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Reimann

So möcht ick ook mal schreiben

Brigitte-Reimann-Haus in Neubrandenburg eröffnet





Mir gefällt´s jetzt. Verschneit ist der Garten zauberhaft; hinterm Garten sind hohe Bäume, Tannen, Birken, Erlen, was weiß ich (und darin Hunderte von Krähennestern, und manchmal kriegen die Krähen einen Rappel und stürzen sich schwarz und schreiend auf den Garten). Die Weinranken hängen über die Fenster und bis auf die kleine Terrasse hinab, und im Sommer - ich erinnere mich - ist das Zimmer in ein grünes Licht getaucht.
Tagebuch, 24.12.1968

Durch die Bäume am Ring schimmern noch immer die alten Wallanlagen. Durch das Neue Tor tappern Schritte. In den Gassen dahinter, mit ihren bunt verputzten Fassaden, gibt es auch am Samstag noch Handys zu kaufen oder italienische Schuhe. Wer mag, kann sich in einer der Kneipen niederlassen und einen Kaffee trinken oder durch das geputzte Neubrandenburg wandern. Der Gang gerät zum stummen Zwiegespräch mit der Autorin eines Werkes, das wenigstens einer Generation im Osten Deutschlands zum Kultbuch geworden ist: "Franziska Linkerhand". Zur Gartenstraße ist es nicht weit. Dort lebte Brigitte Reimann von 1968 bis zu ihrem Tod 1973 in Berlin. Das Haus Nummer 6 soll künftig an sie erinnern.

Es ist nicht mehr jenes Gebäude, in dem sie lebte und ihr wichtigstes Buch zu vollenden suchte. Denn als die Bauleute sich an die Rekonstruktion der 1914 errichteten Villa machten und das Fundament freilegten, krachte sie in sich zusammen. Eine Peinlichkeit, an die nicht gern erinnert wird, aber auch eine unfreiwillige Metapher: Geschichte, wie wir erfahren haben, funktioniert zuweilen genauso. Was dann entstand, wurde ob seiner fensterlosen Vorderfront voreilig als "Bücherbunker" gescholten. Zur Einweihung am 26. Todestag Brigitte Reimanns konnte sich allerdings keiner der Gegner ermannen, seine Vorwürfe zu wiederholen, und Architektin Sonni Bock wußte ihre Arbeit auf leise Art zu erklären. Ohnehin spricht die Funktionalität des Gebäudes für sich. Im Keller hat das Fallada-Archiv Platz gefunden. Im Obergeschoß gibt es einen kleinen Saal, in dem Veranstaltungen stattfinden können und wissenschaftlich gearbeitet wird. 3000 Bücher zieren die Regale: Es ist die Bibliothek von Joachim Wohlgemuth ("Egon und das achte Weltwunder"), die von der Erbengemeinschaft an das Literaturzentrum Neubrandenburg als Träger des Reimann-Hauses übergeben wurde. Im Erdgeschoß erinnert alles an die lebenssüchtige Schriftstellerin. Schon im Eingangsbereich beginnt eine kleine Ausstellung, unter anderem mit Manuskripten aus dem reimannschen Nachlaß. Im "Arbeitszimmer" dann der alte Schreibtisch, darüber das von Erika Stürmer-Alex 1964 gemalte Porträt, Bücherregale. Durch das große Terrassenfenster fällt der Blick in den Garten.

Augenblicklich erinnert das Areal noch an eine Hoywoy-Gedächtnishalde. Matsch und Kies, schon aufgeschüttet für die Terrasse, dazwischen ein uralter Apfelbaum, die alte Sorte Grafensteiner, wie man hier weiß. Wenn aus dem Garten eine Freifläche wird, soll er erhalten werden, und falls er wirklich stirbt, soll ihn Efeu umranken wie eine hölzerne Skulptur. Auch an ein kleines Gartenhäuschen ist gedacht. Die Früchte des sozialistischen Wohnungsbaus haben sich herangepirscht und halten sich doch pietätvoll im Hintergrund, von einer Garde jahrzehntealter Birken abgeschirmt. Für einen neuen Weinstock könnte an der Fassade später eine Rankhilfe nachgerüstet werden. Dann fiele auch wieder grünes Licht durch die nunmehr UV-absorbierenden, schallschluckenden Scheiben. Die Anlage ist bis ins Detail durchdacht. Doch so dezent sich alles auch geriert, von dem, was der Reimann am meisten zu schaffen machte - Vergänglichkeit - ist hier am wenigsten zu spüren.

