Schreiben als Ortung
Schreiben gegen den Gedächtnisverlust
Schreiben gegen den Gedächtnisverlust
Hans Joachim Nauschütz wird 60
„Die Gefahr für den Menschen geht vom Losgelöstsein aus“, schreibt Hans Joachim Nauschütz in seinem Roman „Die Hinterlassenschaft“. Und: „Auf ihren Toten ruht die Stadt.“ (1) So legt er es seinem Helden in den Mund; so hat der 1940 in Straßburg geborene Lehrer es für sich erfahren. Zu seinen großen Wünschen zählt er „die Entdeckung eines Mittels gegen politischen und sozialen Gedächtnisverlust“ (2). Das klingt, als traute er dem schon Vorhandenen nicht, und doch ist er ein Schriftsteller geworden, dessen Prosa und Publizistik immer wieder um das Verwurzeltsein und das Erinnern kreisen. „...er hatte sich sozusagen in diese Landschaft gekrallt“ schreibt er über eine seiner literarischen Figuren (3) und eigentlich über sich. Sein Zuhause muß der Mensch sich selber schaffen, aber er braucht andere, die ihm helfen, daß es wohnlich wird.
So habe ich Nauschütz kennengelernt, als ich 1985 nach Frankfurt (Oder) kam. Dort kämpfte er gegen das Postulat eines lokalen Kulturpolitikers, es gäbe schon genug Ganoven in der Stadt, und gegen eine Atmosphäre, vor der immer mehr Künstler in das Umland flohen. Er kümmerte sich um die jungen Autoren, die zuweilen seine väterliche Art bespöttelten und doch seinen Zuspruch und seine Kritik suchten. Er pendelte zwischen Pontius und Pilatus, also zwischen Rat des Bezirkes und Parteileitung, um die Tür aufzukriegen für ein paar Absolventen des Leipziger Literaturinstituts. Er heckte mit dem Fotografen Rudolf Hartmetz eine Publikationsreihe aus, die sich mit Gegenwart und Geschichte der Stadt beschäftigen sollte. Aber nach den ersten beiden Veröffentlichungen wurde die Zensur immer bedrückender.
Während in der Sowjetunion Glasnost und Perestroika den Rückzug des staatsozialistischen Kolonialismus einläuteten, verkarsteten die Strukturen zwischen Oder und Elbe immer mehr. Statt an seinen Büchern zu arbeiten, versuchte Nauschütz die Fenster zur Welt ein Stück aufzureißen, für ein wenig Frischluft zu sorgen gegen den Mief in den Farben der DDR. So lief Mitte der 80er Jahre mit seiner Hilfe das Frankfurter Poetenschiff vom Stapel. Ein Projekt, das eher einer schwimmenden Insel glich, auf der sich Autoren, Umweltschützer, Politiker trafen, um die notwendige Kommunikation in Gang zu setzen, die das Land – wenn sie denn überall im Land Raum griffe – vielleicht retten könnte. Nicht schreiben zu können, tat weh. Die eigenen Träume jedoch an der Verkommenheit der eigenen Partei scheitern zu sehen, erschien Nauschütz ungleich schmerzhafter. Wenn wir durch das Bruch fuhren, erzählte Nauschütz Geschichten. Wir durchquerten Dörfer, deren Kirchen und Gehöfte er kannte, wo er Leuten begegnet war, von denen er wollte, daß eine Spur bliebe. Wir trieben unter dem Dom der märkischen Alleen dahin, und der reiselustige Nauschütz kramte Schnurren aus, die sich später beim Skat und bei einem Schluck Hartem weiterspinnen ließen. In der Runde der Frankfurter Schriftsteller gehörte Nauschütz zu den Moderatoren, die aus dem kalten Krieg im Innern die Erfahrung gewonnen hatten, daß der geistige Brudermord einer moralischen Bankrotterklärung gleichkommt. Das war mit ihm nicht zu machen.
Nach der gesellschaftlichen Transformation im Osten Deutschlands knüpfte Nauschütz an diese Vermittlerrolle an: von der IG Medien bis zur Katholischen Akademie, vom Verband deutscher Schriftsteller bis zum Brandenburgischen Literaturkollegium. Literatur möglich zu machen jenseits der Marktmonopole, neues Verschweigen und neue Zensur zu perforieren, war ebenso wichtig wie das Schaffen von Literatur. Die Gründung des „deutsch-polnischen Literaturbüros Oderregion e.V.“ 1991 eröffnete Möglichkeiten der besseren Verständigung zwischen West- und Osteuropa. Die Internationalen Symposien zur Kinder- und Jugendliteratur brachten der Kleiststadt den unverdienten Ruf eines Hortes von Kunst und Literatur ein. Als Herausgeber der Frankfurter Blätter und des Bandes „Von der Möglichkeit, sich aus der Nähe wahrzunehmen“, der 50 west- und 50 ostdeutsche Jugendbuchautoren vorstellte, förderte Nauschütz auch die innerdeutsche Verständigung. „Max Hannemann und Genossen“ lüftete Schleier über der Frankfurter Geschichte. „Dieser miese schöne Alltag“, „Silberdistel“, und das zweisprachige Gemeinschaftsprojekt „Vom Maulbeerbaum der Fernweh hatte“ läuteten einen Reigen von Anthologien ein, in denen Literatur und ihre Schöpfer dies- und jenseits der Oder zu Wort kamen. In „Strubbelkopp“ wandte Nauschütz sich 1998 wieder seinen jüngeren Lesern zu. Im gleichen Jahr wurde er mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis „Eberhard“ ausgezeichnet. Befragt nach den von ihm am meisten geschätzten menschlichen Tugenden, bekennt der Frankfurter: „Geradheit und die Fähigkeit, Irrtümer einzugestehen und sie anderen nachzusehen.“ Am 16. Mai wird Nauschütz 60 Jahre alt.
