Theater im Schuppen
Batsheva Dagan (Mitte)
Foto: Henry-Martin Klemt
Von DORT
Gesegnet sei die Phantasie – verflucht sei sie
Stille herrscht im Frankfurter Theater. Erst als die Darsteller sich verbeugen, wird geklatscht, erst zaghaft, dann immer stärker. „Gegen Ende der Vorstellung war ich den Tränen nahe“, gesteht ein Premierenbesucher des neuesten Projektes der freien Bühne. „Von dort - Gesegnet sei die Phantasie, verflucht sei sie“ ist eine Collage aus Gedichten von Batsheva Dagan – Auschwitz-Häftlingsnumer 45554 – Szenen des Dramatikers und Regisseurs Frank Radüg und Gedichten Frankfurter Autoren. Die schmerzhaft präzisen Gedichte Dagans, die sich auf der Bühne in existentielle Bilder verwandeln, verbinden sich mit hiesiger Geschichte und Gegenwart, Krieg und Nachkrieg, und mit der Erfahrung, dass Wunder sogar in der Hülle geschehen.
Auch für einen Vertreter der Stadt Frankfurt (Oder) hätte sich das Kommen vielleicht gelohnt.
Batsheva Dagan ist nicht nur Schriftstellerin und Kinderpsychologin, ihrer Inspiration ist auch das Projekt zu verdanken, an dem neben dem Frankfurter Theater Schüler, Studenten und Laiendarsteller aus vier Nationen mitwirken und zu dessen Gelingen zahlreiche Vereine und Institutionen beitrugen.
Ein Jahr setzten die zumeist jungen Leute um Projekt-Koordinatorin Ute Radüg sich mit der Geschichte des Holocaust auseinander, recherchierten zur Geschichte der Juden in Frankfurt (Oder), die bis ins 13. Jahrhundert hinein dokumentiert ist, suchten die Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart.
Das daraus entstandene Bühnenstück wird von einer Ausstellung begleitet, die Künstlerisches und Dokumentarisches zusammen führt, Erlebtes sinnbildlich vor Augen führt und zur Selbstbefragung einlädt: nach den eigenen Wünschen und Hoffnungen.
Auch ein Buch ist in Vorbereitung und wird demnächst beim viademica verlag berlin erscheinen. Der von Frank Radüg und Henry-Martin Klemt herausgegebene Band, den Christina Hochmuth einfühlsam illustrierte, versammelt Gedichte von Batsheva Dagan, Szenen von Frank Radüg sowie Gedichte von Maik Altenburg, Katja Hamel, Henry-Martin Klemt, Ingrid Kopielski, Zosia Szpiegelmann, Carmen Winter und Krystyna Zywulska. Vor allem an Schulen soll das Buch genutzt werden, um sich dem Thema zu nähern und Bezüge zum eigenen Leben heute herstellen zu können.
Schließlich wird auch an der Gestaltung einer Internetseite gearbeitet.
Batsheva Dagan ließ es sich nicht nehmen, zur Premiere selbst aus Israel zu kommen. Im Gepäck hatte sie ein soeben im Metropol Verlag erschienenes Kinderbuch mit dem Titel „Wenn Sterne sprechen könnten“. Darin berichtet sie über das Schicksal ihrer Familie. Seit der Befreiung hat die 1925 in Lodz Geborene es sich zur Aufgabe gemacht, zu erzählen was ihr und ihren Leidensgefährten widerfuhr. Sie begleitet Jugendgruppen in frühere Konzentrationslager, bildet Lehrer und Pädagogen weiter und hat eine psycho-pädagogische Methode entwickelt, die hilft, Kinder mit dem Holocaust vertraut zu machen. Als Gastdozentin wirkt sie den USA, Europa und Israel, vor allem in der Gedenkstätte Yad Vashem. Im Gespräch mit dem Preierenpublikum nennt sie sich selbst einen „Bachalor of Auschwitz“, weil sie im Lager die französische Sprache erlernte, entgegen der Skepsis ihrer Mitgefangenen, die meinten: „Du wirst zu Asche samt deinem Französisch.“
„Wenn ich lebe, werde ich es brauchen, und wenn ich nicht leben werde, hat es mir jetzt doch Freude gemacht“, antwortete sie. Diese Haltung durchzieht ihr Werk. „Das Thema ihrer Gedichte ist immer das Leben, nicht der Tod“, so Radüg. „Deshalb weisen ihre Gedichte weit über das, was sie beschreiben, hinaus.“
Derzeit ist das Projekt „Vor DORT“ im Norden des Landes unterwegs. Aufführungen gab es unter anderem in Schwerin, Wismar und Güstrow.
Frank Radüg
Foto: Henry-Martin Klemt
Kreuzerfahrung - Welterfahrung
Grauer Bote des Theaters im Schuppen
Sie tanzen die Totenmesse, das Requiem von Mozart. Was aber geht es sie an, so jung, wie sie sind? Wer so fragt, hat vergessen. Die eigene Todesnähe verdrängt und abgetan. Dabei war sie einmal stark und geheimnisvoll, manchmal fast übermächtig, und nichts davon schien sonderbar. Nur einzigartig, nicht teil- und auch nicht mitteilbar. Warum wird die Erinnerung daran unterdrückt?
Die Erfahrung war eine absolute. Der Alltag hingegen verlangt nach Relativierung, Anpaassung. Hat das Kleinklein sich einmal durchgesetzt, erscheint das Große wie Golem, der, einmal erweckt, den relativen Seelenfrieden zu sprengen vermag. Weh dem, der sich aussetzt.
