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Uhlmann

Suche nach dem andern bei sich selbst begonnen

Frankfurt (Oder) ist der östlichste Osten. Hier gehen ZDF- und andere Reporter sich ihre Vorurteile und Klischees bestätigen. Hier schreiben gelangweilte Hausfrauen sich ihren West-Ost-Frust von der Seele. Hier reagieren hinreichend viele Leute wunschgemäß, nämlich genervt, auf das Sudelsorium Schmuggelstasistau. So kommt das Provinznest mit zehn Prozent Bevölkerungsverlust seit der Wende in die Zeilen. Die aufstrebende Europa-Universität Viadrina oder das Institut für Halbleiterphysik, das mit seinen innovativen Lösungen zur Weltspitze der Mikroelektronik gehört, sind da weitaus weniger gefragt. Wieso und warum schließlich aber sind Fragen, die sich ein quotenorientierter Journalist heutzutage sowieso schon beantwortet hat, bevor er mit der Recherche beginnt...

Es gibt Menschen, die diese Stadt lieben, die froh sind, wieder in einem ungeteilten Deutschland zu Hause zu sein, und sogar bereit, sich dafür einzusetzen. Manche von ihnen hat diese kaltschnäuzige Arroganz - auf die natürlich die Westdeutschen kein Monopol haben - mit den Jahren krank gemacht. Zu ihnen gehört Dagmar Uhlmann, die sich in Wendezeiten in der SPD engagierte, den Paritätischen Wohlfahrtsverband in Frankfurt (Oder) aufbaute und jahrelang leitete, bis sie nicht mehr fertig wurde mit dem "Brennen auf meiner Haut", das ihrem ersten Buch den Titel gab. Uhlmann rechnet nicht ab. Sie sucht nicht nach dem Splitter im Auge des anderen, sondern nach dem eigenen Gesicht und nach den Spuren, die "zehn Jahre in der neuen Welt" darin hinterlassen haben.

Die frühere Lehrerin befragt sich nach ihrem Selbstverständnis als berufstätige Frau und Mutter. Sie fragt nach den Werten, die aus der eigenen Sozialisation in der DDR gewachsen sind. Sie fragt nach bürgerschaftlichem Miteinander und nach Solidarität. Im Zusammenstoß mit manchem Bescheidwisser aus den westlichen wie den östlichen Bundesländern klingen solche Fragen naiv. So hält Dagmar Uhlmann in ihren episodischen Skizzen Dialoge fest, die in ihrer Skurrilität nur das Leben schreibt. Sie schlägt sich durch neudeutsches Bürokraten- und Parteichinesisch und tritt dabei auf manchen frischgeknoteten Edelschlips. Die eigene Tante muß erfahren, daß die Nichte partout nicht die von ihr geratene Partei wählen will. Der Trapper aus Fort Gauck findet sich von einer Squaw ertappt und ein anderer schließlich resigniert angesichts ostdeutscher Widerspenstigkeit: "So seid ihr - ihr bringt euch um, nur damit andere ein schlechtes Gewissen haben."

Da wohl manchmal die Wut, aber nie die Verbitterung Dagmar Uhlmann die Feder führten, ist die Reise durch ihre jüngste Vergangenheit auch für sie und ihre Leser eine Entdeckungsfahrt. Dies umso mehr, als die Autorin mit ihren Erfahrungen Menschen vertritt, die bislang selten zu Wort kamen. Solche, die den Einigungsprozeß zunächst mit viel mehr Hoffnung als Skepsis mitbewegt haben, die aber weder an die Tröge wirtschaftlicher und politischer Macht drängten, noch ihren "realpolitischen" Abschied nahmen von einer Vision, nach der Verständigung möglich und Gerechtigkeit notwendig ist. Damit bringt Uhlmann eine neue Farbe ist den deutsch-deutschen Disput und ermutigt ihre Leser, die Suche nach dem anderen bei sich selbst zu beginnen.

Dagmar Uhlmann, "Brennen auf meiner Haut - zehn Jahre in der neuen Welt", 166 Seiten, Verlag Die Furt, 29,80 DM