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Rusch

Alles ganz anders

Kinder sind die beliebtesten Werkzeuge von Politik und Werbung. Sie sind die ohnmächtigsten Opfer von Indoktrination. Zugleich aber sind sie deren unmittelbarstes Abbild. Als Zeugen der Zeitgeschichte, deren Blick von keinem Kalkül eingetrübt ist, halten sie Erwachsenen einen oft ungeliebten Spiegel vor. Wer es allmählich leid ist, durch die wachsenden Halden von Opfer-, Täter- und Rechtfertigungsliteratur zu pirschen, wird deshalb möglicherweise zu einem schmalen Buch greifen, das jetzt im Eichborn Verlag Frankfurt am Main erschien und die Ergebnisse eines Schreibwettbewerbs zusammenfaát, den die IG Metall veranstaltet hat. "Plötzlich ist alles ganz anders - in Deutschland, der Welt und in mir" hieß das Motto der Gewerkschaftsaktion "Kinder schreiben über unser Land". Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe hat der Sammlung ein freundliches Vorwort gestiftet und in einem Satz das ganze Dilemma der Neuvereinigung offenbart: "Wie gelingt es uns, die Menschen wohlbehalten in das gemeinsame Deutschland mitzunehmen?" Die Frage impliziert, daß das neue Deutschland an den Menschen vorbei, über sie hinweg und weitgehend unabhängig von ihnen vertragswerkelt wurde.

Dazu also 100 Kinderstimmen aus Ost und West. Neben der Angst vor einem Krieg im Angesicht der Ereignisse am Golf und vor allgemeiner Umweltzerstörung ist es, vor allem in Ostdeutschland, der plötzlich durchlebte Widerspruch zwischen einem verlockenden Warenangebot und der mangelnden Zahlungskraft der Eltern, insbesondere dann, wenn sie auf Kurzarbeit gesetzt sind oder ihren Arbeitsplatz bereits verloren haben. Was die Vereinigung überwinden sollte, setzt sie an anderen Punkten überhaupt erst in Gang: Familien werden auseinandergerissen, weil Väter in den Altbundesländern ihren Broterwerb suchen. Soziale Konflikte werden auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Sie reflektieren über trinkende Väter, weinende Mütter, die Behandlung ihrer Eltern als Deutsche zweiter Klasse. Der Freude über geöffnete Grenzen treten Verluste gegenüber: Ferienlager, die aus dem Erlös von Altstoffsammlungen stets gefüllte Klassenkasse, billige Schülerspeisung und manches mehr. Wer sich wohlfühlte in der Pionierbluse, vermiát auch sie, während andere sich über den moderateren Ton an der Schule ohne Meldung und Pioniergruß freuen.

Wie die Heranwachsenden mit der neuen Situation ("Es ist, als hätte eine Bombe eingeschlagen") umgehen, hängt davon ab, ob sie das nicht mehr vorausgeplante und umfassend geregelte Leben auch als Chance zu begreifen vermögen, ob in einer alles und jeden berechnenden Gesellschaft wenigstens etwas familiäre Nestwärme bleibt.
Es ist müßig, mit den Vor- und Nachwortautoren zu hoffen, daá Politiker diese Kinderzeugnisse ernster nehmen als die Freuden, Sorgen und Nöte ihrer Eltern. Das Büchlein scheint eher dazu angetan, Sonntagsredner und Heldenvolkabwickler zu relativieren. Und vielleicht öfter einmal den Blick vom nichtssagenden Nachrichtensprecher auf das vielsagende Gesicht der eigenen Kinder zu wenden.

Regina Rusch (Hg.), Plötzlich ist alles ganz anders, 127 Seiten, Eichborn Verlag Frankfurt am Main, 1992