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Wolff

Jedes Buch ist ein Schicksal

Die Frankfurter Übersetzerin Karin Wolff

Sich kräftig nach vorn zu drängeln, ist Karin Wolff offenbar nicht gegeben. So nützt es der Frankfurter Übersetzerin denn auch wenig, dass sie schon 1997 das Bundesverdienstkreuz erhielt und 1998 das Offizierskreuz der polnischen Republik. Davon allein kann keiner leben. Doch unverdrossen hat das blondschopfige Unikum seine Arbeit getan - und die manches Verlegers gleich mit. Denn "die Ignoranz gegenüber der polnische Literatur hat inzwischen Deckenhöhe erreicht".

Inzwischen liegt das 75. Buch zur Übertragung auf Karin Wolffs Schreibtisch. Kurz bevor Karolina Lanckoronska mit 104 Jahren starb, konnte Karin Wolff sie in Rom besuchen. Die hochbetagte Dame aus polnischem Adelsgeschlecht hatte bereits vor einem halben Jahrhundert ihre "Kriegserinnerungen" verfasst. Doch erst 2002 kam das Buch auf den Markt und erlebte binnen kürzester Zeit drei Auflagen. Ein begeisterter Leser und Kenner der Wolffschen Fähigkeiten hatte sich daraufhin bemüht, den Kontakt herzustellen. Für Karin Wolff gehören die "Kriegs-Erinnerungen" zu den zehn besten Büchern der polnischen Nachkriegs-Literatur. Karolina Lanckoronska war zur Zeit des Faschismus zum Tode verurteilt und nur durch Intervention der italienischen Königsfamilie zur KZ-Haft "begnadigt" worden. Ihr Verbrechen: Sie hatte nicht über den Mord der Gestapo an 20 Lemberger Professoren schweigen wollen. In Ravensbrück angekommen, wehrte sie sich gegen jede Art von Privileg und bestand darauf, ihr Leid mit den polnischen Haftgenossinnen zu teilen. Was sie nicht teilte, waren die Illusionen ihrer Mitgefangenen in Bezug auf eine künftige kommunistische Herrschaft. "Sie ist eine wirkliche Antikommunistin, aber sie hat überhaupt nichts Theorieschnaubendes, Fanatisches an sich, hegt keinerlei Ressentiments gegen die Deutschen, sondern beschreibt einfach ihre Erfahrungen", erzählt Karin Wolff. Nach dem Krieg gründete Karolina Lanckoronska eine Stiftung, mit der die habilitierte Kunstwissenschaftlerin unter anderem zahlreiche Emigranten unterstützte.





Für die Übersetzerin schließt sich mit den Erinnerungen der in Wien Geborenen ein weiter Kreis. Wolffs erstes Buch für Erwachsene war "Zeit, die mir noch bleibt" von Krystyna Wituska. Die Polin, einer Nichtigkeit wegen verhaftet, wartete ein und ein dreiviertel Jahr auf ihre Hinrichtung. Ihre Gefängnisbriefe und Kassiber erlebten in der DDR vier Auflagen, zeitgleich erschien eine Lizenzausgabe im Westen, nach der Wende eine Taschenbuchausgabe beim Aufbau Verlag. "Mit der Arbeit war damals meine erste Polenreise überhaupt verbunden. Als ich Wituskas Lebensspur folgte, lernte ich die Vizepräsidentin des Ravensbrückkomitees, Wanda Kiedrzynska, kennen. Den Mann der Historikerin hatten die Nazis vor ihren Augen erschlagen. Mit einem Löwenmut hatte sie in Ravensbrück, wie viele andere Polinnen auch, gegen das Zerbrechen gekämpft. Die Frauen hielten einander bei den stundenlangen Zählappellen im Flüsterton Vorlesungen zur Kunst- und Kulturgeschichte, rezitierten Gedichte, es war ein Wunder des menschlichen Geistes, der über die Barbarei triumphierte. Die polnischen Gefangenen verachteten ihre Peiniger und wurden dafür von den Aufsehern gehasst. Vor Hinrichtungstagen, hatten die Friseusen alle Hände voll zu tun. Die Frauen wollten auch auf dem Schafott noch ihren Stolz bewahren." Die Kraft dazu fanden sie auch in Persönlichkeiten wie Karolina Lanckoronska. Sie gehörte zu den wenigen, die zwölf Tage Dunkelhaft durchhielten, weil sie in dieser Zeit alle Gemälde ihrer "inneren Galerie" Revue passieren ließ. Damals habe sie das Licht bei El Greco begriffen, heißt es in ihrem Buch...

