Hermann Kant im Gespräch
Zeitgeschichte wie ein großes Memory
Irmtraud Gutschke sprach 50 Stunden lang mit Hermann Kant
Als das Buch erschienen war, rückte Friedrich Schorlemmer von einer alten Idee ab: Nein, vor einem Tribunal wollte er den Kant, Hermann, nun doch nicht mehr sehen. Ist der Wendezorn verraucht? Sind alte Gegenerschaften obsolet geworden vor neuen Fragen an Gott und die Welt? Was bewegt daran, dass einer, der die 80 überschritten hat, aus seiner norddeutschen Einsiedelei heraus Leute dazu bringt, neu nachzudenken über scheinbar längst Abgetanes?
Es sind „Die Sache und die Sachen“, die ihm anhängen, dem Autor der „Aula“ und des „Aufenthalts“, dem Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, dem die Verantwortung zugeschrieben wird für den Ausschluss zahlreicher Kollegen aus diesem Verband, dem Poltergeist, der die Reibefläche suchte und dessen Verstand manchmal die Parteidisziplin im Wege stand, manchmal die eigene Eitelkeit und schlimmstenfalls beides.
Irmtraud Gutschke hat fast fünfzig Stunden lang mit Kant gesprochen und aufgezeichnet, was als Essenz eines Lebens gelten kann. Kant korrigiert sich nicht, dass er „Sozialismus versucht“ hat – schon gar nicht in Zeiten, in denen Deutschland in neue Kriege marschiert.
Warum das so ist, hat zu tun damit, wann und warum Menschen es vorziehen zu schweigen, wo sie reden müssten, wann und warum Vergangenheit ins Feld geführt wird, um der Gegenwart ausweichen zu können: die DDR und jene, die sie aufbauen und kaputt machen halfen, als Lehrbeispiel für Versagen. Und Zukunft eben nicht als „Paradiesvorstellungen, sondern solche, die die Hölle eindämmen“.
Es sind Gespräche über Erfahrungen, die bis heute nicht nur Prägung, sondern auch Herausforderung sind, über das Büchermachen natürlich und über Leute, die sich diesem Beruf verschrieben haben, auch über einen kalten Krieg, an dem beteiligt zu sein, kein Versehen war. Nicht für einen, der zur Literatur gekommen ist, weil er sich als politischer Mensch begriffen hatte.
Wer auf die Generalbeichte hofft, dem kommt Kant eher mürrisch, wer Schnurren erwartet, hat sich im Bücherregal vergriffen. Aber ein paar Weggefährten rücken ins Bild: Anna Seghers, ohne die der Elektriker vielleicht nicht studiert hätte, Stephan Hermlin, der nicht immer verstandene Freund, politische Akteure aus vier Jahrzehnten konfliktreicher deutscher Literatur- und Zeitgeschichte.
Die breitet sich auf dem Tisch, wie ein großes Memory: für jede Karte gibt es eine zweite, die genauso aussieht, aber ganz woanders liegt. Sie nach und nach aufzudecken, macht nicht nur Historikern Spaß. Unversehens ist die Lust da, weiter zu lesen. Nicht nur bei Kant.
Henry-Martin Klemt
Irmtraud Gutschke, „Hermann Kant - Die Sache und die Sachen“, Neues Deutschland, Das Neue Berlin, 2007, Hardcover, 256 Seiten, ISBN 978-3-360-01906-6
Gebrauchsanweisung für einen Film
Hermann Kants Autobiografie "Abspann"
Die Geschichte des Schriftstellers, Verbands- und Parteifunktionärs Hermann Kant ist, wenn schon nicht exemplarisch, so doch auch nicht ungewöhnlich. In der DDR und ihrem Autorenverband gab es für viele die Alternative, im Windschatten der Konflikte - die oft wenig mit Literatur zu tun hatten und doch tief in die Arbeit der Autoren eingriffen - ihren Schreibtisch aufzustellen, oder die ästhetische der politischen Auseinandersetzung hintanzusetzen und einzugreifen: eine Verführung, die im Entwurf der Gesellschaft ebenso angelegt war wie in der zumindest vermeintlichen Rolle der Künstler darin.
Die einen lebten ruhiger und nicht selten mit Westwind im Rücken, den anderen blieb manches Manuskript ungeraten oder gar ungeschrieben. Zuweilen gingen beide Arten von Moralisten - denn das waren die einen wie die anderen - aufeinander los, stets mit der unzweifelhaften Verspannung von ungerecht Behandelten, stets auch angefeuert von hüben und drüben und meistens und gemeinsam zum Schaden der Literatur und ihrer Wirkung in der geschlossenen Gesellschaft DDR.
