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Jürgen Nagel, Jürgen Rennert - Spurensicherung im

Leitbilder in der DDR

Wenn mich die Erinnerung an eine heile DDR überfällt, wo Freundschaft nichts kostete und der tägliche Kleinkrieg daran teilzuhaben schien, die Welt ein Stückchen nach vorn zu drehen, wenn ich vom Streit nur noch im Gedächtnis habe, worum es den Streitenden ging, und nicht mehr die Nervenzusammenbrüche und schmutzigen Intrigen, kurz, wenn mir ein Hauch von Wehmut an mein um sich schlagendes Herzchen dringt, dann ziehe ich einen unansehnlichen A4-Band aus dem Regal, der mit zwei Klammern geheftet ist und den Titel trägt: "Ich zeige an. Berichte von Betroffenen zu den Ereignissen am 7. und 8. Oktober 1989 in Berlin". Danach ist mir zumeist kalt und zum Kotzen.

Eine Pferdekur, diese Austreibung des Leibhaftigen mit dem Belzebub. Sie ist nicht jedem jederzeit zuzumuten, und es geht ja auch anders. Wie beispielsweise, das haben der Fotograf Jürgen Nagel und der Dichter und Vorwortautor Jürgen Rennert in einem Büchlein gezeigt, das unter dem Titel "Parole Zukunft. Eine fotografische Spurensicherung" bei Basisdruck erschien. Worauf der Wanderer sich visuell einläßt ("Sage, du habest uns liegen sehn..."), nimmt Rennert verbal vorweg: "Sprüche sind die Fassadenkletterer unter den Worten. Die hohe Akrobatik vernebelt den niederen, ursprünglichen Zweck ihres Aufstiegs: einzubrechen und auszuräumen. Wer sich einläßt auf sie, den lassen sie kaum noch aus." Und um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, fügt er an anderer Stelle hinzu: "Heute sind die einstigen Tummelplätze ideologisch-monochromer Wortmonster von knallbunter High-life-Werbung besetzt. Sage mir, welche Parolen und Symbole von unseren Wänden in die Wirklichkeit schreien - und ich sage dir, wer wir sind..."

Das Wir hätte Rennert sich schenken können; es gehört in den Sprüchebeutel. Aber ansonsten - auf geht die Fahrt, chronologisch beginnend am 30. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik, die zum größten Teil aus Alltag bestand, genau dem also, was Losungen so schlecht aushalten.
Zum Beispiel der stolze Bauarbeiter mit dem Aufdruck: Die DDR mein Staat neben der Immuna-Bindenverpackung. Oder der stolze Satz: "Wer zünden will, muß selber brennen" neben dem Lichtschalter. Was wehtut daran, ist die kurze Distanz von sechs, sieben Jahrzehnten zur Oktoberrevolution in Rußland. Dort hatte das Volk noch nicht viel mehr als die Losungen... Was wehtut, sind die allenthalben bröckelnden Wände, die von den Heroen des Proletariats und ihren Einsichten mehr schlecht als recht gestützt zu werden scheinen. Was gar nicht anders denn als Hetze gelesen werden konnte, stand es in einem westlichen Blatt, ist hier belegt: Neben dem Plakat zum X. Parteitag der SED (1981) liegen liebevoll ausgerichtet die siebenfaltigen Fischkonserven und darüber steht: "I a Grüne Heringe, 500g -,65 M". Und über dem Gitter der Sparkasse prangt das Eingeständnis, wem da nachgeeifert wurde im Dichtdanebenistauchvorbei-Sozialismus: "1. Ich leiste was! 2. Ich leiste mir was!".
"Marxismus das ist Theorie und Praxis der SED" verkündet ein Leitspruch und verdeckt zweieinhalb von vier im Schaufenster ausgestellten Kinderwagen. Nicht zu reden von der Weinbrandflaschenbatterie, die zum Republikgeburtstag das SED-Emblem umschließt. Und manchmal mochte schon die Ironie eine Plakatierers am Werk gewesen sein - oft genug waren diese Berufsgruppen ja mit einem statistisch außerordentlich hohen Intellektuellenanteil gesegnet -, wenn etwa die strahlende FDJlerin "Meine Heimat DDR" verkündet, und darunter prangt die Filmwerbung für "Eine sonderbare Liebe".

An all das hatte ich mich gewöhnt. Es war mir nicht lieb, aber teuer (denn wir zahlten dafür und das in jeder Hinsicht). Vor allem war es mir vertraut. Nicht als skurrile Sonderdeponie für Wortmüll, sondern als tägliche Umgebung, die ich kaum mehr wahrnahm, geschweige denn reflektierte. Ganz selten, daß ich mich angesprochen fühlte. Manchmal immerhin ein garstiges Lachen angesichts einer besonderen Unverschämtheit, hinter der die List des Narren sichtbar wurde. Meistens ein ganz gewöhnlicher Überdruß, von dem ich nicht mehr wußte, wohin mit ihm.

Dies alles und mehr scheint sich gebündelt zu haben in der Flut vom Kopf auf die Füße gedrehter Weisheiten, Sinnsprüche und Wortkartuschen, die im Oktober, November '89 dann plötzlich auf der Straße zu sehen waren. Aufstand der Phantasie gegen sattsam ertragenen Stumpfsinn, gekrönt durch den unvergeßlichen Rückgriff auf das, pardon, auf mein Parteisymbol mit dem Händedruck. Darunter stand nur noch ein einziges Wort: "Tschüß". Es fehlt in dem Büchlein von Nagel und Rennert, aber nicht in meinem Gedächtnis. Und wenn mich die Erinnerung überfällt...

Jürgen Nagel, Jürgen Rennert, "Parole Zukunft. Eine Fotografische Spurensicherung", Basisdruck, 192 Seiten, 24,80 DM

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