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Monika Zimmermann - Willi Stoph aß keine Petersili

Rückschau zwischen Geist und Macht

Die mentalen Differenzen zwischen Deutschen und Deutschen sind eine launige Angelegenheit. Mit Wucht drängen sie ins Klischee - Besserwessi dort und Zonendödel hier -, aber was sich da eigentlich wechselseitig abstößt nach der mißlungenen Transplantation, wird selten so manifest, daß es in starren Worten seine Entsprechung fände.
Da kommt Dankbarkeit auf gegenüber der importierten Chefredakteurin Monika Zimmermann, die den ausgeschwitzten Brei ihres FAZ-Ablegers Neue Zeit zwischen zwei Buchdeckel pappte, den Stallgeruch des Frankfurter Feuilletons mithin so weit verdichtete, daß all die Tageszeitungsingredienzen, die sonst für seine Erträglichkeit zuständig sind, verpuffen und nur der morbide Brodem eines zur Siegerpose aufgeblasenen Nichts übrigbleibt. Dies, und nicht der von der Herausgeberin befürchtete Aktualitätsverlust, schlägt auf die Seitenfüller der Neuen Zeit zurück. Und daß sie sich so wenig unterscheiden von den Gegeißelten, derer sie oft nicht einmal habhaft wurden.

"Was macht eigentlich... 100 DDR-Prominente heute" zeigt vor allem, wie noch die schwachbrüstigsten Journalisten der ihre pflichtgemäße Siegerpose vollführen, wie sie ihren Obolus zum politischen Vulgarismus in die Kollekte der neuen Herrlichkeit werfen. Die abgestandene Politironie ist aus den gleichen Quellen geschöpft, aus denen sich schon die kalten Krieger der grad gegründeten deutschen Republiken bedienten. Und selbst der gedämpftere Ton gegenüber Künstlern und Wissenschaftlern, um bei politisch Exponierten dafür mit doppelter Kraft auftrumpfen zu können, gehört zum Altrepertoire der Demagogen. Keine Stilblüte ist zu schade dafür. Da ruft Ralf Hübner einen Ex-Politiker an, und der legt, etwas besseres konnte er auch nicht tun, den Hörer auf. "Die Vergangenheit wird einfach abgehängt", zürnt der Autor und merkt nicht, auf wen sich das Substantiv bezieht. Dorothea von Törne dringt sogar bis zur Todsünde einer Mitarbeiterin des Kulturministeriums vor: "Auch wenn sie in der DDR nicht eigentlich priviligiert lebte, so fühlte sie sich doch allein dadurch besser, daß sie von der Richtigkeit des sozialistischen Weges fest überzeugt war." So hinterhältig konnten DDR-Bürger sein. Vielleicht aber ergeht es der Journalistin ganz ähnlich: Wenn sie auch nicht recht wußte, was sie da schrieb, so fühlte sie sich doch allein dadurch besser, daß sie zumindest einen Teil davon glaubte. Der Neuigkeitswert des Buches erschöpft sich denn auch in der Tatsache, daß Willi Stoph bei Staatsbanketten keine Petersilie aß.

Die Tatsache, daß ein verdienstvoller Verleger, Christoph Links, den Band verlegte, hindert den Rezensenten, ihn beiseite zu tun, bevor nicht Antowrt gefunden ist auf die Frage: Warum machen die das?

Zunächst einmal: Die Tatsachen sprechen für sich. Glauben sie und scheren sich nicht um Kausalitäten. Den Unterschied zwischen Fakt und Wahrheit begreifen sie ebensowenig, wie den zwischen Wissen und Bildung. Ihre Oberflächlichkeit verbrämen sie mit Arroganz. Letzteres ist ihnen nicht anzulasten, es gehört zum schulischen und auch medialen Erziehungsprogramm dieser Gesellschaft. Niemand wird einem Bewerber empfehlen, vor einem Personalchef "einfach er selbst" zu sein. Jeder ist seine eigene Firma, für die es zu werben gilt. Die Ware Journalist zappelt lieber zwischen Grußadressen und Jubiläumsreden herum, als zuzugeben, daß ihr Lebenseinsichten fehlen oder vollkommen fremd sind. Nichtschreiben kommt öffentlicher Selbstentleibung gleich, während Schreiben über nichts als Clevernis gedeutet werden kann.

Zum zweiten: Sie wollen nichts wissen. Hintergründe interessieren sie nicht, weil sie die Grenzen schematischen Denkens durchbrächen. In dem Augenblick aber, da die Geschichte als etwas begriffen wird, das den Autor mit dem Porträtierten auf subtile Weise zusammenführt, bricht die schützende Selbstgerechtigkeit zusammen, werden auch die eigene Biographie und die Umstände, unter der sie entsteht, fragwürdig.