Doch das kann kein Vorwurf sein. Sowenig, wie die Renaissance der Schriftstellerin ein Wunder ist, auch wenn sie wie ein solches anmutet. Das bereits 1971 gegründete Literaturzentrum - eines der dienstältesten Literaturhäuser in Deutschland - hat daran zweifellos den Löwenanteil. Die Tagebuch-Editionen des Aufbau-Verlages hätten ohne seine Unterstützung kaum in dieser Qualität erscheinen können. Darüber hinaus agiert das Literaturzentrum selbst als Herausgeber wissenschaftlicher Publizistik. So erschien im vergangenen Jahr unter dem Titel "Wer schrieb Franziska Linkerhand" ein Dokumentarband, der Interviews mit Gefährten der Autorin und eine umfängliche Auseinandersetzung mit der Entstehungs- und Publikationsgeschichte des Buches enthält. Es werden nicht die letzten Veröffentlichungen sein, wie die Geschäftsführerin des Literaturzentrums, Heide Hampel berichtet: "Durch die Tagebücher ist ein Sog entstanden, der den Blick auch wieder auf das literarische Schaffen von Brigitte Reimann zurückführt. Vieles befindet sich noch unveröffentlicht in ihrem Nachlaß. Manches ist verschollen, manches hat sie selbst vernichtet. Aber auch mit dem, was noch vorliegt, werden wir einige Jahre zu tun haben." Dabei kann das Literaturzentrum auf Erfahrungen bei der Aufarbeitung des Fallada-Nachlasses zurückgreifen. Außerdem verfügt die Einrichtung dank der Stadt über eine opulente Ausstattung mit vier festen Vollzeitstellen und zusätzlich zwei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Überhaupt: Neubrandenburg. Brigitte Reimann floh dorthin vor der Borniertheit des Lausitzer Funktionärsklüngels, und auch wenn im Norden ebenfalls manche Illusion zerstob, war dort ein Zuhause für sie. Nach der Transformation hat die Stadt Kunstsammlung, Museum, Bibliothek, Musikschule und anderes mehr in kommunale Obhut genommen und vor dem Untergang bewahrt. Philharmonie, Kammertheater und Literaturzentren werden durch Trägervereine geführt. Allein für den Wiederaufbau des Reimann-Hauses wurden 800 000 Mark zur Verfügung gestellt. Hinzu kam die Einrichtung des Hauses aus Spendenmitteln. Zwar sind die Vereinskassen jetzt nahezu leer, doch um das literarische Erbe braucht der Stadt nicht mehr bange zu sein. "Neubrandenburg ist stolz auf seine kulturelle Szene", so Hampel.

In der Gartenstraße 6 werden Besucher künftig an jedem Dienstag erwartet. Außerdem gibt es regelmäßig Lesungen, so zur Eröffnung des Norddeutschen Bücherfrühlings am 16. April, wenn Siegrid Damm ihre Christiane-Vulpius-Biographie vorstellt. Auch das vierte Kunstbuch mit Unikaten von Malern, Grafikern und Dichtern ist in Vorbereitung. In den bisher zusammengestellten Bänden zu Hauptmann, Fallada und Reimann finden sich Werke von Volker Braun und Christoph Hein ebenso wie von Veit Hofmann, Otto Sander-Tischbein oder Erika Stürmer-Alex. "Wir sprechen Künstler in ganz Deutschland gezielt auf eine Mitarbeit an." Hinzu kommen Soirees für Senioren, spezielle Angebote für Kinder, internationale Literatursymposien und natürlich die wissenschaftliche Klein- und Tagesarbeit.

"Ein wunderbares Haus ist das geworden", gestand Hellmut Sakowski bei der Übergabe der Wohlgemuth´schen Bibliothek. Und während er, aus der "Linkerhand" zitierend, Reimann als bedeutende Schriftstellerin würdigt, von der "mehr geblieben ist, als ein Dutzend Entwürfe", fällt ihm auch der respektvolle Ausruf Wohlgemuths bei Reimanns Einstands-Lesung in Neubrandenburg ein: "So möchte´ick ook mal schreiben können!"

"Bleiben wir den literarischen Figuren treu; die Lebendigen, die Vorbilder sind´s nicht wert", notierte Reimann am 19. Oktober 1969 in ihrem Tagebuch, zerquält von einer gescheiterten Liebe. Sie hat sich geirrt. Das Haus in der Gartenstraße steht dafür als lebendiger Beweis.