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Sonja Kurella

Die Erben sollen vergleichen können

„Das wird in die Erbmasse des geschichtlichen Bewusstseins eingehen“, zitiert Sonja Kurella am Ende ihres Buches ihre jüngste Tochter. Wenn es so wäre, ließe sich gelassener zurück schauen auf den Versuch, eine bessere Welt zu errichten. Es hätte weiterhin Sinn, gegen das Verklumpen und Verlumpen von Geschichte anzugehen, die Irrtümer schmerzhaft zu scheiden von den Verbrechen, die Zwänge der Geschichte von der Willkür ihrer Akteure. Aber wie findet das, was gewesen, aus dem Streit der Ideologien ins Gewissenhafte? Wie gelangt es aus dem Arbeitsspeicher ins Betriebssystem? Und wie wird es dort brauchbar gemacht am Ende der vorerst letzten neuen Zeit?
Zu den probatesten Mitteln, das eigene Gedächtnis zu verbiegen, gehören die Schlussfolgerungen aus dem Erlebten, die Summierung des Gewesenen unter das vermeintlich Wesentliche. Sonja Kurella wählt für ihre Erinnerungen einen besseren Weg. Von der Mutter zu ihren Kindern, von der Großmutter zu ihren Enkeln, von der Schwester zu ihrem Bruder, von der Lebenden zu den Toten. Auch das muss, um der Lebenden willen, sein. Sie schreibt sehr persönliche Briefe, in denen sie ihre Leipziger Kindheit erinnert, als Tochter des kommunistischen Landtagsabgeordneten Georg Schwarz, den die Nazis, ebenso wie ihren Bruder Martin, kurz vor Toresschluss ermordeten. Sie ruft die Stadtlandschaft wach, das Milieu der Arbeiterviertel, die Kämpfe der Weimarer Zeit und den Widerstand gegen den Faschismus, die keinen Umweg um die Jüngsten machten, Spiele aber auch und Ausflüge, Schul- und Arbeitsalltag, sie skizziert Hausbewohner und Bekannte, Widersacher und Genossen. So entsteht das Bild einer Zeit aus ihrem Selbstverständnis heraus. Erinnerung statt Belehrung. Die Nachfolgenden sollen vergleichen können. Die große Geschichte spielt sich in Mädchenfreundschaften ab, bei Kurierdiensten mit dem Puppenwagen, in der Angst um die erste Liebe, die von einer Militärkarriere träumt und nicht wissen darf, wen sie und für wen sie sich wirklich entflammt. Die Angst um den ins KZ verschleppten Vater durchzieht die Jugendjahre. Die Hoffnung von Madrid bis Stalingrad. Als die 1000 Jahre des Vierten Reiches vorbei sind, ist Sonja Kurella 21. Es wäre nur folgerichtig, wenn die Autorin, so weit ihre Kräfte das gestatten, von diesem Punkt weiter erzählte. Wie ja auch für die Geschichte gilt: Fortsetzung folgt.

Sonja Kurella, „Im Zwielicht der Erinnerung – Kindheit und Jugend von Sonja Kurella-Schwarz“, Paperback, 248 Seiten, NORA, ISBN 3 – 936735-45-X

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