Roland Rother
Der Freiraum ist für mich kein Niemandsland
Zu Besuch bei dem brandenburgischen Bildhauer Roland Rother
Sein bronzenes Paar erscheint wie ein Schlüssel zu Roland Rothers künstlerischer Philosophie: Einander kreuzen, berühren, sich nähern und entfernen; die Liebe als Zeichen für Unendlichkeit; Raum lassen zwischen uns, damit die Welt hindurchfließen kann; Inneres und Äußeres kommunizieren lassen. Der Deutungen sind viele, doch vor jeder Abstraktion steht eine sinnliche Freude an der Figur, an Form, Struktur und einem Raum, der durch Kunst neu definiert wird.
Rother ist einer von jenen Bildhauern, die den Dingen ihren Rhythmus abzulauschen suchen, Harmonie und Kontrapunkt. Es gibt kaum ein Material, kaum eine Gestaltungsform, auf die sich der 52jährige noch nicht eingelassen hätte. Handtellergroße Plaketten zeigen winzige Pflanzen und Insekten, aus Motorblöcken verschrotteter Trabbis entstanden spoannungsvolle Reliefs. In Carraramarmor gehauen breiten sich ein dralles Weib in der Sonne: die Oder. Rother ist an diesem Fluß zu Hause.
In Frankfurt geboren, liebt er wie viele seiner Kollegen das Bruch, läßt sich inspirieren von der kargen, fast strengen Schönheit, die erst erobert sein will. Da ist kein Pathos, keine Schönerei, aber immer etwas Ironie mit im Spiel. So bei seiner Muse vor dem Frankfurter Haus der Künste, die sich müttelich, sinnlich und ein bißchen verklärt über ihre zappelnden Stadtkinder neigt. Oder auch beim Geschichtsobjekt in Eisenhüttenstadt, in dessen Zentrum eine Mauer schichtenweise einen Blick auf die Historie freigibt, auf die Rückstände der Zivilisation - vom Faustkeil bis zum Autoreifen. Auch in Berlin - unter anderem in der Nationalgalerie - und Fürstenwalde hat der Künstler seine Spuren hinterlassen.
Manches von dem, was Rother in den zurückliegenden Jahren geschaffen hat, wartet bis heute auf seine Vollendung. Frankfurt wollte sich ein weithin sichtbares Stadtzeichen setzen, einen imposanten Hahn, in dessen ringförmiger Gestalt sich der Charakter des Ortes widerspiegelt. Das Geld für den Guß der sechs Meter hohen Plastik hat die Kommune nach der Wende nicht mehr aufbringen können. Statt des Wappentiers grüßt vom vorgesehenen Sockel nun eine elektronische Werbetafel. Auch eine Brunnenanlage steht in Ropthers Atelier. Filigran gearbeitet kreucht und fleucht da allerlei Getier. Bei näherem Hinsehen erweist sich die romantische Harmonie als nackter Lebenskampf: Der Frosch starrt auf die Fliege, der Vogel auf den Wurm... Und die jüngste Arbeit des Künstlers - das Urteil des Paris - verrät nicht nur die Geistesverwandschaft mit Moore oder Balden, sondern auch eine lebensfreundliche Sicht. In vorsichtiger Reduktion, auf das Wechselspiel von Innen- und Außenform konzentriert, erscheinen dem etwas koketten Mannsbild die möglichen Gefährtinnen, schamhaft-schüchtern oder in ausladenden, Platz schaffenden Armen ein Kind haltend oder auch ganz in sich versunken.
Bisher ist das Ensemble nur als Gipsmodell auf Ausstellungen zu sehen.
