Neubauer
Günter Neubauer stellt aus
Rede zur Vernissage
Gewöhnlich steht an dieser Stelle ein kunsthistorisch bewanderter Mensch, der es vermag, Werk und Willen des Künstlers darzulegen, Lorbeer und Wermut miteinander zu verflechten und dem Künstler den Siegerkranz oder die Dornenkrone aufzusetzen. Damit, meine Damen und Herren, kann ich nicht dienen. Wenn ich mir gestatte, zur Eröffnung dieser Ausstellung dennoch einige Worte zu sagen, hat das einen anderen Anlaß.
Als ich 1985 nach Frankfurt/Oder kam, gut anderthalb Jahrzehnte nach Neubauer also, öffnete sich mir neben einigen Schreiberstuben auch die Tür zu seinem Atelier in Rosengarten. Und ich, noch ein wenig im Zweifel ob meines Bleibens fern von Leipzig und fern genug vom heimischen Berlin, fand auf der Leinwand Gründe.
Sie wissen es selbst: Wer hier lebt, spricht nach einigen Jahren nicht so sehr von der Stadt Frankfurt/Oder als vielmehr von einer Landschaft, die sich öffnet zum Oderbruch hin, ins Uckermärkische, einer Landschaft von karger Schönheit, durchschritten, durchfahren einigemal und dann immer wieder, zu jeder Tages- und Jahreszeit, liebgewonnen so, daß der Betrachter endlich weiß, wohin mit dem sperrigen Wörtchen Heimat.
Es ist kein opulentes Schwelgen, mit der sich dieser Landstrich und seine Menschen fassen ließen. Oft nur wenige Linien, eine Waldkante, ein geborstenes Gemäuer, ein Höhenzug prägen sich ein, und im zweiten Schauen kommt die Erinnerung. Unter den Schuhen ahnt der Fuß das metallische Getön des vergangenen Krieges. Auf Gräbern wandelt, wer die Seelower Höhen erklimmt. Und wer in die Gesichter der Alten blickt, weiß: Mühsam verdienten sich hier seit altersher die Landleute ihr Brot. Das ist so geblieben in der alten neuen Zeit und in der neuen neuen Zeit auch.
Davon hat zu reden, wer hier schreibt. Davon hat zu malen, wer seine Staffelei aufstellt zwischen Oder und Spree. Doch während der eine sich immerfort berufen kann auf einen Fontane und vielleicht auch auf einen de Bruyn, ist der andere sich selbst überlassen. Sie muß erst entstehen, die Frankfurter Schule der Malerei.
Neubauer, als er vor einem viertel Jahrhundert nach Frankfurt kam, wollte nach keiner Schule malen. In Dresden noch und später in Berlin hatte er sich Egon Schiele zugewandt, dem lyrischen Expressionismus. Hier nun traten zur Kunsthistorie die Lebensgeschichten. Episches drängte ins Bild. Eine Frau sitzt am Ofen, erzählt. Kein Platz mehr für Mythos, aber Wirklichkeit und Sehnsucht bedrängen den Maler gleichermaßen. Neubauer wird zum Übersetzer ihrer Geschichte, von der er will, daß sie verstanden wird. Dazu muß er innehalten im Verletzlichen. Schicht für Schicht trägt er auf. Schicht für Schicht trägt er ab. Das gilt fortan für viele seiner Bilder.
Die Schönheit ist nahbar; wer sich nähert, mag fragen, was sich dahinter verbirgt und welche Rolle er selbst, den Blick ins scheinbar Unberührte senkend, sich darin zumessen will.
Neubauer hat nicht für das Bürgermeisterzimmer gemalt und nicht für den Ministerpräsidenten. Aber er schämt sich auch nicht, daá seine Bilder dort hingen. Spuren des Alltags, Bildnis des Bruders das eine, Vergegenwärtigung auch der von Fundmunition zerrissenen Schulkameraden ein anderes. Der Betrachter mag einwenden, daß diese Bilder, der Bauarbeiter mehr als die Seelower Höhen, Züge des Didaktischen tragen. Er erinnere sich des Geistes der Zeit und der Träume, die selbst aus stillen Naturen Menschheitspädagogen machten.
