Jürgen Maerz - Wir waren damals 19
Wir waren damals 19
Wenn plötzlich eine Fliegerbombe explodiert, wie jüngst in Berlin, ist der Krieg gegenwärtig. Doch kaum jemand denkt daran, daß auch heute noch die Leichen gefallener Soldaten gefunden und identifiziert werden, daá ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende noch Briefe ins ferne Rußland geschickt werden, die den Verwandten der Rotarmisten letzte traurige Gewißheit verschaffen. Nach dem Anschluß scheint es beinahe so, als wäre die Rote Armee in erster Linie Betreiber der ehemaligen Nazi-KZs gewesen. Das ist nicht unverständlich nach so viel unterdrückter bitterer Wahrheit, aber mit einem fundierten Geschichtsbild hat es wenig zu tun.
Studien solen Interesse wecken
Die Regionalstelle für Ausländerfragen Potsdam e.V. hat deshalb lokalhistorische Studien zu 1945 im Land Brandenburg initiiert, die vor allem an Schulen die Beschäftigung mit der Historie fördern soll. In Frankfurt (Oder) hat RAA-Mitarbeiter Jürgen Maerz fast ein Jahr lang Zeitzeugnisse zusammengetragen, die im Februar 1995 unter dem Titel "Wir waren damals 19" als 420 Seiten starker Band vorliegen soll. Das Buch umfaßt in zwölf Kapiteln Berichte, Dokumente, Tagebücher, Erinnerungen, Gespräche - darunter eine Reihe unveröffentlichter Zeugnisse, wie die Chronik der sowjetischen Kommandantur in Frankfurt(Oder) aus den Jahren 1945 bis 47. Die Sammlung ist als unterrichtsbegleitendes Lesebuch ebenso gedacht, wie als ein über den Buchhandel vertriebenes Kompendium, das gerade durch seine zeitlich-räumliche Beschränkung und die dadurch gewonnenen Tiefe weit Geschichte bewahrt, die über den regionalen Raum hinaus von Bedeutung ist. Es spannt den Bogen von Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1985 bis zum Abschiedsbrief des Frankfurter Kommandanten Nikolaj Sopot an die Leser. Der Buchtitel, dem Brief eines russischen Soldaten über seine gefallenen Kameraden entnommen, ist zugleich eine gewollte Assoziation zu Konrad Wolfs autobiografischem Film "Ich war 19".
"Bei der Verabschiedung der Alliierten hatte ich den Eindruck, daá die Rolle der Roten Armee heruntergespielt wurde. Die Wende des Krieges beispielsweise war eben nicht die Landung in der Normandie, sondern die Schlacht um Stalingrad. Schon das war ein Grund, dieses Thema wieder ins Bewußtsein der Nachgeborenen zu rücken", meint Herausgeber Jürgen Maerz, für den das Wort "Freunde" nie einen zynischen Beiklang hatte. "Ich kann mich nicht erinnern, in irgendeiner Weise negative Erfahrungen mit den Russen gemacht zu haben. Ihr Umgang mit Kindern hat mich ebenso beeindruckt wie ihre Naturverbundenheit, ihre Bescheidenheit und Großzügigkeit, die sie bis zum Schluß gezeigt haben." Umsomehr beschäftigten Maerz bei seinen Interviews die persönlichen Sorgen der abziehenden Soldaten und Offiziere, die nicht wissen, wo sie werden leben und arbeiten können. So muß ein russischer Major nicht nur seine lettische Wahlheimat verlassen, sondern auch seinen dort beigesetzten Vater umbetten lassen, ohne zu wissen, wohin es ihn selber verschlägt. "Die Russen sind so höflich, daß es manchmal schon wehtut. Sie sprechen gewöhnlich nicht über solche Dinge. Aber es gibt gute Momente, in denen alle Konventionen fallen. Dann kann es passieren, daá ein Soldat plötzlich sagt: Vor eurer Wende seid ihr uns in den Arsch gekrochen und jetzt tretet ihr uns rein."
