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Gisela Kraft

Wachträume zu machtschlafener Zeit

Gisela Kraft legt neues Buch im Dietz-Verlag vor

"Wir haben das Welke entfernt. Lebenslang blüht uns ein Rest", schreibt die Berliner Dichterin Gisela Kraft in einem ihrer Gedichte und beschreibt so vermeintliche Illusionsbewältigung um den Preis vermeintlichen Realtitätsgewinns. Als die Islamistin 1984 von West nach Ost übersiedelte, gab sie ihren DDR-Einstand mit einem Lyrikband unter dem Titel "Katze und Derwisch". Keine postsubversive Abrechnung mit dem Westen, wie sie bei den Übersiedlern der 50er Jahre noch üblich war. Wohl aber ein neuer Ton in der hiesigen Literaturlandschaft, ein frauliches Hernehmen von Mythos und Geschichte; keine politischen, wohl aber menschliche Liebesbekenntnisse und alles in allem nichts, was das Miátrauen hiesiger Obwalter der Staatsmacht hätte zu zügeln vermocht.

Bei aller offiziöser Selbstdarstellung geschuldeter Schwesternumarmung war der Übertritt in die DDR nach vierjährigem Gerangel mit den Behörden ja ohnehin schon ein miserabler Ausweis. Wer so tat, gab schlecht Zeugnis von sich: Durch Konsum nicht bestechlich, dem ver- trauten Staate ein renitenter Bürger. Erschwerend bei Kraft kam hinzu: Sie war eine Frau, unverehelicht hüben wie drüben. Nicht einmal einen Liebhaber im Osten hatte sie aufzuweisen. Stattdessen türkische Nachdichtungen im Aufbauverlag. Kein gefestigter Klassenstandpunkt, geschweige denn ein Parteibuch. Nur Ästhetik. Was ist das?

Das Nachdenken über die Vokal- und Konsonantenstruktur einer sapphischen Strophe überfordert jeden deutschen Beamten und wuchert so unterderhand zum Sicherheitsrisiko. Melodik und Rhythmik der Sprache als Philosophieansatz im Kaderwelsch gewohnten A-und-B-Staat - das war eine Zumutung, wie sie der Klassenfeind nicht geschickter hätte entsinnen können. So blieben der damals 48jährigen die geheimen Dienste beider Länder gewogen.

Die Akten schwätzen dahin, wie weiland die Professoren an westelbischen Universitäten, die bei Kraft mehr geweckt hatten als die Zu- neigung zum Vers eines Nazim Hikmet. "Es gehörte zum guten Ton, wollte jemand in intellektuellen Kreisen ernst genommen werden, daß er sich zum theoretischen Sozialismus bekannte und die DDR strikt ablehnte. Mir kam das blauäugig vor." So ging Kraft den "wichtigsten Schritt" in ihrem Leben und empfand es als Befreiung. "Ich habe mich selbst in die DDR hineingeboren." Trotz Biermannausbürgerung und Schriftstellerausschlüssen. "Das hat auf mich gewirkt, aber mich nicht abgehalten. Ich wußte, daß ich nicht ins Paradies komme." Drei Jahre währendes Pendeln hatte manche Erfahrung mit sich gebracht. "Trotzdem habe ich nicht gewußt, was wirklich los ist im Osten. Das weiß nur, wer hier gelebt hat." Einmal DDR-Bürger, immer DDR-Bürger.

Die Kunst ist frei in deutschen Landen



Reisepaß ade. Im Fernsehen wurde die Neuerwerbung der Übergangs-Epochemacher nicht vorgeführt, bis 1990 nicht und danach auch nicht so gern. Der SFB setzte 1993 ein Porträt der Dichterin zwei Tage vor der Sendung ab, berichtet sie. Zu einer Ausstellung von Künstlerinnen aus Mainz in der Partnerstadt Erfurt wurde sie eingeladen und, da hatte sich ihr Grenzübertritt durchgeflüstert, in letzter Minute
telefonisch um freundliche Abwesenheit gebeten. Die Kunst ist frei in Deutschen Landen. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen und kommunalen Würdenträger sinds auch.