Neubauer wenigstens war einer ohne Rohrstock. Kein Oberlehrer, sondern eher einer wie jene Dichter, die Fürstenkinder zu belehren suchten und ihre Elternhäuser mit. Die Kinder verliebten sich und die Eltern, solcher Liebe ansichtig, schmissen den Lehrer hinaus. Wir kennen das von Hölderlin im Hause Gontard. Neubauer ist dieses Schicksal, gottlob, nicht widerfahren. Sein Golgatha mit dem deutschen und dem russischen Helm, hängt noch immer in Seelow. Nun ja: Die Elegie wird geduldet, der Aufschrei fand noch nicht statt.
Vielleicht wird das nie bei einem wie ihm. Im Bild der Musik, das Neubauer liebt, ist er ein Mann des Kammerkonzertes, der Sinfonie, der Hymne auch, wenn er die Farben wählt für eine Niederung, eine vom Schmelzwasser überflutete Wiese. In der Struktur läßt sich der Rhythmus der Dinge ausfindig machen, die Zeit umgibt ihn mit ihren Klängen, und der Künstler formt beides zur Melodie. Das Gewebe soll leicht bleiben wie der Augenblick. Es muß sich abziehen lassen, schälen wie Jahresringe, ohne flüchtig, ohne unstet zu sein.
Alles, sagt Neubauer, muß sich in der Kunst ausleben, wenn nicht heute, dann morgen. Und er nimmt diesen Satz auch für das Leben in Anspruch. Das Zurückgedrängte bricht sich Bahn. Manchmal eins für das andere: Was der Alltag aufzwingt an zerrissener Hiesigkeit, versucht in den Glasgrisaille-Arbeiten des Malers Harmonie zu werden. Oder in jenem Zyklus der Fische und Vögel. Bevor es dazu kam, waren zwei Reisen nötig, die den Maler nach Vietnam führten und nach Babylon.
Es gibt Orte, denen hält die schönste Utopie nicht stand. Inmittenen des Vergehens läßt sich eigene Vergänglichkeit nicht mehr verleugnen. Wo ein Reich an seinen Untergang gemahnt, erweist sich jedes Reiches Ewigkeit als Schimäre. So entsteht eine Ahnung. So werden Bilder, die aus der Tiefe kommen, für eine Weile klüger, als ihr Maler schon sein kann.
Aber er geht seinen eigenen Werken nach und stößt auf eine Religion, die ihn weiterführt. Im Buddhismus findet sich der Pantheist. In den Ruinen ein Mensch, der sich als Teil eines höheren Prinzips begreift und Abschied nimmt von Herrschaftsträumen seiner Art. Der nach Aussöhnung sucht, seit er Engels gelesen, Aussöhnung mit der Natur und also seinesgleichen, wie der asiatische Kollege, für den Landschaftsmalerei Gottesdienst ist. Er liest Laotse und Konfuzius und entwickelt, mit technischen Geräten experimentierend, seine Kalligrafie der Farben.
Das läßt ihm, ein zweites gottlob, keine Zeit, sich allzu sehr den neuen Gebräuchen anzupassen. Und daß ers nicht braucht, zieht nicht sein Kinn in die Tiefe, drückt zwischen die Schultern nicht seinen Kopf. Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über verkaufte Bilder fast ein Verbrechen ist, weil es das Schweigen über soviele arbeitsbeschaffungsmaßgenomme Künstler einschließt? "Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt / Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts / von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. / Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren." Schreibt Brecht, dessen Lektüre - Die Gedichte, Seite 723 - ich hiermit freundlichst allen Bankdirektoren, Bauinvestoren und sonstigen Kunstliebhabern ans Herz gelegt haben möchte.
Neubauer also, sagt er, kolportiere ich, hat sich nicht angepaßt, ist kein Objektkünstler geworden, wird in nächster Zeit keine Performance veranstalten und seine Bilder nicht andersrum aufhängen, um den Galeriebesucher zu intensiverer Rezeption zu veranlassen. Er besteht auf seinem Willen zum Ich und der, das wars, was mich seinerzeit beim Atelierbesuch an Neubauers Bildern bewegte, schließt ein den Willen zum Du. Und wenn, wie der Maler es sieht, die Natur der Leib des Menschen ist, so ist ihr Abbild ein Zeichen für den Betrachter, der auf dem Weg ist zu sich selber hin.
Lieber Günter, verehrte Gäste, ich wünsche der Ausstellung des beinahe 50jährigen, zu dem das Wort Jubilar so schlecht paát, viele Besucher und allen Anwesenden einen freundlichen Abend.