Erschütternde Berichte von Frauen
Begonnen hatten die Nachforschungen jedoch mit dem Auftauchen der Tagebuchaufzeichnungen des Frankfurter Zahnarztes Dr. Schönke, in denen die Frankfurter Festungstage vor dem Einmarsch der Roten Armee beschrieben sind. Gesprächspartner waren auch Einwohner von Frankfurt, Historiker, Kriegsteilnehmer, Vertriebene. Die Katholische Kirche stellte ihre Chronik zur Verfügung und verwies Maerz weiter an den Rabbiner Curtis Cassel, der die Reichspogromnacht in Frankfurt erlebt hatte und seine Erinnerungen aus London auf einer Kassette bermittelte. Der Leiter der St. Petersburger Eremitage äußerte sich zu den dort lagernden Kulturgütern aus Deutschland. Aus Rußland kamen Briefe sowjetischer Soldaten aus dem Jahr 1945. "Zwei Monate lang habe ich fast nur mit Leuten telefoniert, die mir weiterhelfen wollten, mir neue Adressen gaben oder eigene Beiträge schrieben, wie der mit 19 Jahren in Bautzen inhaftierte Neulehrer Jochen Stern oder der langjährige Frankfurter Bürgermeister Fritz Krause", berichtet Maerz. Es habe sehr wenige Biografien gegeben, auf die Maerz verzichtete, weil er sich nicht in den Dienst einer Geschichtsrevision stellen lassen wollte.
"Am erschütterndsten für mich waren die Lebensberichte der Frauen. Dabei waren sie in vielem humorvoller, lebenspraller als die Erinnerungen der Männer. Sie haben kaum geklagt, ob sie die Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Gebieten erlebt hatten oder nach 1945 in Sachsenhausen und Ketschendorf interniert waren", erz„hlt Maerz. "Von diesem totgeschwiegenen Stück der Geschichte habe auch ich vieles erst durch meine Recherchen erfahren."
Manchmal hatte er sich bei der Vorbereitung auf seine Gespräche 25 Fragen notiert und konnte plötzlich nichts mehr damit anfangen. Beispielsweise, wenn der 89jährige Willi Haenecke seine 1000 Seiten umfassende Autobiografie aus dem Schrank holte die ihn als frühes NSDAP-Mitglied, Bürgermeister von Halbe zwischen 1933 und 45, enteigneten Kriegsgefangenen, Heimgekehrten zeigt. "Sein guter Leumund war durch nichts zu erschüttern. Er bekam sein Eigentum zurück und wurde in der DDR ein vielfach ausgezeichneter LPG-Vorsitzender."
Bei Nichterscheinen Meldung an die Kommission
Aber es gab auch Fragen, die Maerz immer wieder stellte, so wie jene, ob der 8. Mai als Befreiung empfunden wurde. Immerhin waren in Frankfurt 30 Prozent der Bevölkerung Mitglied der NSDAP. Aber Hitlers Auftritt im heute in Slubice gelegenen Stadion war so erbärmlich, daß der Führer fortan einen Bogen um die Beamtenstadt machte. Freilich ändert daß nichts daran, daß die meisten Befragten den 8. Mai als Zusammenbruch eher denn als Befreiung erlebten. "Der Stalin war ja schlimmer als Hitler", meinten sogar einige russische Soldaten, und "vom Regen in die Traufe gekommen" fanden sich viele, die hofften, nun eine frei Meinung artikulieren zu können. Doch aus heutiger Sicht sei es zweifellos eine Befreiung gewesen.
Herausgeber Jürgen Maerz erlebte den 8. Mai als Siebenjähriger in Dahlewitz. Er erinnert sich an ein riesiges Feuerwerk in Wünsdorf, an Soldaten und Flüchtlinge, die die Familie mit Lebensmitteln versorgten. "Meine Mutter allerdings spricht überhaupt nicht über diese Zeit." Wie viele ältere Frauen habe sie sehr unangenehme Erinnerungen und wünsche sich, daß überhaupt nicht darüber gesprochen wird. Aber die in der DDR praktizierte Geschichtsklitterung müsse überwunden werden, um die Gegenwart zu verstehen, meint Maerz. "Deshalb kann man auch nicht hinnehmen, wenn jetzt in die andere Kerbe gehauen wird und es nur noch um die bösen Russen geht - so als hätte es Internierungslager, Vergewaltigung und Mord nur im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands gegeben."
Nicht gedacht ist das Buch als Aufarbeitung einer DDR-Geschichte, eines "Geburtsfehlers des Sozialismus". Den Beginn des gesellschaftlichen Experiments im Osten Deutschlands hat Maerz mit zwei Punkten fixiert, dem Gesetz über die Grndung der DDR und eine Einladung zur Parteiversammlung der SED von 1949. Auf der Vorderseite wird die Veranstaltung an. Auf der Rückseite findet sich der Hinweis, daß bei Nichterscheinen die Meldung an die Partei-Kontrollkommission erfolgt.
Jürgen Maerz (Hg.), "Wir waren damals 19. Ein Lesebuch", ca. 400 Seiten, 120 Fotos, Softcover, ca. 40 Mark, für Schulen kostenlos