Drittens: Es wird nicht über Menschen geschrieben, sondern über gesellschaftliche Torsi verhandelt. Die passen gerade noch auf eine Zeitungsseite. Seriöse Publizisten allerdings machen dieses Dilemma kenntlich und bemühen sich, im Fragment das Ganze sichtbar werden zu lassen. Das Unfertige begreifen sie als das dem Lebendigen am ehesten Entsprechende. Wenn sie einen Wandernden beschreiben, besteht ihre Distanz zu ihm darin, daß sie verschiedene Wege sehen, obwohl der Wanderer nur seinen gehen kann.

Viertens: Richter schließen eine Sache ab, Berichtende schließen sie auf. Die einen verurteilen, die anderen machen neugierig. Den einen geht es um Macht, den anderen um Geist. Der Widerspruch ist unlösbar. Die daraus resultierenden Literaturen sind unvereinbar - außer in der Rezension.

Im Vorwort zu Thomas Grimms Interviewband "Was von den Träumen blieb" schreibt Heiner Müller: "Auf den toten Gegner kann man jedes Feindbild projizieren, das vom Blick in den Spiegel abhält." Und der Philosoph Walter Markov sagt im Gespräch seinem einstigen Schüler: "Es bleibt eben offen, ob die Teilnahme an einem gescheiterten Experiment, so gut und so lang wie möglich, ein Setzen auf das falsche Pferd war, oder ob man im Kampf um den Sozialismus als zivilisierter Mensch gescheitert ist."

Grimm wollte seinen Band, in dem es ebenfalls um Prominente der DDR geht, ursprünglich "Die Hinterbliebenen" nennen. Vielleicht assoziierte er damit Trauerarbeit. "Eine Bilanz der sozialistischen Utopie", verheißt nun der Untertitel, aber die kann der Autor ebensowenig ziehen, wie seine Gesprächspartner es können - in einem Gespräch. Vielleicht hängt diese Kurzschlüssigkeit mit der Wirkung geschriebener Geschichte auf neu zu schreibende Geschichte zusammen; sie scheint allemal stärker als die gelebter Historie zu sein.

Der Vorwurf freilich, von Verleger Elmar Faber im Interview formuliert, dürfte der einzige bleiben, der sich gegen Grimms Buch erheben läßt: "Langsam komme ich dahinter, daß sie als historischer Betrachter, als Angehöriger einer späteren Generation die damaligen Schlagworte und Kampagnen ernster nehmen, als wir es in jener Zeit getan haben, und daß Sie andererseits gern einen Bogen um Realitäten machen."

Dieser Einwand, steht zu vermuten, dürfte kaum jemanden erspart bleiben, der sich mit Ernst der Vergangenheit zuwendet und - erschrickt. Das Verdienst Grimms besteht darin, daß er sich davon nicht abschrecken läßt und auch nicht verführen. Mancher, der unter Monika Zimmermann zur Karikatur entstellt wurde, gewinnt in Grimms Buch seine menschliche Gestalt zurück.

Das hat nicht nur mit solch simplen und gleichwohl seltenen Tugenden zu tun wie der, daß Wahrhaftigkeit nur entspringt, wo Würde möglich ist. Grimms Weg zu seinen Fragen war deutlich länger als der zu seinen Antworten. Im Laufe seiner zwölf Porträts lernt der Leser den Kenntnisreichtum und die Vorbildung des Interiewers zu genießen. Sie hilft nicht nur, den Horizont eines anderen Denkens zu eröffnen, sondern bringt den Befragten noch einmal in Lebensräume zurück, die sonst verschlossen blieben. Dabei fixiert Grimm den Sprachgestus seiner Gegenüber so stilsicher, daß Charaktere sichtbar werden. Zum Beispiel das Weltgewandt-Forsche bei Faber, der einst den Aufbau-Verlag führte. Oder das Lakonische bei Stefan Heym. Oder auch die Ambivalenz im Verhalten des auf ungestörte Forschung bedachten Querdenkers Jürgen Kuczynski. Querverbindungen stellen sich her zu Brecht, Eisler, Seghers, auch zu Ulbricht, Kurella, Honecker. Aber niemand erscheint als Genie, niemand als Dämon. In Rede steht Zeugenschaften, die zeitlich wie räumlich hinausgehen über das Korsett DDR. Und wo Konflikte ausgetragen wurden, geschah das nicht zwischen einem Helden und einem drachenköpfigen System, sondern zwischen schöpferischen Menschen, deren Ansatzpunkte sie oft ebenso zueinanderzogen, wie ihre Folgerungen sie auseinandertrieben. Bis zum Zerreißen. Aber "Menschen, denen das Träumen verwehrt wird, haben keine andre Heimat als den Wahnsinn. Die Schreckensfrage des nächsten Jahrhunderts lautet: Was spricht gegen ihn?" So schreibt Müller in seinem Vorwort, und allein um dieser zwei Seiten Willen lohnte der Kauf von Grimms Buch.

Monika Zimmermann (Hg.), Was macht eigentlich... 100 DDR-Prominente heute, Ch.Links Verlag, 304 Seiten
Thomas Grimm, Was von den Träumen blieb - Eine Bilanz der sozialistischen Utopie, Siedler Verlag, 256 Seiten