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Katarina Witt

Das erste Leben der Katarina Witt

Wer in der DDR zum Hochleistungssportler avancierte, bekam ein Dopingproblem. Das mußte nicht zwangsläufig pharmazeutischer Art sein. Wie jede Fixierung auf eine Tätigkeit zur Unterdrückung zahlreicher Lebensäußerungen - und dadurch zur Ausblendung anderer Wirklichkeitsbereiche - führt, so trieb der Perfektionismus von Kinder- und Jugendsportschule bis zu Olympia die Sport-Kader in eine spezielle Art von Isolation. Zudem ist es kein real- sozialistisches Phänomen, daß Erfolg im Regelfall zu Dankbarkeit gegenüber jenen führt, die ihn sichtlich mit ermöglicht haben. Die besondere Reputation der Sportler, die Unverhältnismäßigkeit ihrer forcierten "gesellschaftlichen Anerkennung" zwang sie sukzessive auch in eine besondere Form der Loyalität. Wer konnte schon als Halbwüchsiger einen Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen, wenn er nicht zuvor Olympiagold im Turnen oder Schwimmen oder Eislaufen heimbrachte? Und wer sollte sich nicht mit einer Gesellschaft identifizieren, die ihm scheinbar unbegrenzte Entwicklungschancen bot: Reisemöglichkeiten, wohnliche Wohnung, eigenes Auto und - wenn die ersten Frustrationen durchlebt, Verlockungen erfahren, Vergleiche gezogen waren - auch schon einmal den legalen Erwerb von Devisen.
Von allem ein bisschen mehr haben als die anderen, das zog freilich auch den Neid der Kleinbürger auf sich, der zu kurzgekommenen Opfer der Mangelgesellschaft. Zumal es leicht ist, die Moralkeule zu schwingen: die Aushängeschilder der Halb-Nation, die schönsten Gesichter des Sozialismus, die Bevorzugten, die McGyver richtig anfassen dürfen - und wer weiß was noch -, die sind eben auch verstrickt ins Geschlinge der Macht. Die haben die greisenhafte Zuneigung eines ungeliebten Staatsoberhauptes am Hals, der die hochnotpeinlich dirigierten Bezirks- und Zentralorgane zum Abdruck immer neuer Lächelbildchen der Angebeten ermuntert. Spätestes dann hat der Liebling, der doch das angekratzte Selbstbewuátsein der Dreibuchstabenländler hatte aufbessern sollen, in den Wohnstuben der Areiterschließfächer verschissen.

Das schmerzt. Noch schmerzhafter aber ist es, wenn die Stasi, bei der sich solch ein gepflegtes Reputationssubjekt noch nach den polizeilichen Prügelorgien vom 7. und 8. Oktober 1989 für ihre Verläßlichkeit bedankte - etwa weiland bei der Zurückgabe des eingezogenen Führerscheins - wenn diese Stasi etwas später und höchst unfreiwillig mit einem 3103-Seiten-Dossier aufwartet, einem Sammelsurium von Lebenslenkern, die selbst im Schlafzimmer Gott spielten und das Laken zerschnitten, auf dem doch eben noch zwei Liebende lagen.
Auf einem anderen Blatte steht, weshalb man diese Geschichte vermarkten muß, so, daßman die Hand des Ghostwriters spürt, der ein Gespür für Nervenkitzel wie für Gartenlaube hat. "Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür" heißt die Biografie der Mittzwanzigerin Katarina Witt. Sie zeigt die Unschuld aus dem Tal der Ahnungslosen zwischen der perversen Gründlichkeit ostdeutscher Geheimpolizei und der nicht minder perversen Oberflächlichkeit westdeutscher Gazetten, läßt einen schäumenden David gegen den zum Goliath aufgeblasenen schwammigen Gehirnwäscher Tiedje aus dem Hause Bild antreten, die Goldkati unter den versteinerten Blicken ihrer von Ehrgeiz zerfressenen, skrupellos karrieregeilen Trainerin Jutta Müller auf Jungmädchenabenteuer gehen, lüpft hier ein wenig die Bettdecke, offenbart dort hinreichend Biederkeit, um sich der Solidarität solider deutscher Gartenzwerge zu versichern, und bringt dem Eisstar wahrscheinlich ebenso viele Medienpunkte, wie es ihn wieder einmal Charakterpunkte kostet.

Aber dieses Buch ist auch ein aussichtsloser Kampf gegen die Häme jener, die sich in ihren normalen Biografien eingerichtet haben. Es ist das stille Tauziehen zwischen der Verbitterung einer jungen, ehrgeizigen, nicht mehr völlig ahnungslosen Frau, und der ganz ähnlichen Verbitterung derer, die ihre eigene Glanzlosigkeit mit Aggressivitä zu verdrängen suchen.
"Ich liebe den Eiskunstlauf - und ich hasse das Verlieren" ist ein Schlüsselsatz der Wittschen Lebensgeschichte (die ja, nebenher bemerkt, erst begonnen hat). Dieser Satz hat Calgary möglich gemacht und den mickrigen Abgang in Albertville heraufbeschworen. Trotzdem hat Katarina Witt alles getan, in ihrem Buch Bescheidenheit walten zu lassen und ihren Anspruch auf Naivität zu legitimieren. Ob der Leser ihn dem Star zugesteht, wird von seinen eigenen Erfahrungen abhängen. Allein: Die Geschichte vom schlichten Mädchen aus Sachsen wirkt weitaus weniger echt, als die Carmen auf dem Eis.

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