Schreiben als Ortung
Ein paarmal im Jahr verschwindet Hans-Joachim Nauchütz an die See, mindestens aber bis nach Mecklenburg. Dort stopft er sich seine Pfeife und setzt sich irgendwo zu einem Klönsnack hin. Bauern, Fischer, Forstarbeiter. Die sind nach seinem Geschmack. "Zeit haben für die Leute" hat er einmal als den wichtigsten Teil seines Berufes als Autor beschrieben. Zeit haben für die Geschichten, die auf der Mole erzählt werden oder in der Sauna. Schnurren, die verkauft weren ohne den Anflug eines Grinsens und denen doch ein dröhnendes Gelächter folgt. Zumal, wenn etwas Scharfes im Spiel ist. So einer schlägt Wurzeln im Land und will es auch von den anderen genauer wissen: Woher, wohin? Die Bücher des Erzählers und Publizisten Nauschütz sind Ortungen. Was nicht zusammen zu bringen scheint, türmt sich in den Biografien der vermeintlich einfachen Leute. Schicht um Schicht freizulegen, ist in solchem Verständnis das, was einem Schriftstellerdasein Sinn gibt. Mitunter gelingt es dabei - wie in seinem Band "Max Hannemann und Genossen - Über einen jahrzehntelangen Verdacht und seine Folgen" - weiße Flecken der Geschichtsschreibung zu tilgen. Manchmal gewinnen die Vertreter einer Generation, durch bestimmte Erfahrungen miteinander vereint, ein klareres Gesicht, erweist das Widersprüchliche und Widersinnige sich als plausibel und sinnstiftend, ohne deshalb glatt und harmonisch zu sein ("Die Hinterlassenschaft"). Junge Leute spielen für den ehemaligen Lehrer eine herausragende Rolle, nicht nur in seinem vorerst letzten Band "Strubbelkopf". Als Nauschütz 1991 mit dem deutsch-polnischen Literaturbüro Oderregion e.V. versuchte, ein paar Pfosten mehr für den Brückenschlag zwischen West und Ost in die Oder zu treiben, ermutigte er auch Nachwuchsautoren, sich zusammenzuschließen. So entstand die Interessengemeinschaft junger Autoren mit ihrer wachsenden Zahl grenzübergreifender Unternehmungen. Schließlich betätigte sich Nauschütz in den vergangenen Jahren verstärkt als Inspirator literarischer Projekte - so bei der Zeitschrift "Die Fähre / Prom" oder bei den Internationalen Symposien zur Kinder und Jugendliteratur, die inzwischen zu einer erstklasssigen Adresse für Autoren und Wissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und Osteuropa geworden sind. Als Herausgeber betreut Nauschütz die "Frankfürter Blätter" sowie zahlreiche Anthologien, in denen sich deutsch- und polnischsprachige Autoren vorstellen. Literatur zu ermöglichen hat den bekennenden Märker zuweilen harsch davon abgehalten, Literatur zu schaffen. Die Überlebenskunst ist häufiger als verträglich an die Stelle der Kunst getreten. Aber, so Nauschütz über Nauschütz, nicht nur Kapitäne bleiben auf ihrem Schiff, sondern auch Matrosen. Nicht, weil sie zur Brücke hin schielen, sondern weil noch Dampf auf dem Kessel ist. Auch mit 60 Jahren, die Nauschütz am 16. Mai vollendet.
Loslassen war seine Sache nicht
Hätte er auf mich hören sollen? Als die achtziger Jahre sich neigten, riet ich ihm, was gewöhnlich der Ältere dem Jüngeren rät: Lass doch den ganzen Mist, der nichts mit Literatur zu tun hat, und schreibe. Hans Joachim Nauschütz lächelte mich hilflos an. Ich würde ja gerne, hie das wohl, aber ich kann doch nicht. Und zwei Jahre später, als ich meinem Parteisekretär das rote Buch hinknallte, sagte er traurig: Aber ich gehe als letzter von Bord.
Er ist nicht von Bord gegangen. Loslassen, was er angefasst hatte, war seine Sache nicht, auch wenn sie hei wurde unter den Nägeln und anderswo auch. Jetzt ist er tot und die Lücke nicht mehr zu übertünchen. Ich werde ihn in einer Triade denken: Hans Weber, Gerhard Gröschke, Achim Nauschütz. Der Krebs hat sie gekriegt.
