Klaus Lettke
Klaus Lettke 1995
Nach hinten gekämmtes, leicht gewelltes Haar, ein sorgfältig gestutzter Vollbart, eine ernste, bedächtige Sprache, auch noch nachts um halb eins in "Bechis Bierbar", wenn die "Oderhähne" mit ihrem Autor einem Text den letzten Premierenschliff geben: Klaus Lettke entspricht durchaus dem Bild eines Satirikers. Er ist "der nette Herr von nebenan", der grüblerisch-verletzbare Philosoph, das stille, tiefe Wasser. Er macht sich etwas daraus und damit bringt er die Leute zum Lachen.
Zu schreiben begonnen hat er schon als Kind. Die Geschwister zogen seine Dichtungen an die Öffentlichkeit und bezichtigten ihn der Ge- nialität. "Das hat mir die Freude erstmal verleidet." Nicht für lange. Mitschüler und Lehrer waren schon bald dankbare Quellen seines Spotts.
LEIDER GOTTS WIRD MAN NICHT BLOSS
GEISTER, DIE MAN RIEF, NICHT LOS.
SCHWERER LOS WIRD MAN ZUMEIST
UNGERUFNE OHNE GEIST.
Überrannt von Ideen
Als er Mitte zwanzig war, überrannten ihn die Ideen. Fast jeden Tag entstand ein Gedicht. "Wie wertvoll die waren, ist eine andere Frage." Zumindest führten sie Lettke zu dem Schluá, seine Passion künftig etwas ernster zu nehmen. Und wie in einem sozialistischen Märchen fand sich der weise Ratgeber ein, der ihn an einen "Zirkel schreibender Arbeiter" verwies. Lettke ahnte Schlimmes, wagte sich aber doch in das graue Hochhaus am Ostbahnhof, wo der Redakteur Klaus-Dieter Schönewerk ein Dutzend Neugieriger um sich versammelt hatte. "Es war
eine harte Schule. Was man mit seinem Herzblut geschrieben hat, hört man nicht gern kritisiert", erinnert sich Lettke. "Aber ohne das be- steht eben auch die Gefahr, daß man sich die eigenen Texte schönliest."
Schließlich bewarb er sich zum Fernstudium ans Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig. Als er 1978 damit fertig war, brauchte der "Eulenspiegel" gerade einen Redakteur. Zwei Jahre lang ertrug Lettke den Humor vom Schreibtisch aus und die Reaktionen jener, über die gelacht worden war. "Als ich ungefähr zweihundert Mal gekündigt hatte, gelangte auch mein Chef allmählich zu dem Eindruck, daß ich es ernst damit meine." Prompt schrieb der reaktivierte Elektromonteur:
ICH SITZE VERGNÜGT
ZWISCHEN KUTTE UND KALLE.
ICH BIN WIEDER ICH,
BIN WIEDER WIE ALLE.
Achilles Verse
"Das ist nicht für die Nachwelt bestimmt, aber die beiden hieáen wirklich so." Nach zwei weiteren Jahren, inzwischen lagen Lettkes "Achilles-Verse" im Tribüneverlag vor und weitere Bändchen waren in Vorbereitung, sagte er seine Frau: "Wenn ich alleine wäre, würde ich ja freischaffend werden. Selbst wenn ich nur Marmelade und Brot essen müßte, wär mir das ganz egal." Worauf sie ihm tief in die Augen sah und erwiderte: "Mir auch."
Zum Kabarett, zunächst im Kabelwerk Oberspree, war es nicht weit.
Die Schaffenssträhne, die für Lettke anbrach, verhinderte Hunger und Ehekrach und hielt bis heute an. Den obligaten Wende-Knick gab es freilich auch für den Satiriker. "Nicht daß mit alle Beziehungen weggebrochen wären, aber ich dachte: Jetzt ist ja alles erledigt, worüber zu schreiben wäre, jetzt ist ja alles in Ordnung." Das Gefühl hielt nicht an und prompt kamen die Verse wieder.
ES WAR EINMAL EIN DUMMES SCHAF
DAS WAR JAHRZEHNTELANG STETS BRAV
DANN SAGTE ES AUF EINMAL: NEIN
ICH WILL UND WILL KEIN SCHAF MEHR SEIN.
ES MACHTE SEINEN HUNDEN BEINE
UND STEHT NUNMEHR IM DIENST DER SCHWEINE.
Kein Schaf mehr sein
Mit der sogenannten "richtigen" Literatur ist es Lettke ergangen wie einem Schauspieler, der auf das Komikerfach festgelegt ist. Wer ihn kannte, verwies ihn an die Satire zurück. "Wenn ich als Fremder vor sie hingetreten wäre, hätte ich durchaus als junges Talent gegolten." Wirklich gelitten hat er unter dieser Stigmatisierung nicht. "Ein Vorurteil könnte mich nicht von meiner Berufung abhalten, wenn es die gäbe."
Nach der Wende ist kein Buch von Lettke mehr erschienen. "Das liegt an meiner Bequemlichkeit. Ich denke immer, das hat ja noch Zeit." An- dererseits hat er auch die Erfahrung gemacht, daá der deutsche Buchmarkt auch ohne die Autoren aus dem Osten gesättigt ist. "Man könnte
sich zurücklehnen, ohne daß eine große Lücke entstünde. Es gibt genug gute Leute. Aber es gibt auch eine Chance, sich durchzusetzen."
WAS DU ALS SCHREIBER BRAUCHST,
IST EINE DICKE HAUT,
DOCH GRADE DIE HAST DU
DIR LEIDER SELBST GEKLAUT.
Weniger schreiben dürfen
Keinen Aufschub gibt es gewöhnlich für die Kabarettexte nahezu aller Ostberliner Brettl-Bühnen außer der Distel, von denen Lettke die meisten Aufträge erhält. "Ich möchte gern weniger schreiben dürfen. Aber dann könnte ich nicht davon leben." Nicht daß er sich lieber auf die faule Haut legte oder ganz auf den Termindruck verzichtete. Doch der Zwang, erst einmal jedes Angebot anzunehmen - wohl wissend, daß manches Projekt verschoben, manches in die Sackgasse geführt, manches mangels Finanzen ad acta gelegt wird - wird manchmal zur Belastung. Dann versucht er, das "gesunde Mittelmaß ziwschen Freiheit und Zwang" zurückzugewinnen. Befragt nach den Perspektiven eines Satirkiers in den besten Jahren, meint er nur. "Weitermachen. Weiterlachen."
Manchmal zieht es ihn "back to the roots". Das kann dann auch in einem Discount sein, wo sonst Menschen-Verleihfirmen den Sozialstaat dominieren, wo der wallraffsche Geist des "ganz unten" den Alltag durchpulst. Das brandenburgische Land schätzt er vor allem der Pilze wegen und weil es sich im Wald noch immer prächtig singt. "In meinen Hobbies bin ich ein ganz gewöhnlicher Spießer", gesteht er. "Ich fahre auf mein Grundstück und grabe den Garten um, dessen Pacht der Eigentümer aus dem Westen nur mit der Entwicklung des Einkommens erhöhen will." Während er das sagt, lacht Lettke ein sehr seltsames Lachen. Vielleicht liegt es an dem Honorar für seine Texte, die am 15. Februar im Frankfurter Kabarettkeller ihre Premiere erleben werden...