Fragt sich, ob der Schöpferin streng komponierter, metaphernreicher Sprachgebilde, geschichts- und philosophiegespickter Verse da nicht ein wenig populistisches Unrecht widerfährt. Könnte Kraft nicht recht wohl zu den Nischenbewohnern zählen, die Lyriker allemal sind, wenn sie nicht gerade ins Klagenfurter Autoren-Wrestling ziehen? "Ein Schreck war diese Politisierung meiner Person schon für mich. Die Zensur im Westen, die Tatsache als verfemte Autorin bei einem verfemten Verlag - nämlich Dietz in Berlin - zu drucken, war ungewohnt. Aber vielleicht mußte ich endlich selber zuslassen, daá ich nicht nur die Ausgleichende bin, daß im Zorn und im Sarkasmus etwas frei wird, was sich gestaut hatte. Mein Ideal von mir selbst hat sich geändert", bekennt die Autorin des rotgewandeten Bändchens "Zu machtschlafener Zeit" (Dietz Verlag Berlin 1994, 118 Seiten, 26 Mark).

In vier kräftigen Traktaten mit allen Tugenden des Essays und aller Lust der Literatur geht es da zur deutsch-deutschen Sache. Hie apokalyptisch, dort gelassen ironisch, etwas weiter wütend, fast zynisch, und manchmal auch heimlich melancholisch. Das haut in keine Kerbe, sondern kratzt erst einmal den Staub von zerscherbten Denkblasen, hält die Teile aneinander, bis etwas Neues entsteht aus dem drögen Original, etwas, das die Phantasie beflügelt, die Mutter des becherschen "Aufstands im Menschen". Es ist ihre Möglichkeit, einer Zeit zu begegnen, in der "der Westen zuschlägt mit seiner Machtkralle".

3000 Exemplare wurden von dem Büchlein gedruckt. Kraft hofft, daß die gewählte Form schneller zu Lesern führt, als die reinrassigen Genres. Damit ist ihr Optimismus denn auch ausgeschöpft. Wie ihr sprudelndes, genußfreudiges Temperament gegen das Asthma kämpft, so wollen die kleinen Freuden des Alltags sich schlecht mit den großen Nöten der Allwelt versöhnen. "Eine große Hoffnung hege ich nicht, ich kann keine aufstrebende Linie entdecken", sagt sie mit Blick vor allem auf die Ökologie. Ihre Gedichte aus dem Spreewald - Landschaft jenseits der Idylle - verraten ein wenig davon. Manchmal hätte Kraft auch Lust, wenigstens in der Lokalpolitik etwas zu tun. "Aber die literarische Arbeit braucht alle Kraft."

Mehr als 80 Veranstaltungen hat sie in den zurückliegenden Jahren allein mit der Liedermacherin Barbara Thalheim absolviert. Mit dem Musiker Dietrich Petzold arbeitet sie desöfteren zusammen, aber auch die Zahl der Solo-Lesungen hat wieder zugenommen. Immernoch sind Novalis und die Frühromantiker ein unbewältigtes Thema. Der zweite Roman über ihn führt Kraft "an die geistigen Grenzen". Um das Romantikertreffen in Jena vor 195 Jahren geht es darin, die faszinierende Bewußtseinsdramatik bei Schlegel, Tieck, Jean Paul. "Paradies" soll der 1996 fertige Band heißen, wie jener Park, in dem man einst auf Goethe traf. Und in zwei Jahren soll ein neuer Gedichtband vor- liegen. "Dann werde ich 60. Doch, das ist etwas Optimistisches. Ich bin sehr neugierig, wie es dann weitergeht, vor allem mit dem Schreiben. Ob eine Art dritter Pubertät anbricht. Auf jeden Fall soll es noch einmal richtig losgehen."

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