Diese Lesart, wie jedes Klischee unhaltbar bei näherer Betrachtung, soll formuliert sein, weil sich ein anderes Klischee breitmacht über die Literatur aus dem Osten, in dem es von Widerstandskämpfern, die endlich zu Recht und Preisen kommen, nur so wimmelt, und das Weiche unter ihren Füßen sind die stalinistischen Vasallen, die sich im Staub der Geschichte winden und um Vergebung barmen oder wenigstens um einen kleinen Verlag.
Von beiden Vereinfachungen wird sich lösen müssen, wer nach gültigen Urteilen strebt, und er wird die Selbstbetrachtungen der weiland Betroffenen als Pladoyers in eigener Sache zu nehmen haben, als anwaltliche Kundgebungen gegenüber dem voreingenommenem Auditorium.
Hermann Kant nennt das seine "Abspann", der am kartharsischen Schluá die Akteure eines Films herzählt und verrät, für wessen Geld und nach wessen Regieanweisungen gespielt wurde. Der zugleich die Rückkehr ins gewöhnliche Leben einläutet, in dem jeder sein eigenes Theater spielt unter geichermaáen fremdbestimmten Produktionsbedingungen. Zudem klingt Abspann nach Entspannung, auch nach Ausspannen, Pausieren, nach Licht-an-und-raus, nach dem zurückbleibenden Dreck zwischen Bierdose und Popcorntüte oder nach vom-Sofa-aufstehn-und-endlich-pinkeln-gehn. Der Titel ist eine Verheiáung von Profanem nach nach all dem Spielerischen, Bemühten oder Überanstrengten, mit dem ein Zukunftsmodell am Leben gehalten wurde, als es schon längst keines mehr war.
Die "Erinnerung an meine Gegenwart", von der Kant im Untertitel schreibt, verträgt es, vorher anderenorts aufgefrischt zu werden. In seinem Publizistikband "Zu den Unterlagen" (Aufbauverlag 1981) beispielsweise, in dem sich jenes Tauziehen - dessen Gegenstand hernach in Erwartung des passenden Halses von manchem Kollegen lustvoll geseift wurde - noch einmal nachlesen l„át. Authentisch und frei von Selbstschutz sind dort Haltungen belegt, die 1979 im Ausschluá von neun Schriftstellern aus dem Verband mündeten.
Solche Vergewisserung ist auch nötig, weil das Solidaritätsgefühl mit dem neudeutschen underdog Kant überhand nehmen könnte im gemeinsamen Grimm auf die Verhältnisse, in denen Schiffe der DDR-Kriegsmarine zugunsten notleidender Bundesgrenzschützer für ein Spottgeld verscherbelt werden, in denen falschaussagende kirchliche Würdenträger mit nichtaussagenden finanzbegabten Grüschnäbeln von wirtschaftspolitischer Explosivität unter eine Decke kriechen, die vom Tegernsee bis an die Havel reicht, und in denen schlieálich ein verhafteter Spione der eigenen Garnitur politische Verantwortungsträger zu der späten Einsicht verführt, daß es nunmal in der ganzen Welt Geheimdienste gibt.
Er sei Mutters regierbarstes Kind gewesen, lautete die Aussage, die den Anwalt in eigener Sache noch in Wendezeiten in den Zeugenstand rief. Sie wurde länger als "Aula" und "Impressum" und hebt an im gewohnten Stil des Erzählers, dessen Intonation zwischen Ironie und Ingrimm sich nah dem Feuilleton hält, der Anekdoten in die Geschichte einwebt, mit feinen Knoten, die sich immer wieder aufnehmen lassen, mit Bögen und Ellipsen, Verschränkungen und gedrehten Perspektiven, und doch verbirgt sich darin der šberernst jemandes, der sich nicht mehr freibekommt aus dem, was die einen Verstrickungen nennen und die anderen schlichter, auch näher der Wahrheit, Biografie.
Das bleibt über viele Seiten erhaben über Verdacht. Von der Kindheit bis zur Arbeit bei Kantorowicz, der sp„ter den Bannfluch über seinen Zögling sprach, beschreibt das Buch Herkünfte und Hinwendungen, r„umt es den ungeschriebenen Geschichten ihren Platz ein. Dann aber beginnt Kant, ungefähr im siebten Abschnitt, zu erklären, zu rechtfertigen und das zu reiten, was er vielleicht für eine Gegenattacke hält. Damit beginnt jene Akrobatik, von der Kant schon während des laufenden Films desöfteren besser hätte lassen sollen, wie sein Freund Hermlin ihm riet. Die große Mühe, die Kant darauf verwendet, seine früheren Gegenspieler in ihrer Ambivalenz zu zeigen (als hätte je ein ernstzunehmender Mensch die innere Widersprüchlichkeit eines Grass bezweifelt oder Erich Loest in den Stand einer integren Persönlichkeit zu setzen gesucht), diese Mühe hätte einen größeren Kontext verdient als marginales Recht oder Unrecht des DDR-Bürgers Kant.
