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Friedrich Gregor Hartmetz Kapke Mausolf Schleyer



Holger Gregor

Die Amepln New Yorks

Foto: Holger Gregor

Es ist schwer, sich nicht in New York zu verlieben, diese Stadt, die niemals schläft und dennoch träumt. Ground Zero – ein Begriff, der für das Wirkungszentrum von Atombombenexplosionen geprägt und der 2001 für zwei Wolkenkratzer den Opfern des amerikanischen Terrors in Hiroshima und Nagasaki gestohlen wurde – Ground Zero also ändert nichts daran.
Kurz vor dem schwarzen Dienstag, der das Selbstbewusstsein von Gottes eigenem Land erschütterte, besuchte der Frankfurter Fotograf Holger Gregor die Stadt. Eigentlich wollte er nur seine Tochter Johanna besuchen, die gerade ihr Schüleraustauschjahr in Pennsylvania absolvierte, aber dann plante er noch eine Woche für die Metropole mit ein. „Die gigantische Größe der Stadt hat mich interessiert. Wie funktioniert solch ein Gemeinwesen? Wie kommen Wasser und Strom, Milch und Schrippen zu den Leuten, wie kommen die Leute zur Arbeit, wie verschwindet der Müll?“ Immerhin arbeitet der Hobbyfotograf selbst als Geschäftskundenbetreuer bei den Stadtwerken. Nur dass seine Kommune gerade noch über 67 000 Einwohner verfügt und wegen der anhaltenden Bevölkerungsflucht ihre Infrastruktur zurückbauen muss. Immer größere Bezirke von Frankfurt (Oder) fallen in Lethargie.
Ganz anders New York City. „Mich hat jedes Detail interessiert, die Dimensionen und die Impulse dieses ständig überbordenden Lebens.“ Überwältigend war für den Oderstädter auch, wie solche Dynamik sich dem Rot und Grün der Ampeln unterwirft, daraus sogar ihren Rhythmus zu beziehen scheint. Gregor verfolgte Straßenpassanten minutenlang mit seiner Kamera, bannte ihre Bewegungen, ihre Körpersprache vor der Börse, im Central Park, in der Subway. „Ich wollte diese Art von hochfrequenter Existenz gern meinem eigenen Umfeld vermitteln. Ich hatte das Gefühl, für meine Verwandten und Freunde zu Hause zu fotografieren.“ Doch das Medium schien sich dem zu widersetzen, obwohl viele von den Hunderten Aufnahmen mit Film- und Digitalkamera künstlerisch gelungen waren. „Wenn ich wirklich demonstrieren will, wie lebendig das Leben dieser Stadt ist, was seinen ursprünglichen Charakter ausmacht, dann kann ich das nicht mit statischen Fotografien an statischen Wänden“, stellte er schließlich fest.
Eine Erinnerung aus der eigenen Kinderzeit kam Holger Gregor zu Hilfe. In seinem Zimmer, unweit der Tür, hing einst ein Mobile, das sich bei jedem Windzug bewegte. Die Papierfische an den hauchdünnen Fäden schienen durch die Nacht zu schwimmen, lautlos, ruhelos, bis tief in die Träume hinein. Solch eine Installation könnte den Betrachter zugleich auch mit der Vielschichtigkeit visueller Eindrücke konfrontieren, ihrem Wechsel, ihren Überlagerungen, fand der Frankfurter Künstler. Nur viel größer müsste eine solche Konstruktion sein. Dreizehn Frankfurter Firmen ließen sich von Gregors Idee anstecken und unterstützten ihn nach Kräften. So entstand im früheren Kleist Theater bei der backstage GmbH, die sonst Theaterkulissen zimmert und Veranstaltungen technisch begleitet, zunächst ein Holzmodell, bevor die eigentliche Stahlkonstruktion mit einer Höhe von sechs Metern und einem Durchmesser von sieben Metern gebaut wurde. Gewichtig im Ganzen, aber dennoch von ästhetischer Leichtigkeit bei der Betrachtung, überraschte sie schließlich die Besucher der „New York Mobile“-Ausstellung des 44-jährigen im Kleist Forum Frankfurt. Auch die Ampeln kamen zu ihrem Recht. Wechselweise tauchten Scheinwerfer den Raum in grünes und rotes Licht. In einem Tonstudio in Eisenhüttenstadt entstand ein Soundtrack, der die Stadtgeräusche simulierte.
