Zwerenz
Rechts und dumm?
Ein Springerstiefel kann den herausragendsten Intellekt unversehens in einen gesichtslosen Bestandteil der grummelnden Mehrheit verwandeln. Dieser so simplen wie fatalen Tatsache ist es geschuldet, daá der politisch-soziologisch-psychologische Diskurs über das Phänomen rechter Gewalt immer wieder Gefahr läuft, nicht weiter zu reichen als dorthin, wo diensttuende Ohnmacht von vermeintlich unbeteiligter Ohnmacht in die Pflicht gerufen wird, also bei Streetworkern, Ausländerbeauftragten, Pädagogen und, die utopische Hoffnung sei verziehen, Polizisten.
Barbarei hat die Eigenschaft, sich nicht selbst zu reflektieren, wenn sie ein Ergebnis von Verdrängung ist. Mit dem Rationalisieren ihrer Hintergründe läßt sich Barberei also auch nicht unmittelbar bekämpfen; bestenfalls kann Vernunft in der Gesellschaft befördert werden, die dünne Schicht zivilisatorischer Kultur, auf der unser Umgang miteinander beruhen sollte, kann wiederbelebt werden in der Hoffnung, daá sie nicht wie eine abgestorbene Haut unter dem Druck sozialer Spannungen zerreißt. Dieses Bemühen ist nicht mehr oder weniger aussichtsreich, als es alle anderen aufklärerischen Unternehmungen sind, und über Strecken wird es den Mordbrennern zwischen Solingen und Hoyerswerda immer wieder gelingen, einen nicht geringen Teil der Bev”lkerung in die groben Denkraster eigener Ideologie zu zwingen. Folglich rufen gutbebauchte, aber feige Familienväter nach Staat und Polizei, während schwermütige Intellektuelle ihren traditionellen Selbsthaß wieder einmal an das urschlechte Deutsche an sich abdelegieren, oder Neokonservative zum letzten Vergeltungsschlag gegen die 68er (zu denen sie nicht selten selber gehörten) ausholen: diese hätten in der Erziehung einer ganzen Generation und in voller Breite versagt... Und dennoch muß der Diskurs weitergeführt werden.
Extremismus im gesellschaftlichen Kontext
Einen Ansatz dazu bietet der bei Carlsen edierte Band "Rechts und dumm?" von Gerhard Zwerenz, der im Nachwort gesteht, den Band erst unter dem Druck des Verlages aus ursprünglich privaten Aufzeichnungen zusammengestellt zu haben. Diesem Umstand mag es zu danken sein, daß Zwerenz zunächst zum kräftigen Traktat anhebt: "Das kleine dumme deutsche Schwein will wieder die nationale Sau rauslassen." So schreibt man sich nicht in die Seelen deutscher Akademiker, aber der Leser wenigstens weiá von Anbeginn, mit wem er es zu tun hat, mag er die Wut des Autors teilen oder nicht. Und er erfährt weiterlesend, daß solcher Zorn nicht zum Widernis analytischen Denkens werden muß. Denn Zwerenz sieht das, was andernorts als jugendliches Protestverhalten isolierter Betrachtung unterworfen wird, grundsätzlich im Kontext von Regierungs- und Parteienpolitik, bevor er sich ideologischen Inhalten wie subkulturellen Žuáerungen "alter" und "neuer" Rechter zuwendet. Gewalt und Gewalttradition schlieálich, so weist Zwerenz nach, sind nicht Hooligans und Skinheads vorbehalten, sondern spiegeln sich auf anderer Ebene regierungsamtlich wider, etwa wenn es um die Verniedlichung kriegerischer Aktivit„ten mit oder ohne deutsche Beteiligung - wie im Golfkrieg oder in Somalia - geht.
Gewaltboom nach dem Beitritt Ostdeutschlands
Unbestritten ist, daß der überstürzte Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland mit seinen katastrophalen sozialen Verwerfungen im Beitrittsgebiet beträchtliches rechtsradikales Potential freigesetzt hat. Aus der Bestürzung, wie schnell sich die prozentuale Angleichung an westdeutsche Verhältnisse dabei vollzog, wurde rasch die These von der Erblast des autoritären, sich nur formal antifaschistisch gebärdenden Regimes.
