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Peter Ensikat

Kammerstücke statt eines großen Romans

Wieso Peter Ensikat nicht die DDR-Geschichte bewältigt

Kürzlich sehnte sich der Mitbegründer des Neuen Forum und Anwärter auf den Stuhl des Bundespräsidenten Jens Reich fernsehöffentlich nach dem "großen Roman" über das Leben in der DDR. Der ist, wie wir wissen, noch nicht geschrieben. Und immer deutlicher wird, das vieles, was heute zum Thema zwischen Buchdeckel gepreßt wird, wenig zu sagen hat. In solchen Situationen rief eine hilflose Schar Aufklärungshungriger schon immer nach den Schöngeistern, und bald wird auch das bürgerliche Feuilleton in den Sirenensang einstimmen.

Woher diese Not? Gibt es nicht Biographien en masse, kaum mehr oder weniger redlich oder verlogen als die Memoiren ausgedienter Bundesrepublikaner? Mühen sich nicht Soziologen, Politologen, von West nach Ost übersiedelte Pressezärchen und natürlich die Heuschreckenschw„rme aufgeregter Parteimä„nner und -frauen, das schier Unerklärliche zu erklären, das da heißt DDR? Sollte alles vergeblich sein? Die geschäftig zusammengezimmerten Schubladen für Gut und Böse, die mühsam unterdrückte Siegerpose, der missionarische Eifer der geborenen Demokraten? Alles umsonst?

Ja. Zumindest insoweit, als das permanente Erklärungsbedürfnis zum permanenten Miáverständnis wird. Die erwünschte Trennschärfe gab und gibt es nicht: panta rei. Und überdies liegt das größte Problem nicht bei den beigetretenen Deutschen, sondern bei jenen, die mit diesem Beitritt herzlich wenig zu tun hatten, weil sie in München, Hamburg oder Osnabrück mit gänzlich anderen Sorgen beschäftigt waren.

Wer einmal erlebt hat, wie ein mit all seinen Existenzbedingungen - in Identifikation oder Distanz - verinnerlichtes System über Nacht auáer Kraft tritt und übers Jahr durch ein nur vermeintlich bekanntes ersetzt wird, kommt nicht umhin, sich ein paar Fragen zu stellen. Überdies hat er es mit Antworten nicht mehr so eilig. Das gilt für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Erschütterung folgt eine rasante Verdrängungsleistung, an deren Ende das Prädikat "lebenstüchtig" lockt, oder der vielbelächelte Versuch, jener geschäftigen Aufarbeitung das fragwürdige Gewicht eigenen Lebens entgegenzusetzen. Dann vielleicht wird unter all den Gläubigkeiten, Illusionen, Enttäuschungen, gutgemeinten und schlecht gelungenen Taten eine Kontinuität sichtbar, die Halt bietet nur um den Preis, mit vielen Haltlosigkeiten zu leben. Etwa mit der, daá Zweckphilosophien und Pragmatismen im Leben einander abl”sen, wenn man im Unsinn nach einem Lebenssinn sucht, daß Moralität zur Lebenslüge gerinnt, wenn sie sich einrichtet zwischen den Tabus der jeweiligen Gesellschaft, daß demokratisches Engagement und Opportunismus oft unbemerkt ineinander übergehen. Das Mögliche ist unmöglich, wird das Unmögliche nicht versucht.

Aber wo kämen die Sieger der Kurz-Geschichte hin, wenn sie sich derart gleich machten mit den Besiegten? Und warum sollten sie es tun ohne jene Not, die auf Straßen treibt auch dann, wenn noch niemand weiß, ob dort geschossen wird? Die Mißverständnisse sind zwingend auch für die, die verstehen wollen. Daran ändert kein Roman so viel, daß man seine Hoffnungen an ihn verschwenden sollte.

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Unter all den Büchern, die auch menschliche Enttäuschungen waren, fällt eines auf, das beinah gar nichts gerade biegen möchte, und dessen Autor hinreichend unbefangen ist, von nichts weiter zu reden als von seinen Erfahrungen. Die münden in dem Titel: "Ab jetzt geb ich nichts mehr zu - Nachrichten aus den neuen Ostprovinzen".

Daß der Mann mit dem Faltengesicht auf dem Einband sehr wache Augen über sehr ironischem Mund präsentiert, ist kein Argument für Qualität. Peter Ensikat ist schließlich Satiriker von Beruf, ein moderner Tragöde also, den die Wirklichkeit mehr als einmal mit ihren viel größeren Übertreibungen beschämte. In seinem Buch fragt er mehr als 50 Mal "Wieso?" und schließlich mit Brecht: "Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?"

Jedes Wieso ist eine Geschichte, wie ich sie Stück für Stück meinen Kindern vorlesen könnte, wenn sie mich nach dem Land DDR fragten. Jede würde bei mir anders aussehen, aber das macht nichts. Die Genauigkeit, zuweilen satirische Schärfe, mitunter anekdotische Pointiertheit dieser literarisch-biografischen Kammerstücke, spricht auch dann für sich, wenn man nicht gleich erklärt, was man besser oder schlechter gewuát zu haben meint.

Der Leser erfährt, was es mit den "Arbeiterkindern" auf sich hatte, mit Lehrerinnen, die vor dem Parteieintritt warnten, mit unendlichen Schulungen, auf denen niemand etwas lernte, mit der Stasi und ihren Akten, dem Kabarett und seinen Zensoren, den Reisekadern und dem internationalen Kabarettismus. Er liest erstaunt, wieso man wegen Russisch-Brot ins Gefängnis kommen konnte und wegen eines Bühnentextes die Staatsbürgerschaft verlieren, warum Äthiopien für DDR-Künstler näher war als West-Berlin und weshalb sich Frau Breul als Kabarettbesucherin so wenig von den einstigen DDR-VIPs unterscheidet. Wie sich Wohnverhätnisse änderten und jemand aus der S-Bahn nicht mehr auf die Mauer sah, wie man zu einer Auszeichnung kam und ins Präsidium eines Verbandes, warum ein Kabarettautor von der Kanzel las und einer Freundin riet, in den Westen zu gehen, weshalb eine Revolution nach Feierabend gemacht wird und die Zeitungslektüre heute länger dauert. Wieso ein Schriftsteller feige ist und nicht im Besitz der einzig wahren Wahrheit.

Die Kabarettexte aus verschiedenen Zeiten sollten den Band wohl auflockern und ergänzen. Sie wirken, gelinde gesagt, stumpf und, leider gerade die neuzeitlichen, platt dazu. Vielleicht, weil es sehr lange her scheint, daß der Rezensent sie heftig belachte, vielleicht, weil man sie nicht der Bühnensituation berauben sollte. Vielleicht aber auch, weil Ensikat so viel Leichtigkeit in seine Episoden legte, daß man sie lange mit sich herumträgt. Wo ist die Abrechnung mit persönlichen Feinden? Wo die Häme über die Einheitsverlierer? Bei Ensikat ist sie nicht. Und wer jetzt fragt: Wieso? ist auf dem besten Weg, diese DDR zu begreifen.

Peter Ensikat, "Ab jetzt geb' ich nichts mehr zu - Nachrichten aus den neuen Ostprovinzen", verlegt bei kindler 1993, 368 Seiten

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