Zu diesem Zeitpunkt gab es die berühmtern Twin Towers schon nicht mehr. Der zum Medienereignis gewordene Terroranschlag hatte weltweit die Blicke auf New York City gezogen. Die Arroganz der Industrienationen wurde von neuer Arroganz übertrumpft, die Verwundung eines sich unangreifbar wähnenden Staates zu einer Kriegsansage gegen jeden, der nicht ins eigene Kalkül passt, instrumentalisert. Daneben aber gab es die Trümmer, unter denen Tausende begraben sind, so wirklich wie der Schmerz der Hinterbliebenen. Und wirklich waren auch die Helden des Horrortages, die Feuerwehrleute, Polizisten und Helfer, von denen viele beim Versuch, andere Menschen zu retten, das eigene Leben verloren. Wirklich sind die bis heute schwarzen Fensterhöhlen in manchen Geschäftsetagen Manhattans. 20 000 Arbeitsplätze allein im New Yorker Financial District haben die Twin Towers mit in den Abgrund gerissen. Holger Gregor wollte wissen, wie diese Wirklichkeit aussieht, ob sie das Leben der Stadt verändert hat. „Kann ich den Einschnitt sehen, kann ich ihn spüren? Ich hatte so viele Fragen im Kopf. Da war klar für mich, dass ich den 11. September, den ersten Jahrestag des Anschlags, in New York verbringen würde.“
Auch ein Urteil über seine eigene Arbeit wollte Gregor erfahren. Hatten seine Bilder jene Authentizität, die er ihnen abverlangte? Der Fotograf nahm Kontakt zur amerikanischen Botschaft auf, er bat das Frankfurter World Trade Center, ihm den Zugang zum Präsidenten der WTC Association zu ermöglichen. Zwei Tage vor Reisebeginn erhielt er per eMail den Termin für sein Treffen mit Guy F. Tozzoli im Lincoln Building. „Alles überschlug sich. Die Begegnung mit dem Ziehvater der Twin Towers war atemberaubend. Ich fand eine faszinierende Persönlichkeit hinter einem faszinierenden Lebenswerk.“ Tozzoli berichtete über den Architekturwettbewerb, der für die Trümmerstätte ausgeschrieben worden war, über den Stand der Bebauungspläne, und interessierte sich für die Stadt im östlichsten Deutschland, ihre Vision, zum Tor zu werden zwischen Ost und West, zum Oder Valley mit einer Hightech-Avantgarde im Informationszeitalter.
Die Gedenkfeier am Ground Zero jagte Gregor Schauer über die Haut. „Es war sehr amerikanisch. Ich konnte mich dem unmöglich entziehen.“ Im Thomson Tower sah der Frankfurter die Bilder des einzigen Fotografen, der mit Unterstützung der Regierung am Ground Zero hatte fotografieren dürfen. Joel Meyerowitz hatte Dokumente geschaffen, die bis heute um die Welt gehen, Mahnmale gegen den Terrorismus. Als Holger Gregor nach Hause kam, war klar, dass die Meyerowitz-Ausstellung auch in Frankfurt (Oder) gezeigt würde. Gregor wünschte sich eine Symbiose zwischen dem Blick des Reisenden und dem des betroffenen Amerikaners. Er überwand die Skepsis der amerikanischen Administratoren und überzeugte sie mit seinem Konzept. „Natürlich ist Meyerowitz ein Meister und ich bin noch weit entfernt davon. Aber die Botschaft unserer Bilder, so unterschiedlich sie sein mögen, ist die gleiche. Die Aufnahmen vom Ground Zero sind betont sachlich und beißen sich gerade deshalb im Gedächtnis fest. Mich dagegen hat die Bewegung, die Lebensenergie gefangen genommen, die auch dieses schockierende Ereignis nicht hat stoppen oder aufhalten können.“ Der amerikanische Kulturattaché würdigte die gemeinsame Schau bei der Vernissage im Kleist Forum als Beitrag zum transatlantischen Prozess.
Doch Gregors Durst nach Bildern, nach der Berührung New Yorks mit allen Sinnen ist noch längst nicht gestillt. Gerade hat er die dritte Woche in drei Jahren dort verbracht. „Ich wollte meine fotografischen Betrachtungen fortsetzen, aber zugleich andere Themenbereiche vertiefen. So habe ich mich immer sehr mit Strukturen und Rhythmen beschäftigt, architektonischen Mustern, Details der Urbanität, des Alltagslebens“, berichtet der gelernte Gasmonteur. Erneut traf er sich mit Guy F. Tozzoli, lauschte auf den Nachklang des 11. Septembers in Manhattan. „Vordergründig ist schon wenige Blocks vom Ground Zero entfernt nichts mehr davon zu bemerken. Man muss nach den Spuren suchen. Am ehesten entdeckte ich sie in den Gesichtern der Menschen, nicht nur der unmittelbar Betroffenen. Dort ist der verletzte Stolz des Landes spürbar, das persönliche Leid, die tiefe Trauer und Bestürzung auch bei denen, die unter ihren Freunden und Verwandten keine Opfer zu beklagen hatten.“

