Buckower Naturtheater
Courage lässt Buckows Glocken läuten
Sommerspektakel mit Brecht im Schloßpark-Theater
Brecht neu zu sehen, um ihn nicht zu mißbrauchen - diese Forderung Heiner Müllers hat Regisseur Armin Petras mit seiner Inszenierung von "Mutter Courage" zweifellos eingelöst. Das 1939 im schwedischen Exil geschriebene Stück ist Brechts einziges Drama, das ausnahmslos unter freiem Himmel spielt - wie geschaffen also für das freie Theaterprojekt mit seinem Sommerspektakel im Buckower Schloßpark. "Es ist schon erstaunlich, wie viele Dinge die Truppe erfunden hat, um den Raum zu füllen", lobte auch Schauspielerin Käthe Reichel, die sich die Premiere nicht entgehen ließ.
Tatsächlich bindet Petras seine Zuschauer eng an die Szenerie, umgibt sie geradezu mit seinem Spiel: Während die Marketenderin (Susanne Häusler) vorn an ihrem Wagen - einem alten Trabant - agiert, wird ihre Tochter Katrin (Ila Schöppe) auf der Wiese nebenan vergewaltigt. Nachdem das stumme Mädchen die Trommel zu schlagen beginnt, um die Stadt vor den - in der Saab-Limousine und mit Abba-Musik - anrückenden Schweden zu warnen, beginnen in Buckow tatsächlich die Kirchenglocken zu läuten. "Das war kein Problem. Hier kennt doch jeder jeden. Der Pfarrar hat uns den Schlüssel zur Kirche gegeben."
Petras gelingt es auf solche Weise, zwischen Kunstwirklichkeit und sinnlicher Realität ständig eine latente Spannung zu erzeugen. Das ist nicht mehr die parabelhafte Geschichte aus dem 30jährigen Krieg, sondern auch die Wahrheit der apokalyptischen "Mad Max"-Filme, von denen Petras sich gern inspirieren ließ. Es ist das zu Kriegszeiten unendlich entrückt scheinende Jugoslawien, das plötzlich in den Kurpark einbricht. Aund ist auch jenes Absurdistan, in dem Menschen sich - aller Sicherheiten und Gewöhnungen entrissen - unvermittelt wiederfinden und aller Erfahrung zuwider ihre Illusionen nähren, wie die Courage: "Ich lasse mir den Krieg von euch nicht madig machen."
Versteinert von den Verlusten und zugleich mit einem rotzigen Lebenstrotz spielt Susanne Häusler ihre Rolle. Ebenso schrill wie hilflos steht ihr Ila Schöppe als Katrin zur Seite, eine Kindfrau, ein fragiles Fabelwesen, von dem man nicht glauben mag, daß es sterblich ist, bis es die Schüsse der Soldaten niederstrecken. Auch die anderen Ensemblemitglieder - Mareike Mikat, Andrej Kaminski, Ulrich Keller, Guido Lambrecht, Gunnar Teuber, Johannes Melchert und Gerald Franz - leisten Schwerstarbeit im ständigen Rollentausch und finden mit seiltänzerischem Instinkt immer wieder die Balance zwischen Klamauk und Tragödie, ein Kunststück, das in Pertras´Inszenierungen sonst nicht immer gelingt.