Vieles von all dem droht dem Vergessen anheim zu fallen, wird mit Gleichmut und Desinteresse übergangen. Deshalb sind solche Bücher wichtig, ist Karin Wolff überzeugt. "Es geht immer um den Einzelnen, sein Urteil, seine Erfahrung, sein Sterben. Daraus wächst eine kulturelle Brücke zum Nachbarn." Bei jeder ihrer Arbeiten hat Karin Wolff immer die Nähe zu den Autoren gepflegt. Es ging ihr nicht nur um das Buch an sich, sondern um das Schicksal, das zu einem Buch hinführte. Gedichte aus Auschwitz, Poesie der Roma, immer sind es Themen, bei denen sich ein Mensch ausliefern muss. Wer sich ihnen stellt, legt die Elle der anderen Erfahrung auch an sich selbst an und muss zusehen, wie er wegkommt dabei. Vielleicht deshalb sind solche Bücher nicht überall willkommen. "Wer nein zu sagen gelernt hat, passt in gar kein System mehr", weiß Karin Wolff. "Solche Leute sind immer suspekt." Karin Wolff liebt das Spielerische, zuweilen Exzentrische in der Kunst des Nachbarlandes, den unzähmbaren Freiheitswillen, von Aufstand zu Aufstand, wenn nötig.

Spiel des epischen Behagens

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Spiel des epischen Behagens

Sommer ist, dem Klischee nach wenigstens, erntesatt und verliebt. Bevor der Herbst anbricht, ist wieder Zeit für jene Nichtigkeiten, in denen sich das Eigentliche versteckt, Sinnlichkeit und Lebensphilosophie. Im Flüchtigen erhascht, wie Schmetterlinge mit dünnen Nadeln auf eine Tafel geheftet, mit kanülenfeiner Ironie der Betrachtung unterzogen. Karin Wolff, die rund 70 Bücher aus dem Polnischen übersetzte und dafür unter anderem mit dem Offizierskreuz des Verdienstordens der polnischen Republik und mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, versteht es nicht nur, dieses Spiel des epischen Behagens nach- und mitzuspielen, wenn sie die Brücke zwischen den Sprachen schlägt. Keine Nuance entgeht ihr; keine Facette soll dem Zuhörer entgehen, wenn sie liest – bis „zur verschämten Schleimhaut des Unterbewutseins“, wie es bei Jerzy Ficowski heit.

In der vergangenen Woche hatten die Besucher der Stadtbibliothek Gelegenheit, die Frankfurterin zu erleben. Aus der Anthologie „Landschaften und Luftinseln“ las sie Hanna Kowalewskas „Ein Haus in ein Glas Tee versenkt“, die Geschichte, die dem Abend seinen Titel gab. „Die Autorin hat nichts gegen Männer. Sie meint nur, dass Männer und Frauen auf verschiedenen Planeten leben“, so Karin Wolff zu diesem surrealistischen Kabinettstückchen.
Ficowski hingegen lädt sich bei „Tantchen Fruzia“ zu einer falschen Beichte ein, die dem Erzähler ebensolchen Genuss bereitet, wie der neugierigen Dame, die das Kochbuch zu ihrer Bibel erkoren hat und sich zum Nachtisch mit Klatsch füttern lässt. Der vermeintliche Tabubruch, die verschämte Obsession ist das Manna ihrer „nur gelegentlichen Existenz“. Schade drum, dass ihr Herz den Schock solch eines Geständnisses nicht übersteht.

Mit Maria Kuncewiczowa verbindet die Übersetzerin offenbar nicht nur die kleine Stadt Kazimierz Dolny, wo auch Karin Wolff etliche Sommer verlebte. Die „Liebeskunst“, ist keine ovidsche Anleitung zu körperlichen Genüssen, sondern eine spöttische Abrechnung mit der Gutbürgerlichkeit vor einer Kulisse, in der sich schon in den 30er Jahren die Warschauer Bohemé tummelte, die Schickeria sich mit Malern, Schriftstellern und Lebenskünstlern drapierte, traditioneller Antisemitismus sich an einem Bevölkerungsanteil von 40 Prozent Juden rieb. „Zu privaten Zwecken“ habe sie die Geschichte übersetzt, meinte Karin Wolff. Sie hätte auch sagen können: Zum puren Vergnügen, das es bereitet, Frau Rechtsanwalts Liebesglück und –leid und ihres Mannes Seitensprung zur ewigen Jugend – wie gegenwärtig das doch ist – in die Form der eigenen Sprache zu gieen und andere daran teilhaben zu lassen. Aber auch die Lebensgeschichte der Autorin dürfte nicht nur die Übersetzerin gefesselt haben. Kuncewiczowa war bis ins hohe Alter Literaturdozentin in Chicago, gehört in den USA, Frankreich und Italien zu den meistbeachteten polnischen Autorinnen, war Vizepräsientin des internationalen PEN.

Das Publikum dankte Karin Wolff mit langem Applaus. Eine Ermutigung auch für das Deutsch-polnische Literaturbüro Oderregion e.V., das den Abend gemeinsam mit Bibliothek und Kulturbüro ermöglicht hatte.


2001