beiden, das zuerst auszugsweise in der Wochenpost und nun zur Gänze im Verlag Volk und Welt erschien. Die dröge Anpinkelei der beiden durch die FAZ hat der Verleger gleich mitgeliefert und eine Erwiderung obendrein. So ist auch Fritz Ullrich Fack und Max Thomas Mer Ehre widerfahren, und wir wissen wieder, daß Grass und Hildebrandt ungeheuer progressiv sind.
Wäre uns das entgangen, fänden wir sie womöglich einfach bloß interesssant und das, was sie sagen, bedenkenswert?
Ich mag die Eitelkeiten dieses Rethorikers, Malers, Schriftstellers und Publizisten Grass. Arroganz stört mich nur, wenn nichts dahinter steckt. Also mag Grass der Welt zum hundertsten Mal erklären (und mit immer den gleichen wohlgeschliffenen Worten), warum er aus der SPD austreten mußte. Mag er sogar seine Selbstironie austrahlen sollenden Scherze wortwörtlich wiederholen, es bleibt ein wohlgesonnenes Wiedererkennen, und Neues kommt hinzu: "Aus meiner Sicht sind im Verlauf dieses unglückseligen Einigungsprozesses, so wie er bisher verlaufen ist, zwei Monstren geschaffen worden, darunter eines, wie es in seiner zentralistischen Machtstellung nicht einmal einem Herrn Mittag eingefallen wäre. Die Treuhand und dazu die Gauck-Behörde... Die Treuhand, die das Gegenteil dessen betreibt, was das Wort Treuhand eigentlich meint, und zwar Veruntreuung im „äußersten Maáe, ist natürlich, wenn man es sich genau anguckt, ein Instrument, wie es früher Kolonialmächte in unterworfenen Ländern einführten, um eine übergeordnete Behörde zu haben, die dann flächendeckend neue Eigentumsverhältnisse zu schaffen hat... In den gesamten fünf Bundesländern findet eine flächendeckende Enteignung statt zugunsten des Westens..."
Hier wird Grass etwas ein wenig ungenau, aber immerhin zwingen ihn diese und andere Einsichten dazu, eine Revision des Einigungsvertrages zu fordern.
Und was weiß dazu Frau Hildebrandt, die ob ihres temperamentvollen, wiewohl verpuffenden Eifers auch "Mutter Terese von Brandenburg" genannt wird? Sie weiß eine Lektion in Opportunismus - wie sonst auch sollte sie ihr fettes Ministerinnengehalt einstreichen, die Leute als ihresgleichen besäuseln und zugleich noch ruhig in den Spiegel gucken? "Verstehen Sie, es ist so viel passiert hier, so viel Unrecht passiert, und so viele Dinge sind geschehen, die kaum verkraftbar sind, daß ich mich überhaupt nicht mehr traue, alles beim Namen zu nennen. Denn wir müssen ja weiterkommen, irgendwie muß es ja weitergehen."
Diese Sentenz ist politbüroreif. Für Hildebrandt liegt der point of no return schon im siechen Schatten der Vergangenheit: "Also, der Einigungsvertrag war schon in der ersten Phase ein Horror. Aber jetzt den Vertrag noch einmal aufmachen? Ich glaube nicht, daß das günstig wäre... Wir kriegen das nicht mehr umgekehrt... das ist vorbei. Die Betriebe sind kaputt. Sie können's nicht hindeichseln, daß dort die Produktion wieder aufgenommen wird und daß die Strukturen erhalten bleiben oder wiederhergestellt werden, die hier die Infrastruktur ausgemacht haben, in der sich die Leute wohlgefühlt haben... Das nützt doch nichts, wenn ich jetzt fordere, den Einigungsvertrag wieder aufzuschnüren. Dadurch kriegt keiner Arbeit, und davon kriegt auch keiner sein Haus zurück, denn die Mehrheiten sind nicht so, daß wir festgeschriebenes Unrecht korrigieren könnten."
Diesem Edelstein von einem Satz kann man sich von zwei Seiten nähern.
Die einfachere lautet: Endzweck der "Demokratie" ist es, sich auf sie hinauszureden, wenn es in der eigenen Verantwortung allmählich etwas eng wird. Und umgekehrt - aber zu solcher Intrigenhaftigkeit ist Frau Hildebrandt nicht fähig und infolgedessen läuft Politik eher gegen ihre Natur - ist der Mangel an Mehrheiten ein unwiderlegbares Argument, so lange niemand bemerkt, wie diese Mehreiten verhindert und blockiert werden, indem sie aus den Entscheidungsprozessen von vornherein ausgeschlossen bleiben.
Die andere Seite ist eine kleine historische Replik: Wer machte, in welchem Tempo und unter wessen Diktat diesen "Jahrhundertvertrag" fest und peitschte kiloweise das Papier durch die freigewählte Abstimmungsmaschine, die damals noch Volkskammer hieß? Heute schiebt man das Desaster Krause und Diestel in die Schuhe, aber an der Verhinderung von Öffentlichkeit - die freilich niemals per se eine Gewähr für die Verhinderung von Unrecht ist - trug doch wohl sozialdemokratischer Aberglaube zumindest Mitschuld (die Damen und Herren von der Allianz für Deutschland wußten, was sie tun, sie logen nur mit gewohnter Routine).
Wieso, fragt sich der erstaunte Leser, macht Grass für die Frau den PR-Mann? Mit allem Geschick, mit dem der Werbefachmann Realität und Mythos koppelt, bis eine Legende entsteht: "Mir kommt es manchmal so vor als ob Sie ein weiblicher Sysiphos wären. Und ich denke auch an diesen wunderbaren Satz im ,Mythos von Sisyphos', der am Ende steht und die alte Mythologie zur Seite schiebt, wo es heißt, wir dürfen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen - mit einem Stein, wohlgemerkt. Von dem er weiß, daß er nicht oben liegenbleibt. Es ist das einzige, was er von den Göttern erbittet: Ich will euch weiter beschimpfen, sagt er, aber ihr dürft mir meinen Stein nicht nehmen, er gehört zu mir."
Da erwartet die Volksdienerin mit dem sozialen Brocken am Hals - wenn sie den Komplimenten des charmanten Schnauzbartes folgt - aber eine ganze Menge von den Göttern in Bonn und Frankfurt am Main. Im Übrigen war der Herrscher Korinths, als er bergauf, bergab tippelte, ein König ohne Volk (das die Klamotten der modernen Steineroller regelmäßig ins Kreuz bekommt).
Aber vielleicht kann man den Text auch ganz anders lesen, indem man sich die Figur des Bundespräsidenten genauer ansieht. Dann paßt Frau Hildebrandt gar nicht so schlecht. Sie glaubt vermutlich das meiste von dem, was sie sagt, und folglich wird ihr geglaubt. Zugleich ist sie hinreichend opportunistisch, sich auf dem Schachbrett der anderen führen zu lassen. Und schließlich ist sie nicht so beschränkt, wie der kohlsche Kronprinz aus Sachsen, und nicht so melancholisch, wie der bürgerbewegte Professor aus Berlin. Also: Teresa for President!
Günter Grass/Regine Hildebrandt, "Schaden begrenzen oder auf die Füße treten. Ein Gespräch", Verlag Volk und Welt Berlin 1993, 78 Seiten, gebunden







