Hilde Kliche
Geschichte einer Odyssee
Hilde Kliches Flüchtlingserinnerungen
Es ist ein unauffälliges Buch, das Hilde Kliche im Verlag Faber und Faber veröffentlicht hat. Nichts Spektakuläres haftet ihm an. Eine junge, schwangere Frau verläßt 1944 ihre Heimat nördlich von Stettin. Sie folgt ihrem Mann, der in der Nähe von Plsen stationiert ist, während die Front näherrückt. Mit ihm gemeinsam flieht sie ins Riesengebirge, den "Luftschutzbunker Deutschlands", wo die Familie das Kriegsende erlebt. Die Neubestimmung der Grenzen bedeutet erneuten Treck, Kampf um das Überleben des Kindes und den allmählichen Verlust des Gefühls, irgendwo willkommen zu sein.
Die Schwedter Autorin erzählt ihre Geschichte ohne Pathos. Ereignisse der großen Politik fließen als dokumentarische Sequenzen in den Text ein. Es sind die einfachen menschlichen Gesten, auf die Kliche ihre Augenmerk richtet, die lebensrettenden Sekundenentscheidungen, das vermeintlich Selbstverständliche. So, wenn ihr Mann, der Sanitäter, seine Abkommandierung verhindert, indem er nachts im Wald mit dem Karabiner um sich schießt und "Partisanenaktivitäten" vortäuscht. Oder wenn die beiden auf den richtigen Moment warten, aus dem versteckten Deserteur einen willkommenen Heimkehrer zu machen.
Auch fremde Schicksale hat Hilde Kliche als Erzählungen in ihren Bericht eingefügt. Es sind Mitteilungen von großer Einfühlsamkeit und Wärme, wie sie den ganzen Band durchziehen.
Ein Jahr lang währte die Odyssee. Als sie in der Trümmerstadt Berlin ihr vorläufiges Ende findet, notiert die Autorin den Satz, der ihrem Buch ein halbes Jahrhundert später den Titel gibt: "Ich lebe, also hoffe ich". Das endlich wiedergefundene Zimmer der eigenen Kindheit, die erste Friedensweihnacht und der Entschluß, Neulehrerin zu werden, sind bereits Facetten einer neuen Ankunft.
Möglich, daß diese 140 Seiten das einzige Buch der heute 73jährigen bleiben wird. Die Fragen nach der wirklichen Heimat, nach dem Ort eines Menschen im übermächtigen Sog der Geschichte, nach dem Bestand von Menschlichkeit und Liebe, geben ein leises, aber beredtes Zeugnis von den Motiven, mit denen Menschen nach dem Krieg einen neuen Anfang suchten.
Hilde Kliche, "Ich lebe, also hoffe ich - Tagebuch eines Flüchtlings 1944 - 1945", Faber und Faber 1996







