Soubeyrand
Gespräch mit Manuel Soubeyrand
Mit Biljana Srbljanovics "Familiegeschichten. Belgrad" hat im Frankfurter Theater-Bahnhof eines der in Deutschland im vergangenen Jahr am häufigsten aufgeführten zeitgenössischen Stücke Premiere. In den "Familiengeschichten" werden Alltagsepisoden erzählt, an deren Ende jedes Mal der mehr oder weniger gewaltsame Tod der Eltern steht. Nadeshda - zu deutsch "die Hoffnung" - ist dabei ein großes Kind, das als verängstigter, gedemütigter Hund an der Kette liegt. Was hat Sie an diesem Stoff herausgefordert?
Mich hat die Beschreibung von Gesellschaft fasziniert. Das Stück erzählt, wie sie sich durch die Gewalt an ihren Rändern auch im Innern verändert und mit wieviel Sprengstoff ihr Umbruch verbunden ist. Das erinnert mich an die Situation vor zehn Jahren - und danach hatten wir ja auch gesucht. Deshalb haben wir auch Musikelemente aus dieser Zeit - etwa von "feeling b" - in die Inszenierung einmontiert. Schließlich fokussiert der Kosovo-Krieg im Sommer das Thema noch einmal auf andere Weise. Meine Sicht auf diesen Krieg ist ebenso zerrissen, wie es zahlreiche, zumeist grüne Politiker für sich beschrieben haben.
Jede Szene endet tödlich und jede Auferstehung ist ohne Katharsis.
Das Spannende an diesem Stück ist gerade seine Hoffnungslosigkeit. Die postsozialistische Entwicklung birgt sehr viel explosives Material, und dabei gibt es eine Sicht auf die Welt, die viel härter, kälter und hoffnungsloser ist, als meine eigene. Wir versuchen das auch durch die Vergröberung in den ästhetischen Mitteln zu vermitteln: Erwachsene spielen Kinder, die Erwachsene Spielen. Der Krieg im Land, in der Gesellschaft und der Familie gehört zu ihrem Alltag.
Wie haben Sie selbst das Jahr 1989 erlebt?
Mit der Hoffnung auf eine refomierbare DDR. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, bis ich mich von der Vergangenheit abnabeln und Deutschland sagen konnte, bis ich begriff, daß es derzeit keine Alternative zum demokratischen Kapitalismus gibt und der Begriff Kommunismus am Ende des Jahrhunderts durch all die in seinem Namen begangenen Verbrechen nicht mehr aussprechbar ist. Daß ich seit 1993 nicht nur mit Deutschen, sondern auch mit Österreichern und Schweizern zusammengearbeitet habe, hat meinen Blickwinkel auf das eigene Land erweitert und half gegen Ressentiments, wie sie sich im Osten entwickelt haben.
"Familiengeschichten" ist Ihre letzte von vier Inszenierungen am Kleist-Theater.
Jede Premiere wird ab jetzt eine letzte in Frankfurt (Oder) sein. Das ist schon traurig, selbst wenn ein Teil der Probleme hausgemacht ist, die zur Schließung der Bühne führten. Theater ist für mich schließlich ein Ort, wo man gern hingeht, weil man auf Menschen aus Fleisch und Blut trifft, weil Menschen dort eine zeitlang miteinander kommunizieren können und erst aus dem Zusammentreffen von Produzent und Konsument das eigentliche Kunstwerk entsteht. Früher wollte ich mit Theater die Welt erklären und verändern. Aber je älter ich werde, um so weniger kann ich erklären. Jetzt will ich, daß sich die beiden von altersher miteinander verbundenen Masken mit Leben füllen, daß die Menschen weinen und lachen und ins Theater kommen, weil sie es dort können. Das ist viel schwerer.
1999