Guido Knopp - Bilder, die Geschichte machten
Bilder, die ihren Betrachter nicht mehr loslassen, die zum Symbol geworden sind, weil sie Zeitgeschichte wie in einem Brennglas bündeln. Jedes ein scheinbar unverrückbares Faktum, Welt-Bild im wahrsten Sinne des Wortes. Aber: An allem ist zu zweifeln, und Bilder werden alt.
So machte sich der 1948 geborene Historiker und Journalist Guido Knopp auf die Suche nach Menschen, die wir alle schon einmal gesehen haben auf diesen "Bildern, die Geschichte machten". Eine erfolgreiche Fernsehserie ist daraus entstanden und nun liegt im C. Bertelsmann Verlag das Buch dazu vor. Die erstarrten Augenblicke geraten wieder in Bewegung, die Bilder beginnen zu laufen. Das napalmverbrannte vietnamesische Mädchen Kim Phuc Phan Ti verwandelt sich in eine allem Schmerz zum Trotz fröhliche Studentin, die ihr Bild als Beitrag zum Frieden verstanden wissen möchte und ihren Peinigern gern verzeihen würde, wenn sie die Wahrheit sagten. Daß sie nämlich sehr genau wußten, auf wen sie damals ihre Bomben warfen. Auch Galja, die als Mädchen auf Stalins Armen berühmt wurde, steht vor der Kamera. Sie kann heute kaum mehr glauben, daß sie es war, die zigtausenfach für die Propagandamaschine des Diktators herhalten mußte, während ihr Vater längst im Gulak starb. Und manches Bild erweist sich im Nachhinein als gestelltes Foto. Die Wehrmachtssoldaten am polnischen Schlagbaum, lachend, übermütig, waren jahrzehntelang Synonym für Expansionslust und Kriegstollheit dieses Landes. Hermann Rausch erklärt, wie das Bild entstand: "Als wir gegen sechs Uhr morgens an diese Stelle kamen, lag der Schlagbaum schon abgebrochen neben seinem Bock." Fürs Album hoben die Landser ihn noch einmal auf. Zwei polnische Grenzer, später wegen der Ähnlichkeit ihrer Uniform oft als SS-Männer interpretiert, gingen ihnen dabei zur Hand. Nicht anders am Ende des Krieges: die rote Fahne weht auf dem Reichstag. Nur: Als sie gehißt wurde, war keine Kamera zur Hand. Also wurde die Situation medienträchtig nachbereitet. Die siegreichen Stars and Stripes der Amerikaner über Iwo Jima wurde auch erst aufgenommen, als das unscheinbare Fähnchen gegen ein angemessen pompöses ausgetauscht war. Die später auf Cocktails herumgereichten Helden waren ebenfalls andere. Manchen bannte die Kamera im Zenit seines Lebens, ohne sich um die folgende, jähe Talfahrt zu scheren. Tommie Smith und John Carlos, die 1968 Gold und Silber bei den Olympischen Spielen gewannen, senkten den Kopf, als die amerikanische Hymne erklang, und hoben die in Lederhandschuhen steckenden Fäuste. Der Black Power-Gruß als Protest gegen Apartheid wurde ihnen daheim jahrzehntelang nicht verziehen und zog Schikanen aller Art nach sich. Der Mann im schweren Raumanzug, der als zweiter Mensch den Mond betrat, litt danach unter Depressionen und acht eine schwer Alkoholkrankheit durch...
Nein, es gibt kein Symbol für den reinen Heros, weil es den reinen Heros nicht gibt. Das schmälert nicht den Wert jener 16 Bilder, mit denen der 191 Seiten starke Band sich beschäftigt. Ein Buch, das den Umgang mit Geschichte erleichtert, weil es sie in ihrer diffusen, widersprüchlichen Unaufhörlichkeit zeigt, über die ein Bild manchmal hinwegtäuscht oder gar hinwegtäuschen soll.
Guido Knopp, Bilder, die Geschichte machten, 192 Seiten, C. Bertelsmann Verlag München, 1992








