Pietrass
Das Schiff saugt wie ein Löschblatt Vergangenheit auf
Interview mit Richard Pietraß
Zu den Teilnehmern am Projekt „Grenzen im Fluss - Literarische Bootsfahrten auf Oder und Rhein“ gehörte auch der Berliner Lyriker Richard Pietraß. Soeben legte erschien sein neuer Gedichtband „Vorhimmel“. Im vergangenen Jahr war Pietraß Burgschreiber auf der Burg Beeskow in.
Richard Pietraß, Sie haben schon an dem von Erich Loest und dem Verband deutscher Schriftsteller in vergangenen Jahren initiierten Poetendampfer mit Lesungen in Deutschland und Polen teilgenommen. Diesmal weitet die Fahrt sich aus auf Oder und Rhein. Welche Eindrücke hinterlässt das bei Ihnen?
Pietraß: Es war sehr angenehm. Wir repräsentieren einen ganzen Raum, nicht nur an den Ufern der Flüsse, sondern auch das Land dazwischen. Vor allem durch die Niederländer wird das spürbar, die ebenso wie die Polen und wir gekommen sind. Das sind unterschiedliche Literaturen und Autoren, darunter Freunde, die ich gewonnen habe. Die sehe ich zum Teil wieder und lerne neue kennen in dieser entspannten, gleitenden Atmosphäre mit den herrlichen, entlasteten Ufern. Die müssen auf einmal nicht mehr wachsam sein, sondern brauchen nur noch schön zu sein, diese Ufer. Und wir können unschuldig hinschauen, ohne uns irgendeinem Verdacht auszusetzen. Das ist wunderbar.
Etwas ganz Bewegendes ist für mich auch die Entdeckung Schlesiens. Das hatte ich verdrängt als Kind ostpreußischer Flüchtlinge. Das war völlig eingemauert in mir. Jetzt taucht es auf wie ein reiches, schönes Vineta. Es ist ein großes Glück, Orte zur Kenntnis zu nehmen, die keinen Namen für mich hatten. Ich hatte nie den Namen Legnica gehört. Das war eine weiße Stelle im Hirn. Jetzt gehen wir dort spazieren, dort übernachten wir. Das ist Glück. Als wenn mir etwas geschenkt wird, das irgendwie weggezaubert war aus meinem Leben.
Sie hatten ein sehr volles Leseprogramm. Blieb da noch Zeit für Kommunikation auf dem Schiff oder am Rande der Ufer?
Pietraß: Wir hatten ja immer Strecken, wo wir bis zu sieben Stunden hintereinander unterwegs waren, von Küstrin nach Schwedt beispielsweise. Das Schiff fährt zwölf Stundenkilometer. Das heißt, wir erlebten das Glück der Verlangsamung des Daseins. Man kann auch mal eine Stunde stehn wie ein kleiner Junge und Kapitän spielen, sich ganz vorn hinstellen und vergessen, dass man nicht allein ist. Drei Meter weiter steht dann auch jemand, der dazu kommt, mit dem man spricht. Das ist gut, dieser Wechsel von Gesellung und Vereinzelung.
Sie haben auch ein neues Buch mit an Bord gebracht.
Pietraß: Das jüngste ist ein Buch, das eine Seite meines Daseins sammelt, die Seite des Liebenden. Das ist mein geliebtes Leben, mein Buch mit Liebesgedichten. Natürlich ist jedes einzelne bloß ein Mosaiksteinchen, aber eine Skizze dieses Kerls kann man auch daraus gewinnen.
Was erfreut sie an dieser Flussfahrt besonders?
Pietraß: Ich freue mich auf die Fortsetzung der Zivilisierung dieses Flusses. Die Oder wird umgewidmet von etwas Martialischem zu etwas Zivilgesellschaftlichem. Christo hat den Reichstag verhüllt und der hat seine böse Vergangenheit ausgeschwitzt. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt so ein Löschblatt sind, das über die Oder gleitet, etwas von dem Bösen aufsaugt und dazu beiträgt, den Fluss zu etwas Zivilem zu machen, damit etwas Neues entsteht.
Sie waren vor kurzem noch Burgschreiber in Beeskow. Wächst da so eine berlin-märkische Verbindung bei Ihnen?
Pietraß: Aber natürlich. Ich bin ein Mensch, der wirklich mit Wahlheimaten lebt, und hier ist eine dabei, zu entstehen und sich zu verfestigen.
2004