Im Getriebe auf das Sandkorn warten

Zu Gast im WTC

Auch in meinem Kinderzimmer hing eine Unruhe, gebastelt aus Strohalmen, Mutters Stopfgarn und Papier, zu Walfischen ausgeschnitten und mit bunter Tusche bemalt. Beim leisesten Hauch bewegte sie sich und vermittelte in ihrer Unrast dennoch eine große innere Stille. Holger Gregor mag es mit New York City ähnlich ergangen sein. Seit fast einem halben Jahrzehnt beschäftigt die Metropole den Frankfurter Fotografen. Zufällig fiel seine erste Reise in den frühen September, damals, als 9-11 noch nicht in aller Munde war. Seitdem ist er immer wieder um diese Zeit in die USA gereist und erlebte so auch die Zeremonien am Ground Zero, die ihm jedes Mal, wie er zugibt, einen Schauer über den Rücken jagten. Er sprach mit dem Nestor der World Trade Centers Association Guy Tozzoli, stellte mit dem amerikanischen Fotograf Joel Meyerowitz zusammen aus, der als einziger ungehindert das Geschen am Ort der Katastrophe dokumentieren durfte, und er warf sich immer wieder hinein in dieses brodelnde Gemeinwesen: öffentliche Plätze, Subway-Stationen, Geschäftsstraßen. Den größten Teil seiner zuletzt entstanden Farb- und Schwarzweißaufnahmen verband Holger Gregor zu einer mehrere Meter hohen Unruhe. New York Mobile 3.0 heißt die Schau, die derzeit im Kleist Forum Frankfurt zu sehen ist. Zur Vernissage gab es zusätzliche Lichteffekte und Toncollagen, aber die Bilder sprechen auch für sich. Sie werden zu einem Symbol der Stadt, die niemals schläft und trotzdem träumt.
Gregor zeigt, wie New York sich unentwegt selbst neu inszeniert. Seine Kunst besteht darin, den Moment nicht zu versäumen. Momente trägt er aus dem Strudel hinaus, jenseits dessen sie ihre neue, vielleicht ihre eigentlich Bedeutung gewinnen. Im Stadtgetriebe wartet der Fotograf auf das Sandkorn, das sich in die Perfektion mischt, auf das, was sich in der Masse individualisiert und dadurch hervortritt. Das kann ein Mann sein, der am Rand eines Springbrunnens die Zeitung aufschlägt, oder einer, der vom Verkehr des Highways umflossen, den Kofferraum öffnet. Das sind Alltagstätigkeiten wie Essen und Trinken.
Das Lapidare wird zur Herausforderung, der Gregor sich stellt. Er spielt mit Langzeitbelichtungen, Unschärfen, schält den Einzelnen, die Gruppe aus ihrem vermeintlichen Kontext, entzieht sie der Vermassung und bestimmt auf diese Weise die menschliche Dimension im Stadtmoloch neu. Die Menschenbilder wirken zufällig, aber in ihrer Aussage präzis. Lediglich im Umgang mit der Großstadtarchitektur, mit der Verheißung der Perfekten, co-arrangiert der Lichtbildner seine Kompositionen aus Farbe, Fläche und Struktur. Das alles regt sich vor den Augen des Betrachters, bleibt in steter Bewegung, zufällig im Ablauf, festgelegt in seinem Kreis. Nur reichlich anderthalb Dutzend Aufnahmen hat Gregor in klassischer Weise aufgehängt. Ein Teil von ihnen ist mit einem schwarzen Flor verhangen. Der Betrachter muss den Vorhang lüften, muss sich aussetzen in einem bewussten Akt. Dann nimmt er die Trauernden am Ground Zero wahr, versetzt Gregor ihn an die Peripherie der zelebrierten Trauer, dort, wo sie das Theatralische verliert und in ihrer Kreatürlichkeit bei sich selbst anlangt. Sich zu nähern von den Rändern her, könnte ein Credo des Fotografen sein, die unscharfe Grenze ausfindig zu machen zwischen dem Individuum und dem Sog, in den er, selbst noch verharrend, gerissen ist. Wer die Ausstellung sieht, kann erfahren, wo die Ruhe in der Unruhe ihre Wurzeln hat, in New York und vielleicht auch in sich.

