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Mit Andert auf die VIPpe steigen

Wende-Biografien zwischen Anderson und Zimmermann

Reinhold Andert, Jahrgang 44, Absolvent eines bischöflichen Vorseminars, Orgelbauer und Philosoph, begann seinen Weg als Liedermacher beim Berliner "Oktoberklub". Dort sang er "Hier schaff ich selber, was ich einmal werde, hier geb ich meinem Leben einen Sinn", und dies war die lautere Wahrheit. Dann erfand Andert für eine ganze Schar munterer Barden, sich selbst eingeschlossen, den Sammelbegriff "DDR-Konkret", der so ernst gemeint war, daá er den Sänger, in seiner künstlerischen Arbeit eher gediegen als sensationell, nach und nach in Konflikt zu den Öberen des real existierenden Stalinismus brachte. Ihr Zorn war umso größer, als Anderts Biografie desöfteren die der paternalistischen Landeslenker streifte (ein Grund dafür, daß wir Andert und Andre Herzberg den aufschlußreichen Interviewband "Erich Honecker - Der Sturz" verdanken). Der unbotmäßige Sozialist wurde mit Parteiausschluß und Liebes- sprich: Öffentlichkeitsentzug bestraft. In den fortgeschrittenen 80er Jahren war von ihm die frühe Einsicht zu hören: "Was soll ich im Westen? Da ist es genauso beschissen wie hier."
Dies sei vorangestellt, weil einige Kritiker des Autors in seinem neuesten Buch, "Unsere Besten - Die VIPs der Wendezeit", die Vita des Mannes vermissen, der mit christlich und marxistisch fundierter Chuzpe allerlei Leute ins Bild rückt, die gern zu Politgrößen des vereinigten Deutschlands geworden wären oder auch tatsächlich geworden sind. Insbesondere jene genießen seine Zuwendung, die ihre Biografien, vor allem die offziellen und nachschlagbaren, gern im Herbst 1989 beginnnen lassen. Andert bemüht sich dabei keineswegs um Vollständigkeit, und die Ernsthaftigkeit des VIP-Unternehmens versteckt sich zwischen den abgründigen Bitterstoffen eines Humors, der seine Vitalität aus der von Andert vorzüglich beherrschten dialektischen Denkweise bezieht. So gerät das Büchlein zu einer genußvollen Lektüre auch dann, wenn der geneigte Leser den unverholenen Sympathien und Antipathien Anderts nicht in jedem Falle zu folgen vermag. Manchmal freilich ist es Andert nicht ganz geglückt, die Häme des enttäuschten Intellektuellen zu unterdrücken. Und manchen setzt er scheinbar nur noch auf die VIPpe, um ihn, wie einst auf dem Kinderspielplatz, noch einmal gründlich auf dem Boden aufkrachen oder hoch droben zappeln zu lassen. Bei den besten der hundert Porträts zwischen Sascha Anderson und Udo Zimmermann freilich beweist Andert ein aus vielen Quellen gespeistes Esprit. Wie mit bunten Glitzerkugeln, hantiert er mit Anekdoten, Gleichnissen, historischen Episödchen, und zeigt, daß auch die tumbeste Politikergestalt noch die Lust zum eigenen Denken beflügeln kann. Unter glücklichen Voraussetzungen und bei hinreichender Gelassenheit ist diese freundliche Magie anstreckend. Sie immunisiert überdies gegen Stumpfsinn und Heldengläubigkeit. Womit Andert sein Ziel wohl erreicht haben dürfte.

Reinhold Andert, "Unsere Besten - Die VIPs der Wendezeit", Elefanten Press, Paperback, 128 Seiten,
Elefanten Press, Paperback, 128 Seiten

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