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Rüdiger Liedtke- Treuhand als Pferdefuss der Okkup

Treuhand als Pferdefuß der Okkupation

Nicht als größte Holding der Welt findet die Treuhandanstalt das Interesse vieler Menschen im Beitrittsgebiet. Der Gigantonomie waren sie schon müde, als sie 1989 auf die Straße gingen. Heute liegen sie nicht selten auf der Straße, und so scheint ihnen die Behörde zu ihrer Enteignung von den Produktionsmitteln - deren Besitzer sie nie wirklich waren - eher als größte Hehlerorganisation des real existierenden Kapitalismus. Eine Maschinerie mit anfangs 8000 Betrieben und 4 Millionen Beschäftigten, die einzig der Umverteilung des Reichtums von Ost nach West und von Unten nach Oben dient und sich überdies als monströser Apparat zur Vernichtung von Arbeitsplätzen erweist. Vor allem aber ist die Treuhandanstalt das größte Experiment derer, die unter dem Leitspruch "Keine Experimente mehr" das Land in ihre Gewalt brachten.

In der edition spangenberg gab Rüdiger Liedtke einen Sammelband heraus, der "Die Treuhand und die zweite Enteignung der Ostdeutschen" unter die Lupe nimmt. Auf 220 Seiten kommen namhafte Befürworter und Kritiker des Mammutunternehmens von Gregor Gysi bis Birgit Breuel zu Worte. Überdies hat das Buch seine eigene Dramaturgie. Selbstdarstellung und Analyse werden gefolgt von Betroffenheit und politischer Reflektion. Es liegt im Wesen der geistigen Landschaft, daá einige Autoren dabei über die Grenzen einer nur partiell distanzierten Kapitalismusapologetik nicht hinauskommen. Sie suchen denn eher nach Fehlbarkeiten und Verfehlungen innerhalb der Treuhandanstalt, raten dem Schmuddelkind der Marktergreifung zum Nägelschneiden, erfassen es aber nicht als konsequentesten und un-verschämtesten Ausdruck kapitalistischer Expansion.

Denn die Treuhandanstalt ist ein nach der Systemlogik durchaus funktionierendes Gebilde und erhebt mit Recht Anspruch auf ihre Beispielhaftigkeit. Wer die politische Verantwortung für die Handlungweise deutscher Banken und Konzerne übernimmt, gibt das nur ungern zu. Die Formel "De-Industrialisierung durch Privatisierung" ist in Wahlkampfzeiten gefährlich. Was sie beinhaltet, ist hingegen gewollt: Die Strukturzerschlagung der ostdeutschen Wirtschaft, die Bereinigung des Marktes von unwillkommener Konkurrenz, seine Einnahme durch expandierende Produzenten. Die Kosten aus Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Sanierung usw. hingegen sollen auf die Bevölkerung verteilt werden. Das ganze nennt sich dann "Dienstleistung für das ganze Volk" (D. Rohwedder).

Wie da gedient wird und wem, zeigt Jörg Heimbrecht, der als potentieller Investor gegenüber der Treuhand auftrat und so den Nachweis erbrachte, daß intakte Betriebe unter Wert verramscht, Käufer mit offenen und verdeckten Subventionen überhäuft werden und die angeblichen Bemühungen um die Sicherung von Arbeitsplätzen von vornherein nur Ablenkmanöver vor den Enteigneten sind: Allein in Brandenburg sind längst mehr als 50 Prozent der Erwerbstätigen aus dem Berufsleben herausgeschleudert worden (Regine Hildebrandt). Vor allem verheiratete Frauen werden ins Hausfrauendasein entsorgt und tauchen alsbald in keiner Statistik mehr auf.
Armin Steuer blickt in seinem Beitrag auf die Tradition der Behörde von den Conquistadores bis heute. Thomas Ebermann und Rainer Trampert schlieálich analysieren, daá es sich bei der Treuhandanstalt weder um eine Ansammlung menschlicher Schwächen handelt, noch um "Politikversagen", die sozialdemokratische Ausrede für kapitalistische Krisen. "Die Marktwirtschaft vergrößert ständig das Gefälle zwischen armen und reichen Gegenden. Sie tut dies im Weltmaßstab, aber auch im Rahmen staatlicher Grenzen. ... Wenn unter solchen Bedingungen die gesamte Volkswirtschaft des ehemals zehntstärksten Industrielandes vorwiegend der bundesdeutschen Wirtschaft zum Kauf angeboten wird, dann geschieht das um den Preis des Dumpings für kleinere, attraktive Einheiten und der Zerstörung der Masse. Wer die Marktwirtschaft befürwortet, sollte nicht darüber nörgeln, daß der Aufkauf von konkurrierenden Unternehmen, zum Zwecke ihrer Stillegung, nun einmal zu ihrem Wesen gehört." Für die Richtigkeit ebendieser These finden sich in Liedtkes Buch vielgestaltige Belege.

Rüdiger Liedtke (Hg.), "Die Treuhand und die zweite Enteignung", edition spangenberg 1993

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