Theater des Lachens
Helden sterben nicht bloß einmal
"Die Nibelungen" am Kleinen Theater Frankfurt(Oder)
Helden sterben nicht bloß einmal, schon gar nicht beim Kleinen Theater Frankfurt. Die freie Bühne hat sich der "Nibelungen" angenommen und sie nach Aufführungen am Ufer des Straussees in die Marienkirche der Oderstadt heimgeführt. Dabei profitiert sie in doppelter Hinsicht. Gerade hat das kommunale Kleist-Theater mit beträchtlichem Aufwand ein grandioses Shakespearespektakel in den historischen Gemäuern veranstaltet, das bis zur letzten Vorstellung ausverkauft war. Und vor nicht allzu langer Zeit heimste der Theaterverein, dem andere Sparzwäge auferlegt sind, bemerkenswerten Beifall mit der respektlosen Kleist-Adaption "Kohlhass" ein. Beides sorgt nun fäür gesteigertes Interesse und führt dazu, daß "Die Nibelungen" bis Donnerstag in die Verlängerung gehen, bevor der "germanische Spaß" noch einmal in Strausberg und Buckow zu sehen sein wird.
Eine Fackellänge Klamauk ist angesagt, wenn Gunter (Michael Gitter) und Siegfried (Thomas Jahn) auf dem Weg nach Worms über Pilgram, Fürstenwalde, Berlin-Hauptbahnhof zu Narren schrumpfen. Aus dem Hagen von Tronje (Claudia Haupt/Nora Weise), dessen Ehre Treue heißt, wird ein verschlagener Eifersüchtling, der auf seine Chance zur Rache lauert. Kriemhild (Christina Steinke) hat zwanzig Zentimeter Kork unter den High Heels und stellt so über sich hinausgewachsen, das naive Kußmaul Siegfried vor schier unlösbare Probleme. Gunther heult über seine seine miserable Rolle und möchte gern mit dem nicht minder unglücklichen Vasallen tauschen. Brünhild (Lisa Tillmann) schließlich zeigt, wie eine karategeschulte Emanze mit Brautwerbern umspringt. Der Drachen singt sein Duett mit dem Helden: "Ich bin getroffen! - Ich kann kein Blut sehn!" Und die Gnomen der Unterwelt sind Astrid Lindgreens "Ronja Räubertochter" entsprungen. Was immer an Kalauern am Wege blüht, wird von den fünf Protagonisten unter der Regie von Astrid Griesbach eifrig zum Sträuslein gewunden, ohne Totpunkt, ohne Pause, bis zum Speer in Siegfrieds breitem Rücken. Doch die Würze der Inszenierung steckt im Unsichtbaren. Dort agiert Eduardo Villegas aus Caracas an Percussions und Gitarre.
Es wäre freilich nicht Frankfurts freche freie Bühne, steckte in dem fröhlichen Zauber zwischen hiesiger Jetztzeit und uraltem Märlin nicht ein höchst heiterer Ernst. "Die Nibelungen" ist ein Totentanz für Heldentümelei auf der Nase des Publikums. Ein absurdes Spiel, das vielleicht erst auf dem Heimweg ein paar gar nicht absurde Metaphern preisgibt. Und für kühle Rechner überdies ein Beweis, wieviel Geld durch Phantasie ersetzt werden kann, wenn Ausstatter wie Claudia Naumann am Werke sind.
Windstille im Kirschgarten
Kleines Theater Frankfurt zeigt Tschechow auf seine Art
In der Absicht, diesmal ein ganz schlichtes Erzählstück zu inszenieren, ist das Kleine Thaeter Frankfurt(Oder) mit seinem tsche- chowschen "Kirschgarten" allerdings gescheitert. Das kurz nach der Jahrhundertwende entstandene Stück, von vier Schauspielern auf die freie Bühne gebracht, markierte eine "Zeit der Windstille", für die Astrid Griesbach komische unaufdringliche Bilder fand. Zwischen zwei Einweckgläsern mit Kirschen, im "russengelb" gestrichenen Bühnenraum fällt fünfzehn Minuten lang kein einziges Wort. Eine Schnarchorgie wird von einem Picknick mit Wodka, Zwiebel, Speck und Fisch beendet, und fast beiläufig gerät die Versteigerung des ehrwüdigen Gartens ins Spiel. Ebeneso wie die Texte Bulgakows aus der Zeit der Neuen ökonomischen Politik oder die Avancen an den Theateroktober, der mit den adaptierten Wachtangow-Masken präsent ist. Estradnaja Musika und ein russicher Choral, für den sich die Mimen fünfeinhalb Stunden vom Frankfurter Signakademie-Chef Rudolf Tiersch schinden ließen, liefern das skurrile Beiwerk der Geschichte und Kathleen Gallego-Zapeta eine prächtige Gelegenheit, als Ranjewskaja eine noble Eigeninszenierung zwischen Grand Dame und femme fatale zu präsentieren. Ihr Auftakt zur Polonaise ist ebenso glanzvoll wie die Verführungsszene, bei der sie dem Emporkömmling Lopachin seine weiáe Rose Blatt für Blatt ins geile Maul schiebt, bis er sich nach dem Tango übergibt und Rache schwört.