Zwischen Lehrstück und Trash
Wendy träumt, und dabei begegnet ihr der eigene Vater, verwandelt in die Phantasiegestalt des Peter Pan. Plötzlich ist er für sie da, plötzlich hört er zu, plötzlich besteht Zuwendung nicht mehr nur aus Geschenken, und gemeinsam bestehen sie das Abenteuer, das ihr Leben ist. Oder doch nur ihr Traum? Oliver Gerbig inszenierte für das Sommetheater Buckow in diesem Jahr „Peter Pan und Käpt´n Hook„ nach James M. Barrie. Schon in den Vorjahren wußte der Mitbegründer des Projekts die Familien-Musicals so einzurichten, daß sein junges Publikum zum Mitmachen inspiriert wurden. Diesmal werden außerdem Akteure des vom Sommertheater vor Jahresfrist gegründeten Buckower Jungen Theaters auf der Bühne stehen. Für Gerwig, der seine Ausbildung in New York absolvierte und dort auch mit den Teenagern aus der 47. Straße arbeitete, sind die „verlorenen Kinder„ ein zentrales Thema. „Ich kenne die Phantasiewelt der kleinen Bettler in St. Petersburg, der mexikanischen Kids über Amerikas U-Bahnschächten. Überall wachsen Schlösser aus schrottreifen Autos und verwunschene Türme aus Bierkisten empor. Es gibt nicht nur Brutalität und Disneyworld.„ Deshalb sollen die Erfahrungen der 12- bis 18jährigen unmittelbar in die Bühnenarbeit einfließen. „So wird bei jeder Inszenierung auch ein utopisches Potential freigesetzt, werden Möglichkeiten des Miteinandrlebens sichtbar.„
Daß im Jubliäumsjahr des armen Bibi ein Brechtstück-auf den Programmzettel gehört, versteht sich von selbst. „Mutter Courage„ ist das einzige Werk ddes Augsburgers, das vollständig im Freien spilet, und so hat sich Armin Petras - derzeit Oberspielleiter in Nordhausen - der Geschichte von Anna Frieling angenommen, die als Marketenderin darauf vertraut, daß der Krieg den kleinen Mann ernähre. Mit Eigensinn und Gespür für den Zeitgeist siedelt Petras seine Courage im Spätmittelalter und zugleich in einer entgrenzten Zukunft an, wie sie in den „Mad Max„-Filmen gestaltet wird - als Showdown aus Krieg, ökologischer Katastrophe und sozialem GAU. Daß in der skurrilen Über-Spielung des brechtschen Originaltextes auch Vergnügen und schierer Klamauk lauern, gehört zur „Apokalypse mit Spaß„ ebenso dazu, wie eine Mutter Courage (Susanne Häusler), die sich als alles mögliche fühlt, nur nicht als „vertrocknetes Muttertier„. Da wird nicht nur ihr Fahrrad-Karren über die Bühne rollen, sondern auch Motorradgeknatter durch den Park dröhnen. Feuerwerk, Musik, und ein Schwein am Spieß: Lehrstück und Trash- Kultur verrührt zu einer brodelnden Essenz.„Ein Stück über den Krieg inmitten einer idyllischen Kur- und Urlaubslandschaft - das ist genausio anachronistisch, wie diese Zeit selbst„, findet Petras, der sich mit seinen zumeist provozierenden Inszenierungen vehement dagegen wehrt, daß „Theater als konservativste aller Künster immer hinterherläuft. Ich sehe mich nicht als Künstler, sondern als Kultur-Arbeiter.„
Das Buckower Sommertheater spielt seit 1995. Die kleine Bühne mit ihrem malerischen Umfeld wurde zu einem Gutteil aus eigener Kraft wiederhergerichtet. Mit seinen bisher vier Inszenierungen hat die Truppe rund 25 000 Zuschauer erreicht. Inzwischen gibt es eine Nutzungsvereinbarung für die nächsten zwanzig Jahre. Um davon Gebrauch machen zu können, haben die Theaterleute erst kürzlich an Ministerpräsident Manfred Stolpe geschrieben, erzählt Projektmanager Ulrich Schröder. „Daraufhin bekamen wir Unterstützung aus Lottomitteln des Landes.„
„Peter Pan und Käpt´n Hook„, Premiere 4. Juli, Aufführungen bis zum 30. August mittwochs und samstags um 15, sonntags um 11 Uhr statt; „Mutter Courage„, Premier am 17. Aufführungen bis zum 29. August freitags und samstags um 20 Uhr.