Mandel
Wilde Säue, falsche Münzen...
...und andere Vermutlichkeiten
Nicht so sehr um Geschichte, als vielmehr um Geschichten geht es Werner Mandel in seinem schönen Band "Der Schatz im Carthauskloster". Deshalb weiß man bis heute nicht sicher, ob es den Vorläufer der Bücherverbrennung in Frankfurt (Oder) gab, ob der Ablasshändler Tetzel den Schriften seines Widerparts Luther unweit der St. Gertraudkirche wirklich einen Scheiterhaufen errichten ließ. Auch die Schuld der Witwe Sottmeier am großen Feuer vom 19. Mai 1723 ist bis heute nicht erwiesen. Unter der Folter gestand die Frau nichts. Trotzdem wurde sie 1724 lebendigen Leibes verbrannt - womit Frankfurt am 3. Oktober mehr als nur die Erinnerung an den Tag der deutschen Einheit pflegen kann.
Friedrich der Große schaffte nicht nur die Folter ab, sondern machte sich auch zum Verfechter religiösen Friedens. "Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die leute, so sie profesiren, Erlige leute seindt, und wen Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen", quittierte er die Eingabe eines in Frankfurt ansiedlungswilligen Katholiken. Zu den Moscheen für moslemische Glaubensbrüder hat es bis heute nicht gereicht, aber eine erstarkende jüdische Gemeinde nimmt wieder regen Anteil am städtischen Leben.
Kleist, der große Dichtersohn, hielt sich bedeckt mit der Stadt. Doch war er nicht die einzige Berühmtheit aus Frankfurt (Oder). Für nasrümpfende Österreicher sind die Deutschen allemal "Piefkes" geblieben, auch wenn nicht jeder weiß, dass der Spottname auf Gottfried Piefke, Chef aller Musikkapellen des III. preußischen Armeekorps und Kapellmeister des an der Oder stationierten 8. Leibgrenadierregiments zurück geht. Heute singt man manchmal noch, ohne an Piefkes "Königsgrätzer Marsch" zu denken: "Wir ham den Kanal, wir ham den Kanal, wir ham den Kanal noch lange nicht voll..."
Ein Gassenhauer, der trefflich zu den Dienstreisenden der Universität Viadrin gepasst hätte, die sich aufs Land begaben, den Lämmerzehnt einzutreiben. Für einen Taler, einen Groschen und sechs Pfennige versoffen sie bernauisch Bier, für drei Taler und acht Groschen schütteten sie Rheinwein hinter die Binde, vier Groschen sechs Pfennige kostete der Wermut und zehn Groschen und acht Pfennige der Aquavit. Dann waren noch zwei Groschen für Magenpulver nötig, um wieder auf die Bene zu kommen. Den Armen gaben sie dafür reichlich: sechs Pfennige auf ihrer ganzen Fahrt, und alles rechneten sie treulich zu Hause ab.
Das Büchlein weiß noch mehr von Sagen, Merkwürdigkeiten und Anekdoten aus Frankfurt und der Umgebung, von einer wilden Sau auf der heutigen Karl-Marx-Straße, von der Falschmünzerwerkstatt im trockenen Brunnen und allerlei Spukzeug desgleichen. Mandel hat zahlreiche Quellen studiert, auf die Ergebnisse anderer Sammler zugegriffen und damit ein nicht nur zum Stadtjubiläum viele Lesefreuden versprechendes Büchlein gestaltet. Besonders verdienstvoll bei dieser Publikation aus dem Verlag die Furt sind die Illustrationen von Gerhard Gossmann. Der Maler und Zeichner gehörte zu den bedeutendsten Grafikern und Buchillustratoren Deutschlands. Dass sie eindrucksvoll in die Welt zwischen Phantasie und Wirklichkeit entführen, ist der Unterstützung des Kulturbüros Frankfurt (Oder) und des Museums Viadrina bei der Realisierung des Projekts zu danken.
"Der Schatz im Carthauskloster", Verlag die Furt, ISBN 3-933416-29-9, 96 Seiten, 9,90 Euro