Was wirklich lehrreich sein könnte und sich trotzdem nicht in einer Geschichte beschreiben läßt, dieser abstruse Rest, aus dem ein Gutteil unserer Hoffnungen und Illusionen war, macht Kant und Genossen - inclusive Rezensent - heute zu verschrobenen Typen. Das unverständliche Backgroundgemurmel zwischen Politbüro, Zentralkomitee, Kulturministerium und Verband beispielsweise, das die friedensfördernden Berliner Begegnungen begleitete, kann, heute in Wörter übersetzt, nur noch Kopfschütteln hervorrufen. Was dummdreistes Rechthabenwollen zum Tribut forderte und wieviel Kraft es kostete, einen Satz, eine Karikatur, ein Gedicht zu verteidigen, wird unverständlich bleiben. Daß sich unter dem dennoch Verhinderten, Verbotenen oder Verzögerten etwa das "Impressum" befand, gehört zu jenen Skurrilitäten, die belegen, daß Diktatoren ihrer eigenen Macht mit Inbrunst Schaden zufügen müssen, ohne sich dessen gewahr zu werden.
Zu Kant gehört, daß er die Diktatur - des Proletariats nämlich - notwendig fand als Mittel gegen die Gewalt des Geldes, auch noch, als die Diktatoren ihm kein Vertrauen mehr einflößen konnten. Er verteidigte diese Diktatur, indem er ihre Mittel - Zensur, Korruption und Repression - leugnete und: indem er sie hinter den Kulissen zu bekämpfen suchte. Zu reden wäre darüber, welcherart Gründe es für all dies gab und wie stichhaltig sie heute, nicht nur aus der Distanz zum Gescheiterten, sondern auch in der Gegenwart des Übriggebliebenen, erscheinen. Das nun leisten Kants Geschichten in der Geschichte nicht. Zuweilen scheint es, als schleppte der Autobiograph ein Rednerpult vor sich her, das den Mangel an Souveränität im Umgang mit eigenen und fremden Fehlern und Verletzungen ersetzen muß.
Nicht daß er wehleidig wäre. Das Bärbel-Bohley-Syndrom hat ihn bislang verschont. Aber wer sagt eigentlich, daß es nicht ratsam sein kann, sich ab und zu selbst auf den Zeigefinger zu schlagen, selbst dann, wenn es die anderen aus anderen Gründen gerade schon getan haben? Warum muß er beweisen, daß sein Leben sich zu leichter Kost verarbeiten läßt? Warum ist das alles so witzig und glatt und verbissen zugleich? Wem schuldet Kant die Zitate aus seinen Briefen an die Oberen, dieses auftrumpfende: So war ich gar nicht, und hier der Beweis...
Kant erwartet, daß von ihm Zerknirschung erwartet wird. In diesem Punkt irrt er. Die vorgeblich Zerknirschung erwarten, wollen, daß er das Maul hält. Daß möglichst alle das Maul halten, die in der DDR etwas anderes sahen als das Objekt ihres heroischen Widerstandes. Die werden sein Buch weder kaufen, noch ausleihen, nicht öffentlich noch privat. Sie machen auch gar nicht so feine Unterschiede, wie Kant bei der rororo-Dokumentation über die Verbandsausschlüsse.
Andere, die gar nichts zu erwarten vorgeben, erwarten, daß Kant stehenbleibt, wo er steht, damit er noch ein paar von den parat stehenden Dreckkübeln auf sein Haupt laden kann. Die brauchen sein Buch ganz unabhängig davon, wie es geschrieben ist. Es wird nämlichen Zweck erfüllen.
Wer aber meint, Kant schreibe für jene, die dann noch übrigbleiben, der wird wahrscheinlich enttäuscht. Erst sehr spät und nur im Untertext wird sichtbar, daß es eigentlich bei allem Wirbel ein ziemliches Alleinsein war, in dem Kant agierte. Daß Miátrauen seine Rückschau bestimmt. Daß er seinen persönlichen Part an Mißverständnissen geklärt wissen möchte. Als ob sich das ohne den anderen bewerkstelligen ließe.
So kommt es, daß die Lektüre des "Abspann" wie ein Gegenstück zum "Aufenthalt" geät. In den großen Roman um einen deutschen Kriegsgefangenen hatte ich mich nach einigen Dutzend Seiten eingelesen. Aus der Biografie dessen, der ihn schrieb, drängte die Begehrlichkeit des Autors mich mehr und mehr hinaus.







