Weber
"Frankfurter Blätter" vermitteln Literaturerfahrun
Seit Jahren hat sich das deutsch-polnische Literaturbüro Oderregion e.V. in Frankfurt(Oder) die Vermittlung von Literatur und Literaturerfahrungen zur Aufgabe gemacht. Das Spektrum reicht von Kolloquien und Workshops über Nächte der Poesie bis hin zu einer eigenen Publikationsreihe unter dem Titel "Frankfurter Blätter". Darin versammeln Herausgeber Hans Joachim Nauschütz und Dr. Steffen Peltsch Beiträge zu den bisher veranstalteten internationalen Symposien in Polen und Deutschland ebenso wie beipielsweise Texte der Interessengemeinschaft junger Autoren. Eine Ausnahme bildet das Heft 2 der Reihe, das einem einzigen Autor gewidmet ist.
Hans Weber, der "Erzähler und Träumer", spielte für die literarische Landschaft zwischen Spree und Oderbruch eine besondere, wenngleich ganz unspektakuläre Rolle. Wie kaum bei einem anderen, war sein literarischer Ort, waren die widerborstigen Helden seiner Geschichten hiesig, gehörten sie zum Interieur einer DDR, die Wandlungsfähigkeit, Phantasie und Kreativität nötig gehabt hätte, um in der Geschichte zu bestehen. Zu den Träumen Webers gehörte es, dem Fürsten dabei zu geben, was des Fürsten ist: Aufklärung. Was wunder, daß der am 9. August 1987 - gerade fünfzigjährig - Gestorbene im kapitalistisch transformierten Deutschland dem Vergessen anheimzufallen droht.
Die "Frankfurter Blätter" sind, schon ihrer schlichten Aufmachung wegen, kaum für eine Eloge geeignet. Aber sie setzen Erinnern in Bewegung, öffnen einen bibliographischen Gang an der Seite Webers - durch seine Bücher von "Schwester Tilli" über den "Moses", den "vielgeliebten Belvedere" bis zum "Einzug ins Paradies". Es ist zugleich ein Weg wachsender Fragen, Zweifel, Desillusionierungen und, ästhetisch, einer reifenden Sprache und Erzählgewalt, einer menschenfreundlichen Souveränität voller Ironie und Verständnis, mitunter auch Sarkasmus und Widerständigkeit.
Szenen aus Webers Büchern rufen Bilder ins Gedächtnis zurück, die beim Lesen einmal entstanden waren. Doch der Gang endet an einer schwarzen Wand, dort wo die Krankheit den Schriftsteller besiegte. Und mit der Trauer kommt Wut. Noch am Grab des Erzählers, der getrost zu den wichtigsten der ostdeutschen Literatur gezählt werden darf, ersparte Siegfried Schumacher den anwesenden Kulturfunktionären nicht den Hinweis, daß sie die Verfilmung vom "Einzug ins Paradies", mit dem Weber wieder einmal die Elle des Gewollten an das Gewordene legte, bis über den Tod des Autors hinausgezögert hatten.
Weber sprang jahrzehntelang mit naiver Kraft und Lust hinweg über das Mißtrauen, die Dummheit und Humorlosigkeit, das Dumpfe und Leidenschaftslose, wie über einen schmutzigen Bach zwischen fruchtbaren Feldern. Später machten ihn diese stinkenden Rinnsale wütend. Aber wenn er bei den Tagungen des Schriftstellerverbandes erschien, war er trotzdem der große Junge mit der nicht zu bändigenden Haartolle und der knittrigen Ledermappe unter dem Arm, der die jüngeren ermutigte: "Weißt du, jede meiner Geschichten fängt ganz zufällig an. Ich schreibe: Der Hahn kräht auf dem Mist - und die Erzählung beginnt von selber zu laufen..."
Gerhard Gröschke, der selbst viel zu jung an Krebs gestorbene Frankfurter Dramatiker, beschreibt in seiner Erinnerung an Weber, wie der sich freuen konnte an einem scheinbar beiläufigen Satz über den Geruch des Heus im Juni, und Nauschütz weiß zu berichten, wie er mit Weber am Fischwasser saß, dort, wo die Oder an Mescherin vorüberfließt, und daran dachte, wie das Schreiben doch dem Angeln gleiche. "Das Aufregendste in der Literatur ist jenes Abenteuer, das man erlebt, wenn man den Traum, die Legende, die Moral, den Gottesbegriff der Kindheit, Keuschheit, das was Paul Eluard das Lächeln nach den Tränen nennt, das unverletzte Menschenbild also - in der chaotischen Welt zu finden versucht", schrieb Weber in seinem Essay "Der Charme der Revolution" ein Jahr vor seinem Tod. Was wunder, daß es vor allem die leiseren Momente sind, derer seine Freunde sich als erstes erinnern.
Seinen "vielgeliebten Belvedere" läßt er über die Masse der in Schizophrenie verfallenen DDR-Bürger sagen: "Da kommt der ganze bürgerliche Mulm wieder hoch, und sie leben, wie sie es getan hätten, wenn sie im Kapitalismus nicht zu den Proleten, sondern zu den Bessergestellten gehört hätten. Aber auch nur, wie sie sich die Sache vorstellen." Das hätte er jetzt live. Trotzdem werden seine Bücher vielleicht wiederkommen. Nicht weil sie aufrichtig und präzise die Wirklichkeit eines versunkenen Landes beschreiben, sondern weil es die Bücher eines unverdrossen Hoffenden sind, der nach anderen und anders Hoffenden suchte. "Träumer sind sie allesamt", so Steffen Peltsch über Webers Helden. "Ihre Kräfte setzen sie ein, um sich ihre leise, stetige Stärke im Menschlichen bewahren zu können."
1997