New York im September

Ausstellung in Frankfurt

Am Anfang waren die Neugier und der Zufall. Neugier auf die „neue Welt“, die der Frankfurter Fotograf Holger Gregor mit ungezählten Europäern teilt. Jeder entdeckt Amerika noch einmal. Jedem öffnet es sich auf andere Weise. Zufall war es, dass Gregors erste Reise nach New York im September stattfand, im Jahr 2000, als der Herbst begann und die amerikanische Datumsangabe 9/11 noch niemandem etwas sagte. Inzwischen ist alles anders, in der Welt und in der verwundeten Stadt. Aber wie, auf welche Weise anders? Gregor wiederholte seine Reise, knüpfte an Impressionen an, die er bei seinem ersten Besuch festgehalten hatte, an die ersten Eindrücke und an die Ungeheuerlichkeit dessen, was dazwischen lag.

So entstand das Kunstprojekt New York Mobile, eine Symbiose aus artifizieller Fotografie und Installation, die das Leben, die Schlaflosigkeit und die traumwandlerische Unruhe dieser Stadt der Städte künstlerisch erfahrbar macht. Die Ausstellung hat in Deutschland erhebliche Aufmerksamkeit geweckt. Der Fotograf selbst verdankt seinem Projekt Begegnungen und Erfahrungen, sie sein weiteres Schaffen nachhaltig beeinflussten. So etwa das Zusammentreffen mit Joel Meyerowitz, dem amerikanischen Fotokünstler, der als einziger die Erlaubnis hatte, ausführlich die Arbeiten am Ground Zero, dem Ort des Terroranschlags auf das New Yorker World Trade Center, zu dokumentieren. Aber auch der Präsident der Word Trade Center Association, Guy Tozzoli, empfing den Frankfurter Fotografen.

In der Bundesrepublik wurde New York Mobile 2002 gemeinsam mit Joel Meyerowitz Ausstellung „Exhibit Schedule After September 11 Images from Ground Zero“ gezeigt. Diese und eine weitere Exposition wurden unter anderem von der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Amerika Haus, der Stadt Frankfurt (Oder), dem World Trade Center Frankfurt (Oder) sowie der Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Frankfurt (Oder) mbH begleitet. Unterstützung erfuhr der Künstler auch durch 15 Frankfurter Unternehmen.

„Ich will den Menschen in Deutschland, besonders natürlich den Frankfurtern und ihren Gästen Eindrücke von New York vermitteln und das Interesse an Amerika wecken“, erklärt Holger Gregor die Botschaft seines Experiments. „Auf diese Weise kann ich meinen Beitrag zum Kulturaustausch zwischen Deutschland und den USA leisten und mit den Mitteln der Fotografie und der Objektkunst den transatlantischen Prozess fördern. Dabei ist New York Mobile nicht nur der Versuch, eine Weltmetropole sinnlich erfahrbar zu machen. Es ist umgekehrt auch eine Art kultureller Visitenkarte der eigenen Stadt. Aus der Reibung zwischen der östlichen Provinz Deutschlands und dem internationalen Schmelztiegel am Atlantik entsteht Neues, für beide Seiten Interessantes, das dazu einlädt, ausgelotet und erschlossen zu werden.“

Zum vierten Mal besucht Gregor nun die Metropole in der Zeit um den 11. September. Während des achttägigen Aufenthalts überbringt der Fotograf dem Präsidenten der World Trade Centers Association, Guy Tozzoli, auch eine Grußbotschaft von Frankfurt (Oder). Dazu gehört eine Foto-CD mit Impressionen von Frankfurt (Oder) und dem jüngsten Hansefest – „Bunter Hering“.

Am 29. September um 19 Uhr wird die Ausstellung New York Mobile 3.0 im Kleist Forum Frankfurt eröffnet . Im Zusammenspiel mit einer Soundcollage werden die Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen Manhattans aus den Jahren 2002 und 2003 zu sehen sein. Die Schau ist in drei Komplexe unterteilt. Über 300 Aufnahmen sind auf Film und digital in Farbe und Schwarzweiß entstanden. Sein Hauptaugenmerk richtete Gregor dabei auf die unaufhörliche Dynamik der Metropole und ihrer Menschen in alltäglichen und zuweilen skurrilen Situationen an sehr unterschiedlichen Schauplätzen. So spürt der Fotograf sichtbaren oder unsichtbarn Spuren der Ereignisse nach, bindet sie ein in die kontroverse Vielschichtigkeit des Ungewöhnlichem und Lapidarem – so, wie sie sich auch im menschlichen Gedächtnis manifestieren.