Noch fehlt ein Käufer dafür, aber Rother läßt sich durch den Rückzug des öffentlichen Auftraggebers nicht entmutigen. Er kann nicht anders, als im öffentlichen Raum zu denken, über die Dimension des einzelnen Werkers hinaus. Seine Ideen beziehen die Sozialität mit ein, in der eine Arbeit ihre Wirkung entfalten kann. Das hat ihn an die Seite von Stadtsanierer Andreas Billert gebracht, als es darum ging, für den historischen Kiez Beresinchen Gestaltungsmodelle zu entwickeln. Seit einiger Zeit arbeitet er auch mit einer Gesellschaft zusammen, die Konzepte für die Umgestaltung beispielsweise von Plattenwohngebieten im Zuge ihrer Sanierung entwickelt. „Die Notwendigkeit solcher Planungen ist offenkundig. Sie können als Maßstab und Orientierung gelten. Derzeit ist es allerdings so, daß Investoren sich auf ihre Parzellen beziehen und der Freiraum als Niemandsland in der Verantwortung der Kommunen bleibt.“
Um aus diesem Dilemma herauszukommen, ist Rother überzeugt, müssen Entwürfe und konkrete Vorstellungen auf den Tisch. Regelmäßige Ausstellungen und Veranstaltungen in Brandenburg, Berlin und den alten Bundesländern bieten dazu ebenso Chancen, wie architekturbezogene Kunstwettbewerbe, an denen sich Rother beteiligt. „Nur jetzt, im Zuge der Rekonstruktion der Plattenbauten, sind großflächige Verbesserungen des Wohnumfeldes zu leisten. Und das ist einfach mehr, als die Grundrisse der Wohnungen zu verändern und die wärmegedämmten Fassaden zu bemalen. Schließlich werden wir mit dem Bestand noch längere Zeit leben. Aber in diesen Bauten steckt eine Wohnqualität, die bisher noch gar nicht zum Tragen kam und die bisher auch unterschätzt wurde.“
Bei der Auseinandersetzung mit den realen Möglichkeiten entstand auch die Idee, Grundmodule mit einer spezifischen Ästhetik zu entwickeln, die sich kostengünstig seriell herstellen lassen, miteinander variierbar und individuell weiterzuentwickeln sind. „Solche stilbildenden künstlerischen Ausstattungselemente können im Zusammenhang mit einem konkreten Viertel entstehen, historische, soziale und landschaftliche Bezüge herstellen.“ So wird in diesem Jahr in einer diakonischen Einrichtung Frankfurts ein Säulenensemble entstehen, dessen endgültige Gestalt die geistig Behinderten Bewohner, von Rother betreut, selbst realisieren werden.
Seit der Wende lebt Rother mit seiner Familie im brandenburgischen Wilmersdorf bei Müncheberg, auch wenn er sich noch immer als Frankfurter fühlt. Das Stadtatelier ließ sich nicht halten. Auf dem Land hat er mit seiner Familie schon zu Zeiten der DDR ein altes Bauernhaus ausgebaut. Es ist gezeiochnet von Krieg und Frieden, die über die Landschaft hinweggingen. Bröckelnde Backsteinziegel voller Einschüsse erinnern daran, wie wütend umkämpft dieses Fleckchen Erde am Rand des Oderbruchs einst war. Das Gemäuer wird zur Metapher für eigene Vergänglichkeit und den Versuch, dagegen anzuleben. „Einen Bruch in meiner Arbeit hat es eigentlich nicht gegeben.“
Das Material ruft nach Berührung
2002
Es ist das Fließende, oft Archaische, das ästhetisch Gebrochene und das untergründig Ironische im Werk Roland Rothers, das seine Faszination ausmacht. Seine Gestalten, ob symbolhaft oder realistisch, in Stein gehauen oder in Bronze gegossen, erwecken den Eindruck, als wüchsen sie weiter. Als entfalteten sie sich erst im Rahmen einer größeren Ordnung. Sie gehen eine Symbiose mit dem Raum ein, der sie umgibt, mehr bedacht als zufällig: Bevor Rother zum Skizzenblock greift, hat ihn die Geschichte eines Ortes interessiert, ist er in sein Thema eingedrungen, hat er seine Vision konfrontiert mit anderen Dimensionen von Existenz. Das Fehlende ist kein Missing Link bei ihm, sondern Teil, an das das Vorhandene sich bindet. Als er in Kienitz ein Denkmal für die Kriegstoten schuf, gestaltete er den Sockel aus Feldsteinen und ließ zwei Mauerteile auf einander zu wachsen. Zwischen ihnen klafft das Kreuz. So zeigt es, was fortgerissen wurde, so öffnet es den Blick und leitet ihn von den Inschriften für die Opfer ins Offene, in die Landschaft, so bekennt der Konfessionslose sich zum Symbol abendländischer Kultur und Zivilisation.
