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Friedrich Gregor Hartmetz Kapke Mausolf Schleyer



Schleyer

Deutsche Familien-Chronik ohne Retusche

Keilitzfarbe ist eine etwas schmierige, wasserlösliche Paste, mit der geschickte Maler sehr feine Grautöne nuanciert treffen und auf diese Weise fotografische Negative korrigieren können. Als aus der Welt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine Welt der Bilder wurde, kamen vor allem Diktatoren und Demagogen nicht mehr ohne sie aus. Mit Keilitzfarbe wurden Feinde ein zweites Mal ausgelöscht, die Geschichte der Ideologie angepasst. Doch dass der Retuschepinsel bis ins eigene Familienalbum hineinreichte, hätte sich Susanne Schleyer nicht vorstellen können. Natürlich kannte sie die Aufnahme des Großvaters mit dem markanten Profil in der Uniform des einfachen SA-Mannes und späteren Frontsoldaten, der in Russland fiel. Erst die 16-jährige entdeckte das ursprüngliche Bild, auf dem der Kragenspiegel des Großvaters mit dem Eichenlaub des SA-Standartenführers geschmückt war. „Ich hatte Schuldgefühle und litt still vor mich hin“, sagt die Künstlerin heute. Seit 1994 recherchierte sie in Archiven, suchte Verwandte auf, trieb soziologische, psychologische und philosophische Studien für eine Ausstellung unter dem Titel „Asservate – Chronik einer deutschen Familie 1907 bis 1997“, die sie selbst ein „begehbares Familienalbum“ nennt und die jetzt im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt zu sehen ist. 160 Bilder hat Susanne Schleyer zueinander in Beziehung gesetzt. Ihren Eltern, die das Vorhaben unterstützten, ist Susanne Schleyer dabei eher näher gekommen. Am Grab Erich Otto Schleyers auf dem Soldatenfriedhof Sologubowka bei Leningrad sagte ihr Vater: „Jetzt ist es vorbei.“ Trotzdem blieben wie so oft mehr Fragen als Antworten: „Für meinen Großvater war das kein Karrieresprung gewesen, keine Flucht aus proletarischen Verhältnissen. Er war gutaussehend, wohlhabend, gebildet, hatte Sprachen studiert, die Welt bereist und war musisch begabt. Wie passiert es also, dass solch ein Mensch so handelt?“ Fast erleichtert war sie, dass sich in den Archiven keine Hinweise auf Kriegsverbrechen fanden, der Großvater „nur“ seinem Führer gefolgt war. Ein Reflex auf die Führerlosigkeit der Weimarer Republik? Der Irrgang so vieler, die an den sozialistischen Anspruch im Nationalsozialismus glaubten? Immerhin bestand die SA ursprünglich zu 30 Prozent aus Leuten, die sich kurz zuvor noch als Kommunisten verstanden hatten. „Dazu kam, dass Großvater, Vater und Sohn etwa im gleichen Lebensalter einen gesellschaftlichen Wandel erlebten. Damit drängen Parallelen sich auf. Es geht nicht um den Vergleich zwischen Nazizeit und DDR, der ist gar nicht möglich, aber um das Herausgefordertsein.“ Die Umschau im Leben einer Familie, die Vergleichbarkeit von Erfahrungen könnte ein Impuls sein, zu sagen: „Ich doch auch.“ Von der Tapferkeit, die der Weg jenseits solcher Feststellung verlangt, spricht Susanne Schleyer nicht. Obwohl sie wohl gerade dazu ermutigen möchte. Leben ohne Retusche ist schließlich auch heute alles andere als Normalität. „Asservate“ ist bis zum 23. Februar 2003 dienstags von 10 bis 18, mittwochs bis freitags von 10 bis 16 Uhr im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt zu sehen und wird anschließend in Wittenberge, Görlitz, Halberstadt und Meiningen gezeigt. Am 18. Februar findet um 14 Uhr ein Zeitzeugengespräch im Museum statt.

2003