Hocher
Einmal Jenseits und zurück
Ist das ein Reisetagebuch? Eine Lebensgeschichte? Das Geständnis eines sexhungrigen, ewig durstigen Malochers, den keine Frau halten kann und keine noch so säuselnde Idylle? Der Autor, Rainer J. Hocher, wurde 1948 in Gersdorf (Hohenstein-Ernstthal) geboren, war Dreher, Stahlbauschlosser, Schweier, Abweichler vom Bitterfelder Weg, Abtrünniger im Arbeiter- und Bauernstaat, dessen Enge ihn umzubringen drohte. Ein belesener Mann ohne Scheu, Karl May und Nikolai Ostrowski, Jack London und Alexander Solschenizyn, Heinrich Böll und Reiner Kunze zu befragen nach dem Elexier der eigenen Existenz, die sich am Ende immer in einem Wort fokussiert: Freiheit. Doch als er fortgehen kann zu den Thaimädchen und den Atlantikwellen, zu den Mountains und den Baumwollfeldern von Arkansas, läuft das Schicksal ihm nach, immer ein bichen schneller als er. Vielleicht hat er zu viel Zeit in den Hotelbetten und an den Bars vertrödelt. Vielleicht ist im Schwei der Baumwollfelder der Angstschwei nur untergegangen, aber nicht verschwunden. Andere und sich selbst nicht glücklich machen zu können. Zu wandern, zu wandern und niemals anzukommen. Dubai, Tokyo, SanFran. Im Stil der amerikanischen Short Story lät Hocher die Stationen seiner Reise Revue passieren, intensiv und sicher im Detail.
Freiheit im Leben braucht Freiheit in der Sprache, wenn sie wahrhaftig sein soll. Hocher macht davon ungeniert Gebrauch. Er ist nicht auf Ewigkeit aus, wenn seine Sinne explodieren. Seine Liebesszenen sind von berstender Direktheit, aber nicht obszön. Fast unerwartet sanft schildert er die Begegnung mit der Farmerstochter Catherine oder mit Rachel, die darauf hofft, dass dieser Mann sie herausbringt aus ihrem abgestandenen Leben. Lieber kultiviert Hocher seinen prolligen Ton, als allzu nachgiebig seinen philosophischen Gedanken nachzuhängen, seinen Sentiments, die sich hier und da in den polierten Whiskeygläsern spiegeln. Manchmal ein Schluck DDR, eisgekühlt, mit herbem Aroma am Grund, wie der Holzgeschmack des Jack Daniels. Hocher schmeit seine Dollars aus dem Fenster und verdient sich neue, damit es bis zum Selbstmord reicht. Aber der Felsen am Grand Canyon, von dem er sich stürzen will, korrumpiert ihn mit seiner Schönheit und Härte.
Wovor er eigentlich weglief, bis in den Freitod hinein, erfährt der Leser kaum. Warum eigentlich ist der Mann nicht in Amerika geblieben? Dort war er bei sich, wie während seiner ganzen Lebensreise nicht. Schon hatte er seine erste Klapperschlange abgeknallt, hatte er das Herz eines alten Indianers erobert, der ihn Geduld lehren wollte. Schon schienen sich die ruhlosen Tramps von Jack London bis Charles Bukowski mit ihm zur Ruhe zu setzen in einer kleinen Tequilabar, wo er Marihuana rauchte, Verse kritzelte und mittwochs seine Wochendollars von der Cotton-Ranch über den Tresen schob. Dann aber richtet er doch noch den Flintenlauf auf sein Herz - und versaut´s. Stunden wälzt er sich in seinem Blut, wird am Kläffen der erschrockenen Haushunde fast verrückt, sehnt sich nach dem Ende und mehr noch nach einer Zigarette und wird – nach wochenlangem Koma und fünf Operationen – in sein zweites Leben entlassen, nach lovely old Germany, wo nur noch Schulden warten... „Das Leben ist Musik“, schreibt Hocher in seinem zweiten Leben. Drei Ehen hat er hinter sich, einen untergegangenen Staat, der ihn nervte, einen Grand Canyon verschrobener Illusionen. Die Arbeit, der Alkohol, die Frauen und die Bücher sind noch da. Die Koketterie der Nähe zum groen BUK. Die Seelenscheie der Poesie. Hocher hat noch zu schreiben.
Rainer J. Hocher, „Totgelebt“, Kontrast Verlag, 176 Seiten, 19,80 DM/10,11 Euro
2001