Der Begriff des Elementaren drängte sich auf, wäre er nicht verwoben mit der Vorstellung von Monumentalität und Pathos. Die Arbeiten des 58jährigen entstehen aus einer „Faszination des Lapidaren“ wie Dr. Thomas Müller es nennt. Das Material ruft nach Berührung. Kunstwerke soll man anfassen können, wünscht Rother sich. Seine Muse spielt mit einer Kugel – sie läßt sich drehen. Seine Liegende ist so niedrig aufgestellt, dass Kinder darüber klettern. Seine Medaillen nennt er „intime Plastiken“, die „auch funktionieren, wenn man nicht hinguckt.“
In seinem Atelier in Madlitz-Wilmersdorf bei Frankfurt (Oder) gibt es keine Winterpause. Rother zeichnet, entwirft, modelliert. In Eisenhüttenstadt hat er bereits rund 50 Werke zur Erd- und Menschheitsgeschichte aufgestellt. In seinem Haus warten Dutzende weiterer Projekte in unterschiedlichem Stadium darauf, realisiert zu werden. Wenn kein Auftrag ihn treibt, experimentiert Rother mit Formen, die auf das Existenzielle reduziert sind: der Spross, der sich aufwölbt, gabelt und verzweigt, ist eine davon. In unterschiedlichen Variationen verbindet er sie zur Berührung an sich, zu einer Ahnung vom Werden. Sein Liebespaar auf dem Rosenhügel in Eisenhüttenstadt, seine Mutter mit dem Kind sind noch als Figuren kenntlich und gehen doch auch schon in solche Symbolhaftigkeit über. Und das Material offenbart seine Details: Eine unpolierte Stelle, eine Patina, eine Struktur wie Erdwunden, Krater, zerrissene Zeit.
Ein Philosoph mit schweren Händen, steht Rother vor den eigenen Entwürfen, macht den Betrachter aufmerksam auf ein Detail, verrät die Herkunft eines Gedankens, der ihn umtreibt. Erklären müssen die Werke sich selbst. Manchmal eines aus dem anderen. Als er den Spross entdeckte als Form, als ihn die Röhre als sichere Hülle des Wachsens, als Urort beschäftigte, sah er auch den Spross, der sich selber durchbohrt, die Bedrohung, die zu jeder Expansion gehört. Sein Phönix an der Frankfurter Oderpromenade ist kein sich aufschwingender Feuervogel, sondern ein riesiges Kücken, fast blind noch, fast noch gekettet an den Ort, dem es entsprang. Seine heilige Barbara ist ein Tor, in dem wir uns die Schutzpatronin der Bergleute denken müssen. Die Mode wechselt zu schnell, um ihr Kleider und Gesicht zu verleihen. Was bleibt, ist unsere Hoffnung, behütet zu sein. Die will er gestalten.
So fragt Rother, wie die griechischen Atomisten schon fragten vor 2000 Jahren: geworfen zwischen Ichts und Nichts, Außen und Innen, Eigen und Fremd. Was Rother freilegt, denunziert er nicht, auch wenn seine Überraschungen abgründig sind. Seine Medaille, die er „Kopflos“ nannte, zeigt auf der einen Seite Katte, wie er vor dem Richtblock kniet. Eine tragische Geste unter der bronzenen Patina. Gewendet offenbart sich ein polierter Kopf mit Heiligenschein, und wer etwas näher hinschaut, entdeckt, was das Rad der Geschichte sein könnte. Oder auch nur die Radkappe eines Golf GTI. Denn wie schrieb Rolf Henrich, der Rother zu diesem Werk inspirierte? „Bretterkreuze an der Piste Preußens Gloria. Vergangen / Kein Jesus hilft mehr und kein Schrei / Vollgedröhnt und herbstumfangen / War ich jung? Es ist vorbei.“