Wenn wir mit Nauschütz´ rotem Wartburg durch das Oderbruch fuhren und hatten gute Laune nach einer heftigen Diskussion mit Lehrern und Schülern, für die der Schriftsteller so etwas war, wie ein reitender Bote, und wenn wir dann wieder einmal über die nicht enden wollenden Versuche redeten, uns einen Maulkorb zu verpassen, dann nannte ich ihn auch schon einmal Akimowitsch. In seinem Zimmerchen unter dem Dach in der Bremer Straße hatte er tatsächlich etwas von diesen Russen, die, in den Zeiten der Revolution und in denen des Nachkriegs, mit einem Telefon und ein paar Zetteln Zukunft organisierten. Unspektakulär, aber genau so hartnäckig, wie ihre Überzeugung es ihnen gebot.
Die Fäden, an denen Nauschütz zog, verschwanden in einem undurchdringlichen Knäuel. Irgendwo dort drin steckte die Wahrheit. Die der Literatur und die des Lebens. Sie mündete in den Satz: Lasst diese Dichterin endlich in Ruhe! Lasst diesen Dichter in unsere Stadt! Oder: Kaut mir nichts vor mit euren falschen Zähnen! Nauschütz konnte das diplomatischer ausdrücken. Moderater, hätte er gesagt. Denn als Vermittler zwischen „Befindlichkeiten“, zwischen Menschen, Literaturen und Lebenswahrheiten verstand er sich allenthalben.
Der 1940 in Straßburg geborene Lehrer hat seine Wurzeln ins märkische Land versenkt, hat dessen Geschichte aufgesogen und der Historie seiner Familie nachgespürt, hat Widersprüche aufgedeckt in den Biographien von Menschen, deren Schicksale er dann selber aushalten musste, und hat sie in zahlreichen Büchern vor dem Vergessenwerden bewahrt. Da war er akribisch und nahm Verwaschenheit und Ignoranz in höchstem Maße persönlich. Es hat ihm Feinde gemacht. Aber was wüssten wir – zum Beispiel – vom Frankfurter Kommunisten Max Hannemann, wenn wir angewiesen wären auf die Geschichtsfälscher alter und neuer Provenienz?
So neugierig, wie Nauschütz war, so angefüllt war sein Gedächtnis mit Schnurren und Anekdoten, auch der derberen Art. Man konnte nicht Skat spielen mit ihm, ohne irgendwann die Karten beiseite zu legen, weil das Blatt langweiliger war als das Erzählen. Aufheben, weiter geben, das war sein Motor als Essayist und Prosaiker, als Mentor junger literarischer Talente, als bedächtiger Grenzenverschieber im Interesse von mehr Transparenz, Gestaltungsraum, Öffentlichkeit. Nauschütz brauchte dafür keine Russischvokabeln, die uns zur Unzeit erreichten, heftig zwar, aber zu spät.
Das zu ahnen, zu erleben und zu verarbeiten ist Dreierlei. Als Verbands- und Verlagsstrukturen mit der gesellschaftlichen Transformation zusammenbrachen, die unliebsame Konkurrenz vom Markt gekehrt wurde und die historische Deutungshoheit auf die neuen Sieger der Geschichte überging, gehörte Nauschütz zu den Unbelehrbaren. Er wollte sich einfach nicht den Schnuller in den Mund schieben lassen, sondern gründete mit anderen Autoren das deutsch-polnische Literaturbüro, organisierte die Kooperation mit dem Literaturkollegium Brandenburg, wurde zum Herausgeber der Frankfurter Blätter und zum Organisator internationaler Symposien zur Kinder- und Jugendliteratur.
Den gesamtdeutschen Muff brach er auf mit Koryphäen aus Polen, Frankreich und Israel, Österreich und der Schweiz. Ausstellungen kamen auf diese Weise zustande, Lesungen, Begegnungen. Nauschütz büffelte das neue Alphabet von ABM bis Zuwendungsbescheid, so gut es sich ihm erschloss. Mit einer Bibliothek brandenburgischer Autoren und einem dem Literaturbüro angeschlossenen Antiquariat bewahrte er die literarische Hinterlassenschaft des untergegangenen Landes vor dem Haldentod. Es hat ihm Feinde gemacht, und die Genossen, die Gefährten wurden rar.
Ich glaube, Nauschütz wäre gern angekommen. Aber da war kein Neuland, zu dem es ihn gezogen hätte, und am Ort war er allemal länger als die Zugänge aus dem fünften Glied westelbischer Eliten. Ach, dieser Schmarrn, der so verlogen klingt, wie das „Hineingeboren“, mit dem meiner Generation die Verkommenheit des Staatssozialismus versüßt werden sollte. Wenn wir ankommen, wird es dort sein, wo Nauschütz jetzt ist. Ich hoff´, es gibt dort einen guten Schluck. Und eine Pfeife Tabaks auch.
