Hans Joachim Nauschütz- Hannemann-Report
Die Verdrängung der ungeliebten Geschichte
Joachim Nauschütz veröffentlicht Hannemann-Report
Die Geschichte beschäftigte den Frankfurter Autor Hans Joachim Nauschütz bereits seit längerem. Doch vor zwei Jahren begann er ihr nachzugehen - bevor sie endgültig in Vergessenheit gerät. Mithin: Wer redet heute über den kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, über die Monumente eines erstarrten Geschichtsbildes, das Legenden nötiger hatte als Menschen aus Fleisch und Blut? Und wer redet über die Opfer eben dieser Art, Historie zu verfälschen?
Max Hannemann und seine geschiedene Frau Helene sind auf doppelte Weise Opfer geworden. Sie saß unter den Nazis im Gefängnis, er wurde noch 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen umgebracht. Sie hatte, gegen den Heldenkodex verstoßend, sich von ihrem Mann getrennt. Er unter der Folter der Gestapo Namen genannt, einen Bruchteil der von ihm gebildeten, 60 Menschen umfassenden Widerstandsgruppe preisgegeben. Wenigstens geht es so aus den Gerichtsakten der Jahre 1934/35 hervor. Grund genug scheinbar, ihn in einem Land, das seine Traditionen auf den Antifaschismus gründete, totzuschweigen. Der Frau, die Gerechtigkeit für ihren früheren Partner wollte, wurde der Mund verboten. So blieb es bis zu ihrem Tod 1990.
Jetzt hat Nauschütz die Geschehnisse von damals dem Vergessen entrissen. Ein schmales Bändchen von 64 Seiten ist entstanden. Keine bibliophile Kostbarkeit, mußte der Autor den Druck doch aus eigener Tasche bezahlen. Auch im 50. Jahr der Befreiung vom Faschismus interessierte keinen Verlag, wer in den Anfangsjahren der Naziherrschaft solange opponierte, bis an den Litfaßsäulen ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde.
Die Ebene des Reports verläßt Nauschütz zuweilen. Es geht ihm um den Vorgang, für den Lebensgeschichte der Hannemanns steht. Den gleichen, der den Autor erst 1993 aus der Zeitung erfahren ließ, daß sein Onkel nicht wie vermutet nach Palästina ausgewandert, sondern im NKWD-Gefängnis erschossen worden war. So ist es ihm gelungen, ein Stück Stadtgeschichte zu bewahren und zugleich an die Verantwortung zu erinnern, die der Umgang mit der Vergangenheit mit sich bringt.
Hans Joachim Nauschütz, „Max Hannemann und Genossen - Ein Report“, Frankfurt(Oder) 1995, 64 Seiten, 9,80 DM
Liebe zu den leisen Helden
Geschichtenband von Joachim Nauschütz erschienen
Die Helden von Achim Nauschütz sind die Leisen. Die Phantasiebegabten. Die er kennt und liebt und nach denen er Sehnsucht hat. An die er seine Hoffnungen hängt und mit denen er sich verbündet als Erzähler von "Strubbelkopp und noch ganz andere(n) Geschichten". Überdies ist das im Verlag die Furt edierte Bändchen auch eine Liebeserklärung an die Heimat des Schriftstellers im Norden Deutschlands mit ihrer spröden Landschaft, ihren spröden Leuten. Schon in der ersten Geschichte wird das deutlich, wenn Strubbelkopp irgendwo in Frankfurt (Oder) erwacht und sich den Darß ins Gedächtnis ruft, den Horizont an der See, den bernsteinglitzernden November. Nauschütz läßt seinen Titelhelden am Bodden durch die Geschichte wandern, läßt ihn das Geheimnis der englischen Porzellanhunde in den Fenstern der Gästehäuser entdecken und weckt mit dem Lied der Weidenholzflöte die Likedeeler aus der Störtebecker-Legende. Dabei ist es weniger eine äußere Dramatik, die an diesen Geschichten fasziniert, als vielmehr das genaue Hinsehen aus der unverstellten Perspektive der Kinder, die traumwandlerische Sicherheit, mit der Nauschütz sich auf ihre Empfindungen einläßt und ohne Künstelei den verschlungenen Pfaden ihrer Phantasie zu folgen vermag. Der kleine Kulle kann plötzlich lesen, aber das ist eher so eine Art Krankheit, weil sein Vater keine Zeit für ihn hat. Willy hadert mit seinem kaiserlichen Vornamen. Von Tolik aus dem Asylantenheim wird erzählt, der sich nach Kiew zurücksehnt und dort wie hier der JUDE ist, auf den ein rotes Pappschild an der Tür verweist. Oder Pawel, der jetzt Paul heißen soll nach dem Willen des Vaters. Wie kommt so jemand an, aus Rußland in Deutschland, aus der Vergangenheit in der Gegenwart? Nauschütz gibt keine Antwort und im Erzählten stecken hundert Möglichkeiten. Aber jene, die der junge Leser sich wünscht, könnte zur Wahrheit werden. Auch die Illustrationen von Wolfgang Würfel sind von dieser Art. Mit leichter Hand, ironisch, sind sie - wie das ganze Buch - eine freundliche Einladung zum Neugierigsein.







