Elfriede Brüning
Plädoyers für vergessene Frauen
Achtzehn Jahre war Anni Sauer gefangen. Sie gehörte zu den Millionen Opfern Josef Stalins in seinem Kampf gegen den Kommunismus. Sie überlebte den Gulak, weil sie von ihren Ideen überzeugt war. Aus dem gleichen Grund ließ sie sich weitere Jahrzehnten zum Schweigen über das erfahrene Leid und Unrecht bringen. Als sie 1989 starb, ahnte sie wahrscheinlich nicht, dass darin ihr vielleicht einziges Vergehen bestand: geschwiegen zu haben. Was bei der tanzbegeisterten Antifaschistin Irrtum war, war bei anderen Verbrechen. Denn Verschweigen wird Vergessen. Vergessen ist tödlich, löscht Leben aus.
Dagegen schreibt Elfriede Brüning an, auch noch mit über 90 Jahren. In ihrem jüngsten Buch hat sie die Lebensgeschichten von acht Frauen versammelt, die sie „Gefährtinnen“ nennt. Die große Enzyklopädie der Neuzeit, das Internet, kennt nur wenige von ihnen und manche eben auch nur durch die Aufzeichnungen der Schriftstellerin. Neben der Musikpädagogin Anni Sauer ist die Rede von der Autorin Cläre Jung, von Ilse Stöbe, die zur Roten Kapelle gehörte, 1942 ermordet wurde und nach der Wende nicht mehr Namensgeberin einer Schule sein durfte. Die tapfere Usedomerin Hella Manigk, die in den letzten Kriegstagen zwei russischen Gefangenen das Leben rettete, wird vorgestellt und die Jugendrichterin Lisbeth Samain, die an die Lernfähigkeit ihrer Verurteilten mehr glaubte als an den Strafvollzug. Der unermüdlichen Bibliothekarin Karin Wilke wird ein Denkmal gesetzt. Auch über ihre Freundinnen Berta Waterstradt, die als Satirikerin ein breites Publikum in der DDR begeisterte, und Annemarie Auer-Zak, die als Kritikerin Autoren und Leser ebenso förderte wie vor den Kopf stieß, erinnert Elfriede Brüning.
Dabei versteht sie sich gleichermaßen als Reporterin und Anwältin der Porträtierten. Der Ton ist verbindlich, weil es um das Verbindende geht, das diese sehr unterschiedlichen Frauen vereint. Ihr Verständnis von Emanzipation als Aufgabe, sich mit den eigenen Einsichten und Talenten einzubringen in den Lauf der Dinge. Ihr Vermögen, wohl auf Öffentlichkeit, aber nicht auf Wirksamkeit zu verzichten oder, was auch in der DDR schwerer fiel, trotz Öffentlichkeit nicht den eigenen Anspruch preiszugeben. Vor allem aber waren es Frauen, die solidarisch handelten und Solidarität erlebten. Nichts anderes ist auch das Buch von Elfriede Brüning: Ein Dokument der Solidarität über die Grenzen einer vergangenen Ära hinaus.
Elfriede Brüning, „Gefährtinnen – Porträts vergessener Frauen“, Karl-Dietz-Verlag, ISBN 3-320-02059-5, Paperback, 158 Seiten