Der von Karl-Heinz Heinemann und Wilfried Schubarth beim PapyRossa Verlag herausgegebene Band "Der antifaschistische Staat entläßt seine Kinder. Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland" geht dieser Frage nach. Er versammelt Beiträge von zehn Autorinnen und Autoren mit sehr unterschiedlichem Blickwinkel auf die rechtsextreme Szene Ostdeutschlands. In einer breitangelegten Untersuchung beschäftigen sich Wilfried Schubarth und Thomas Schmidt mit den Folgen ritualisierter Geschichtsbewältigung und antifaschistischer Mythen in der ehemaligen DDR vor und nach dem Beitritt. Bernd Wittich setzt sich mit "verordnetem" Antifaschismus und kollektiver Verdr„ngung auseinander, Wolfgang Brück geht auf die Entwicklung der Skinheadszene als "Vorboten der Systemkrise" in der DDR der 80er Jahre ein. Sein Beitrag wird ergänzt durch die von Gunhild Korfes skizzierten Biografien rechtsextremistischer Jugendlicher vor und nach der "Wende", die als Prozesse systematisch-repressiver Ausgrenzung erscheinen. Konterkarierend zeichnet Ines Schmidt ein Bild der Lebensbedingungen von Ausländern in der DDR und den neuen Bundesländern, die "mit voller Wucht" von den gesellschaftlichen Veränderungen getroffen wurden.
Der zweite Teil des Bandes widmet sich unter dem Titel "Umbrucherfahrung und Gewalt" dem Zusammenhang zwischen Wertkrise, Bezugsverlust, sozialer Verunsicherung und politischer Ortientierung. Empirische Untersuchungen (Schubarth), gesellschaftliche Erklärungsversuche (Wilhelm Heitmeyer, Hans-Joachim Maaz) und subjektive Erfahrungen (Karl-Heinz Heinemann, Irene Runge) ergänzen und widersprechen einander, und weisen so auf die Unverzichtbarkeit eines komplexen Zugriffs - wie etwa bei Zwerenz - hin.
Leitfaden durch braune Presse
Was zunächst nur wie eine horrende Fleiáarbeit erscheint, gibt dem
Leser einen Leitfaden von in diesem Unfang allgemein kaum bekanntem Quellenmaterial in die Hand: Astrid Lange hat im Verlag C. H. Beck München einen Band unter dem Titel "Was die Rechten lesen" vorgelegt, in dem sie 50 rechtsextreme Zeitschriften, ihre Ziele, Inhalte und Taktiken sowie ihre Vernetzung untersucht. Sie stellt rechtsextreme Str”mungen vor, gibt einen Überblick über Adressaten einzelner Presseerzeugnisse und versammelt die gängigsten Sprach- und Argumentationsmuster in einer Art Chrestomathie, die einer Tiefenanalyse Grenzen setzt, zugleich aber einen authentischen Zugriff auf rechtsextreme Ideologien gestattet. Darüber hinaus werden rechtsextreme Autoren vorgestellt und Hinweise auf weiterführende Literatur gegeben. Dieser Band versteht sich als praktisches Arbeitsmaterial, der beispielsweise P„dagogen und Eltern, die sich mit auftauchendem Propagandamaterial rechtsextremer Coleur konfrontiert sehen, eine Hilfestellung anbietet.
Gerhard Zwerenz, "Rechts und dumm?", Carlsen Verlag Hamburg 1993, 128 Seiten, Paperback, 20,00 DM; Karl-Heinz Heinemann, Wilfried Schubarth (HG.), "Der antifaschistische Staat entläßt seine Kinder", PapyRossa Verlag Köln 1992, 144 Seiten, Paperback, 14,80 DM; Astrid Lange, "Was die Rechten lesen", C.H.Beck Verlag München 1993, 184 Seiten, Paperback, 19,80 DM