Von der Spiellust Lisa Tillmanns (Warja), Thomas Jahns (Gajew) und Ralf Bockholdts (Lopachin) lebt der Abend ebenso, wie von ihrer Wandlungsfähigkeit, etwa wenn das Neue Deutschland zum Gewehr gerollt wird, mit dem feindsuchende Teenager auf Jagd gehen: Datschniks jagen, Datschniks schlagen, das ganze Scheißsystem begraben..., oder wenn sie andachtsvoll lauschen, wie Gajew auf dem Akkordeon "Partisanen vom Amur" zusammenknautscht.
Wie im Halbschlaf vollziehen sich die Zeitenwechsel, und "Unser Klima ist nie das richtige zur richtigen Zeit" wird zum Schlußsatz der Collage, an der das Kleine Theater seit September gearbeitet hat. "Vieles entstand aus der Improvisation", erklärt Griesbach. "Zwischen der Premiere des Stücks und heute liegen genau 90 Jahre. Die Figuren lassen sich nicht radikal ins Heute umsetzen, die Zeit läßt sich nicht auslöschen. Selbst die Utopie Lopachins von einer neuen Welt ist inzwischen dreimal überholt", beschreibt sie die Schwierigkeiten der Annäherung an das Stück. "Zugleich war es die Schlangenei-Situation,die uns herausforderte: ein Jahrhundert mit seinem Ethos vergeht, ein neues kündigt sich an. Tausend Möglichkeiten zur Ablenkung gibt es, um die Stille nicht ertragen zu müssen, aber keine, wirklich etwas zu tun. Das schien uns nicht so fern." Zugleich gestattet der Rückgriff auf die Theateravantgarde der ersten Jahrhunderthälfte die Zertrümmerung der klassischen Dramaturgie, ohne die Geschichte aufzugeben. Raus aus dem Guckkasten, rein in die Zeit - dieser Versuch ist der kleinen Frankfurter Bühne gelungen.
1994
Blaubart in der Dampfmaschinenhalle
...als Spiel um Tabu und Gewalt
Eigentlich sollte „Romeo und Julia“ die erste Inszenierung in der neuen Spielstätte sein. Doch weil der Umzug sich für das Theater des Lachens verzögerte, erlebte nun „Ritter Blaubart“ als erstes seine Premiere in der umgebauten Dampfmaschinenhalle der alten Möbelfabrik. „Diese Inszenierung werden wir nur einige Male im Haus spielen, dann geht sie als Sommerspektakel auf Reisen durch das Land“, erklärt Theaterchefin Dorit Herden.
Wie es sich für einen Neustart dieser Art gehört, war der Saal mit seinen nunmehr 90 Plätzen überfüllt, und Eröffnungsgast Steffen Reiche, ließ seine Kultur-ministerrede in der Tasche; lediglich als Pressemitteilung ging sie dann aus Potsdam auf Reisen. Kein Wort allerdings davon, daß das Land die Mittel für die Bühne in diesem Jahr um 90 000 Mark gekürzt hat.
Ritter Blaubart (Bardia Rousta) indes, mit wienerischem Charme und Schmäh, umflattert von dämonischen Gestalten (Kathleen Galleto Zapata, Lys Schubert, Stefan Lochau) in den prachtvoll-häßlichen Kostümen aus „Peer Gynt“, holt die gruselige Mär vom Frauenkiller zurück in die Dimension einer an ihrer Normalität erstickenden Ehe. Lisa Tillmann als Angetraute kämpft, selbstredend vergeblich, gegen ihre Neugier, die geheime Kammer zu öffnen. Und nebenhin und drumherum läßt Regisseurin Astrid Griesbach allerlei ebenfalls denkbare Facetten der alten Geschichte aufscheinen. Sie dreht ihr Kaleidoskop, konsequenter als im Gynt, und die Muster verwirren sich.
Da wird der Mord am lieben Weibe plötzlich zur Verzweiflungstat des mißachteten Hausmannes, tragisch komisch durch den offensichtlichen Rollentausch der Geschlechter und herrlich schwarzhumorig, als Blaubart den Vorgängerinnen des zersägten Gesponstes in den Keller zuruft: Guckt nich so, det is Karin, die is ne janz Liebe. - Ick werd se zwischen Ulrike und Gudrun packen...
Da beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies noch einmal auch der Rollenzwang für Adam und Eva. Da amüsiert die Erde sich mit ihrem Geliebten, dem Mond, über den dummen, denkenden Staub auf ihrem grünen Gürtel, der als Gesetz begreifen will, was viel zu groß für seinen Kleingeist ist. Eine Sintflut wäscht die Dumpfheit ab und alles ist wieder wie neu...
Unverzichtbar in diesem Bilderreigen ist die Musik von Hermann Naehring, der nicht nur in aller Stille begonnen hat, sein profundes musikalisches Können an eine Perkussionsgruppe der Musik- und Kunstschule weiterzugeben, sondern auch das Theater des Lachens unterstützt und sich die Stadt an sein großes Märchenerzähler-Herz wachsen läßt. Im „Blaubart“ wird die musikalische und Geräuschkulisse zum vielleicht entscheidenden dramaturgischen Element. Denn Astrid Griesbach braucht den Meuchler Blaubart nicht für Moritat, Katharsis und moralische Botschaft, sondern um die Spirale von Tabu und Gewalt zu thematisieren, die Ehe als Fortsetzung des Geschlechterkrieges mit anderen Mitteln. Wäre sie damit eine viertel Stunde schneller fertig geworden, hätte es der Inszenierung nicht geschadet.
1996