Aber einmal hat es fast jeder getan. Um Ich zu werden im Streit mit dem Tod. Gestaltender Wille, der sich durchsetzt gegen die Destruktion. Die Herausforderung heißt fast immer Liebe. Sie ist der Strudel, in dem Erfüllung wartet und Bedrohung lauert. Und beides, Liebe und Tod, finden statt in einer Welt, die greifbar ist unter ihren tausend Schleiern. Wie kann man das tanzen?
"Grauer Bote" ist eine Performance, die das "Theater im Schuppen" ins Bild gesetzt hat. Zunächst sind das drei Mädchen vor einer weißen Leinwand. Weiáe Gesichter, Hände, Füße, Kleidung. Eine Gestalt ganz in Grau. Der Tod. Der letzte Auftraggeber Mozarts. Der Stoff ist theaterwürdig, das Sujet tragisch. Im Juli 1791, Mozart saá an seiner "Zauberflöte", erschien ein Unbekannter und bestellte für einen anonymen Dritten bei Mozart jenes Requiem, für das er 50 Dukaten anzahlte. Der von Krankheit gezeichnete steigerte sich immer stärker in die Vorstellung hinein, es sei die eigene Totenmesse, die er komponierte. Nach der Uraufführung der "Zauberflöte" am 30. September, widmet Mozart sich mit letzter Kraftanspannung diesem Werk und hinterläßt es unvollendet, als er am 5. Dezember stirbt.
Aus einer dramatischen Textvorlage von Albert Wendt genügten den jungen Tänzerinnen und Theaterleiter Frank Radüg einige Sätze, die Choreographie zu ergänzen. Eingeschlossen in einem fiktiven Raum, in den nur jener Bote Einlaß erhält, kulminieren der Aufruhr gegen das Schwinden der Kräfte, der ob nötigen Geldes gedemütigte Stolz des Komponisten, sein Widerstand gegen und sein Zustreben auf den Tod. Nur wer die Angst küßt, findet Versöhnung. Doch der Tod verspricht nichts, und das Unvollendete bricht ab mit einem Schrei.
Die erzählte Geschichte verführt zum Schwelgen in der Bewegung, zum Aufgehen im Bild, zur Vagheit dessen, was - gegen die Absicht der weißen Masken - zur Schmerzgeste wird in den Gesichtern von Jenny Schaffrath (Mozart) und Juliane Filip (Frau).
Der Tod bleibt Metapher: ein grausamer Spieler (Katrin Geiseler). Er spielt, obwohl der Ausgang der Partie feststeht, von ihm festgelegt wird. Hier spitzen die Akteure die Geschichte über Wendts Vorlage hinaus zu. Dem Tod gehö”ren beide. Eine Gnade gibt es nicht. Daß sie darauf hoffen, macht ihr Schicksal tragisch. Menschlich.
Was im Tänzerischen, Mimischen, Musikalischen zun„chst nur als Kunstmittel auffällt, ist zugleich historische Zeitbestimmung und fixierte Welterfahrung. Als überkommene nicht ungebrochen annehmbar und zugleich, in ihrem Mythos, ein Teil eigener Herkunft. Kreuzerfahrung des 18. auf der Bühne - dem Steinfußboden eines Hotelfoyers - im 20. Jahrhundert. Das episch Fließende, noch nicht frei von Verklärung, setzt sich ab vom episodisch Begrenzten, die soziale Interaktion von der vereinzelten Kreatur.
Den zweiten Teil des 50-Minuten-Programms bestreitet Ute Arnolt - allein mit fünf Computergrafiken von Jörg Janke, die auf eine Leinwand projiziert zu Welt-Bildern einer anderen Generation werden. Und zu Lebensfragmenten erst durch den Tanz der jungen Frau, die eigene Erfahrung seziert unter dem Stigma einer Gesellschaft, deren fragwürdige Effizienz sich nurmehr durch die Entwurzelung ihrer Mitglieder steigern läßt. Keine Geschichte, sondern ästhetisierte Dokumente einer Computerwelt. Keine Erleuchtung, sondern Blitzbelichtungen. Nicht nur entschlüsselbar, sondern vordergründig und in ihrer plakativen Gewalttätigkeit herausfordernd zur Gewalt gegen ein unlebbares Leben.
Dem tastenden Suchen folgt das Eindringen in das vorgefertigte Bild, das den Eindringling sofort umschließt, wie auch sein starres Zentrum, das Lebenskräfte in konvulsiven Entladungen erschöpft, bis der Mensch selber erstarrt in einer Vision zwischen Betonstadt und Schaltkreissymmetrie. Eine Erlösung gibt es nicht; der Ball des spielenden Kindes, das die Szene passiert mit widerhallenden Schritten, kann nicht mehr angenommen, Fremdes nicht mehr empfangen, Eigenes nicht mehr mitgeteilt werden.
Doch die Todesnähe ist hier eine andere. Das erloschene Ich ist der Tragik des Aufstands nicht fähig. Ein funktionierendes Es wird aus dem letzten Bild entlassen. Seine Aggression wird auf das Kreuz projiziert, auf das Zeichen. So greift sie ins Leere.
Der Schnitt durch das Kreuz, die Penetration als vermeintlicher Befreiungsakt, hat das Undurchdringliche - unverzichtbarer Teil jedes Selbst - und so den Konflikt mit ihm abgetan. Diese gordische Lösung macht sowohl Sieg als auch Niederlage unmöglich. Der endliche Schlag in die Glasscherben am äußersten Rande der Szenerie ist ein Schlag ins Leere, wie der Fausthieb ins fremde Gesicht. Niemandes Schlag nirgendwohin. Welcome in nobody county.
Die Performance fand statt anläßlich einer Ausstellung von Computergrafiken Jörg Jankes im Foyer des Kongreß-Hotels Frankfurt/Oder, die dort bis Mitte des Monats und anschlieáend auf dem Messegelände zu sehen sind.
1993