Manfred Neumann
Nicht im Gedränge, aber nah bei den Leuten
Der Frankfurter Maler Manfred Neumann
lässt sich bis heute von den Menschen faszinieren
Das alte Fabrik-Areal ist zu einem eigenen Sozialbiotop geworden. Kein abgeschlossenes, nicht einmal ein funktionierendes: dafür fehlt es zu stark am Miteinander der Akteure, am organischen Ineinandergreifen der Angebote. Trotzdem hat der Ort seine eigene Anziehungskraft. Das weiß auch der Maler Manfred Neumann, der hier sein Atelier eingerichtet hat. Seine Wohnung platzte längst aus allen Nähten, denn Neumann ist produktiv, neugierig und durch Turbulenzen an einem Kunstmarkt, der sich um Kunst wenig schert, kaum zu beeindrucken. Etwas Leises eignet dem Zweimetermann, manchmal etwas Schelmenhaftes, doch die Grenze zwischen Kunst und Kunstgewerbe zieht er akribisch.
Neumann ist ein Techniker, geschult an Vorbildern wie Holbein, ein Sammler von Menschen, von denen er sich ein Bild macht. Wenn der Funke überspringt, spricht er sie an: auf der Straße, im Bus, wo auch immer. „Es kann das Licht sein, die Stimmung, ich folge einem inneren Antrieb, aus der Begegnung heraus.“ Manchmal bittet er Modelle nach zwanzig Jahren, ein zweites Mal für ihn zu sitzen. Was ihn dazu bewegt, findet sich in den Bildnissen wieder. Allein 130 Porträts Frankfurter Bürger entstanden in den Jahren. Sie sind auch für den Fremden kenntlich: durch die Stadtfarben über dem Signum. Dabei wartet Neumann weder auf Mäzen noch Auftrag. Auch den früheren Oberbürgermeister Fritz Krause überzeugte er. „Fritz hatte Vertrauen, dass es wird“, erklärt der Maler knapp. Jetzt steht das Bild im Atelier.
„Ohne die Hilfe der Vermieterin, die mir diese Räume angeboten hat, könnte ich das ganze Zeug aus dem Fenster werfen und ein Feuerchen damit machen“, gesteht der 1938 geborene Künstler. „Für die Stadt sind wir in die freie Marktwirtschaft entlassen und existieren nicht mehr.“ Dabei gibt es Modelle, die sich seit langem bewährt haben. „Denkbar wären zum Beispiels städtische Atelier, deren Miete mit Bildern vergolten wird.“ Das wäre für niemanden eine Schande: Der Künstler braucht die Polis, die Polis braucht die Kunst. Aber sie weiß es nicht immer.
So hielt sich Neumann, der seit 1966 freiberuflich arbeitete, nach der gesellschaftlichen Transformation mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen über Wasser. Er übernahm den Aufbau der „Gedenkstätte für Opfer der politischen Gewaltherrschaft“, arbeitete beim Frankfurter Kunstverein und n dessen „Galerie B“, war zwischendurch arbeitslos „Ich habe sehr viele Leute kennen gelernt. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Außerdem habe ich die zehn Jahre bis zur Rente durchgeläppert, jetzt kann ich wieder richtig arbeiten.“ Was Neumann so nüchtern resümiert, erlebte er dennoch als Degradierung. „Es brauchte Zeit, sich wieder aufzurichten, aber einen Bruch gab es durch die Wende nicht.“ Denn Neumann legte den Pinsel nicht aus der Hand. In ein großes Experiment geworfen, experimentierte er selbst wieder stärker. So entstanden Bilder und Collagen, spielerische Auseinandersetzungen mit der Zeit und den Geistern, die sie rief. Gips- und Hinterglasmalereien, Lackschliffarbeiten folgten. Sogar Stühle wurden zu einem beliebten Malgrund. Sein Talent zur akademischen Malerei mit Öl- und Acryl, Stift, Feder oder Nadel machen Neumann auch zu einem begnadeten Kopisten, der für Museen und Gedenkstätten arbeitet. Wenn Geld dafür da ist. „Ich habe schon immer realistisch und informell gearbeitet, beides hat sich wechselseitig befruchtet. Die Porträts traten in den Hintergrund, so lange die innere Ruhe fehlte – mir und den Modellen auch. Jetzt haben sich die Umstände verändert.“
Die Lust am Menschenbild begleitet Neuman durch sein gesamtes Schaffen. Als er es sich in den achtziger Jahren selbst zur Aufgabe machte, die Menschen im Oderbruch und ihre Lebensumstände zu gestalten, fand er dafür Unterstützung. In Golzow stellte er sein Projekt vor, ein Stipendium verschaffte ihm die nötige Sicherheit. Bis in die neunziger Jahre schöpfte Neuman, neben anderen Vorhaben, aus diesem Brunnen. „Wir hatten auch im Ostblock einmalige Bedingungen in der Kunstförderung, und was ich wollte, kollidierte nicht mit der Kulturpolitik“, erinnert sich der Maler. Nach dem Meister- und später Fachschulstudium für Angewandte Kunst hatte es ihn an die Dresdner Kunsthochschule gezogen. Sein Traum war die Wandmalerei. Sein Lehrer Bergander vermittelte ihm die Technik des Otto Dix, die Entwicklung des Bildes aus der Zeichnung. „Es gefiel mir, so zu arbeiten. Damit war der Grundstein gelegt.“
Die Verunsicherung begann nach seiner Ankunft in Frankfurt. Altmodisch wurde seine Malweise gescholten. Also probierte er erst einmal alles Mögliche aus. Es war eine fruchtbare Zeit. An die Pleinairs im Bezirk, aber auch im Ausland, oft mit internationaler Besetzung, denkt Neuman gern zurück. Viele Künstler siedelten sich in Frankfurt (Oder) an, weil die Stadt Arbeitsbedingungen und Ruhe bot, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. „Dann kam die Leipziger Schule auf und bestätigte meine Auffassungen.“ Neumann malte in der Natur, schuf Monotypien, an denen er das Zufällige und Überraschende als Ausgleich zum Strengen und Disziplinierten liebt, druckte seine Lithographien im längst abgewickelten „Zentrum für künstlerische Arbeit“, malte Freunde, Bekannte. „Das Faszinierendste sind die Menschen“, bekennt er noch heute. Frankfurt aber nennt er inzwischen „ein komisches Pflaster: Eigentlich fehlte immer die wirkliche Besessenheit, eine Chance wahrzunehmen und nicht bloß eine Aufgabe zu erfüllen.“ Es ist das Gegenteil dessen, womit sich Neumann seinen Lebenssinn erobert. Nicht im Gedränge, aber nah bei den Leuten. Und noch immer an seinem Ort.
(c) Henry-Martin Klemt