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Villegas

Für die Kinder erhebe ich meine Stimme

Seine Liebe zu den Kindern hat Eduardo Villegas aus seiner Heimat Venezuela mitgebracht. Die Mutter des 40jährigen Musikers arbeitete in Caracas als Sozialarbeiterin mit Straßenkids, brachte sie mit nach Hause, päppelte sie auf. "Auch ich war ein Kind der Straße. Und ich sah, daß wir zusammenhalten müssen", erinnert sich Eduardo. Er suchte den Kontakt zu linken Parteien, von denen er hoffte, sie könnten die Lage der Kinder verbessern. "Bald war ich enttäuscht. Da war viel zuviel Propaganda. Kinder brauchen die Hilfe direkt. Politik hat damit nichts zu tun. Keine Partei hat dafür ein Monopol."
Von der Kommunistischen Partei in die DDR delegiert, wurde er vor fast zwanzig Jahren in Schwedt Chemiearbeiter und träumte davon, einmal Erzieher zu werden. Doch das Mißtrauen gegenüber dem "Bürger aus dem kapitalistischen Ausland" wog viel schwerer als die Freundschaft zum "Genossen der Bruderpartei". Die DDR-Staatsbürgerschaft annehmen und sich damit selber einsperren wollte Eduardo nicht. 1985 stellte er einen Ausreiseantrag. "Es war nicht mehr auszuhalten. Ich begegnete einer Politik des Psychoterrors mir und meiner Frau gegenüber. Venezuela war zu weit, so siedelten wir nach Westberlin um."
Die Musik, bis dahin nur Hobby, wurde zum Beruf für den Komponisten und Sänger, der mit seinen Liedern etwas gegen Rassismus und Unterdrückung tun will, Mut zur Toleranz vermitteln möchte. "Wir haben ein Podium. Die Menschen wollen uns hören, und das ist die größte Möglichkeit, unsere Botschaft zu vermitteln. Kinder können sich selbst nicht verteidigen. Sie brauchen auch jemanden, der für sie spricht. Und für sie erhebe ich meine Stimme."
Die Idee, etwas für die Bedürftigsten in der Gesellschaft zu tun, bewegte Eduardo und seine Musikerfreunde seit langem. Doch erst in diesem Jahr nahm sie konkrete Gestalt an. Am 12. Juni gab es ein karibisch-lateinamerikanisches Festival in der "Villa Pelikan" Berlin-Hellersdorf, das vom Bezirksamt, Kneipen, Clubs und Cafes unterstützt wurde. Der Erlös dieser und einer weiteren, sich über mehrere Tage erstreckenden Aktion im nächsten Jahr soll 150 Kindern in Peru und 130 Kindern in Venezuela ein Jahr lang jeden Tag eine warme Mahlzeit ermöglichen. Dazu werden Volksküchen eingerichtet. Aber auch zwei Hellersdorfer Projekte, die "Villa Pelikan" und "Kids und Co.", sollen unterstützt werden. Beide schaffen Freizeitangebote für Kinder. "Es gibt sehr wenig Geld dafür. Und bevor etwas kaputt geht, versuchen wir es mit unserer Kraft zu halten."
Der Kreis der Mitwirkenden ergibt sich bei jeder Aktion neu. "Ich arbeite mit Amerikanern, Arabern, Afrikanern, Asiaten. Jeder kann sich engagieren. Es fängt ja gerade erst an." In der kommenden Woche wird Eduardo Villegas, der derzeit noch am Kleinen Theater Frankfurt (Oder) gastiert, nach Venezuela fliegen, um die Entwicklung der Volksküche zu dokumentieren. Auch Kontakte zwischen den Kindern aus Venezuela, Peru und aus Berlin sollen entstehen.
Manchmal träumt Eduardo davon, zu Hause zu bleiben. Aber die Vorstellung, sich von Deutschland zu trennen, fällt schwer nach so langer Zeit. Wenn das Heimweh trotzdem größer wird, hat das zu tun "mit dem wachsenden Druck, dem Rassismus, mit der Frustration, die die Leute nach Wiedervereinigung mit sich herumtragen." Eduardo sieht den Neid, die Selbstsucht und die Angst, fürchtet manchmal, daß sie überm„chtig werden. "Aber ich kann doch nicht einfach sagen, ich hau jetzt ab und lasse hier alle allein."

1994