"Erfasst vom Geist des Ortes" ist ein Bereich der Exposition, der tiefergehend und in bewusster Sachlichkeit die Trauerfeierlichkeiten am Ground Zero dokumentiert, dabei aber zugleich viele, nur im ersten Moment peripher erscheinende Momente der Zeremonie bewahrt. Es ist dem Betrachter der Bilder vorbehalten, sie selbst zu enthüllen, um freie Sicht auf das Bild zu gewinnen. „So entsteht ein unmittelbarer Dialog zwischen dem Einzelnen und dem, was er wahrnimmt“, erläutert Gregor.

Ein Bericht von der Begegnung mit Guy Tozzoli, dem „Vater“ der Twin Towers und Nestor des Gesamtprojektes der World Trade, ergänzt die einzigartige Schau.

Fptp:Holger Gregor

Verliebt in die Menschen

Fotograf Holger Gregor ist seit sechs Jahren unterwegs in New York



Frankfurt (Oder). Seit sechs Jahren zieht es den Frankfurter Holger Gregor immer wieder nach New York. Sechs Ausstellungen des Fotografen sind daraus entstanden, und von einer Exposition zur anderen war zu beobachten, die er seine lichtbildnerische Handschrift am Leben der Metropole schärfte, wie mit seinem Menschenbild auch seine Menschenbilder an Tiefe gewannen. Kein Pendeln zwischen Provinz und Schmelztiegel, sondern ein gewolltes Be- und Überschreiten der viel beschworenen transatlantischen Brücke ist es, die Gregor zu seinem künstlerischen Thema gemacht hat. Und so zufällig es war, dass er New York im September kennenlernte, als es die Drohformel 0911 noch nicht gab, so bewusst wiederholte er seine Reisen immer im Herbst. Der Ground Zero, Stätte des Erinnerns wie des Verdrängens wurde zu einem immer wiederkehrenden Sujet.

Aber auch die Besuche bei Guy F. Tozzoli, dem Vater der World Trade Center Association, haben inzwischen Tradition. Dabei ist Gregor unversehens in die Rolle eines Repräsentanten geschlüpft, der Grußbotschaften von der Oder im Gepäck hat und jedes Jahr neue Fragen. Der sich selber intensiver befragt nach der Stellung seines Landes und seiner Kultur und dessen Nachdenklichkeit ebenso, wie die Lust am Sinnlichen, die Faszination des Unausschöpflichen in seinen Aufnahmen zum Ausdruck kommt. „Manchmal hatte ich Zweifel an meinem Projekt angesichts der aktuellen Außenpolitik der USA und des Irak-Konfliktes“, erzählt er. „Wer die bildliche Darstellung eines Landes schafft, bezieht eine Position. Ich habe mich entschieden, diese besondere Form der Chronologie fortzusetzen, mich ganz bewusst immer wieder fesseln zu lassen von New York, von seinem zeitlosen Schrittmaß, seiner ewig fliehenden Bewegung.“ Manche Menschen, die ihm vor Jahren auf der Bühne New York begegnte sind, hat er wieder getroffen, in veränderten Lebensumständen, in einer neuen Rolle. „Es ist ein Menschenverhör. Ich liege auf der Lauer und erlausche den Alltag, das Authentische, aber auch die Reflektion auf den Fotografen, die Koketterie. Und spreche fotografisch allmählich anders über die Dinge. Ich sehe, die Leute kommen nie an. Die Bewegungsunschärfe gehört zum Wesen ihrer Existenz.“

Begeistert erinnert er sich der Studentin im Central Park, die er vier Stunden lang beobachtete, wie sie im Bikini mit ihrem Laptop arbeitete. Im kommenden Jahr will der Fotograf sich vor allem dem jüdischen Leben in New York zuwenden. „Nach meiner Israelreise habe ich dafür einen neuen Zugang gewonnen. Vieles ist mir verständlicher geworden.“



Nichts wiederholt sich wirklich in dieser Stadt, meint Gregor. „Mein Blick ist immer noch sehr aufmerksam. Ich bin verliebt in die Menschen. Mit 17 Kilo in der Fototasche ist die Schulter abends grün und blau, ich bin fasziniert und zerrauft und zerknautscht nach diesen Aufenthalten, zumal, wenn es so heiß ist, wie dieses Jahr. Aber ich kann die Dinge, die ich sehe, inzwischen entspannter abarbeiten, ich weiß besser, wie die Stadt funktioniert, wohne im gleichen Hotel Ecke 5. Ich bin ein fortgeschrittener Tourist“, lacht Gregor.

2005

Foto: Holger Gregor