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Gefeierte Marilyn
Stehende Ovationen am Premierenabend von Max Beinemanns und Günther Fischers Musical "Marilyn", das nach Bremerhaven an den Uckermärkischen Bühnen seine zweite Inszenierung erlebt. Gefeiert wurde vor allem Antje Rietz, die als Marilyn einem ihrer Verehrer (Olaf Hilliger) im Traum erscheint und mit ihm gemeinsam Stationen ihres Lebens erinnert. Die Rietz vereint alle Tugenden, die man sich für solch eine Rolle wünscht. Sie bringt Fischers charismatische Kompositionen zwischen Jazzrock und Blues mit einer Stimmkraft und Ausstrahluing über die Rampe, als stünde sie in einem Livekonzert und mußte nicht zweieinhalb Stunden lang spielen. Ihre Mimik steigert sich ins Furiose, wenn Marilyn zwischen Maske und Verzweiflung am Abgrund ihrer Karriere steht. Und im Tanz zeigt sie anmutig und leicht, wie sehr sie sich die Rolle des Idols zu eigen gemacht hat. Mit der Schwedter Hausband Takayo stehen ihr dabei Musiker zur Seite, die alle Qualitäten der Komposition auszuspielen wissen, allen voran Falk Breitkreuz, der eine enorme Kanne bläst, rauchig zwischen Verve und Melancholie. Hilliger hat es schwer, neben der Rietz zu bestehen, aber auch er meistert seine Rolle mit Bravour. Und ebenso vergnüglich ist es, wenn Intendant Reinhard Simon als erblindeter Joe Harmonika spielt oder als Filmproduzent Shoondorf die Szene betritt. So schlurfte schon Faßbinder durch seine Filme und ließ die Cineasten wohlig erschauern. Roland Möser als Filmproduzent Hyde bewegt sich im Rollstuhl über die Bühne wie ein asiatischer Fürst in der offenen Sänfte, und Peter Fabers spielt einen intellektuell unterkühlten Arthur Miller, der verglichen mit seinem lebendigen Vorbild trotz des altrosafrabenen Anzuges etwas bläßlich bleibt. Das ist nicht nicht das Problem des Schauspielers, sondern die Crux und Herausforderung für das ganze Ensemble. Obschon sich Autor Beinemann seit seiner Kindheit mit dem Sexidol der 50er Jahre beschäftigte - oder vielleicht gerade deswegen - und ein überzeugendes Konzept für das Musical entwickelte, gerät ihm der Text ber weite Strecken ganz undramatisch, einschichtig und hölzern. Das Publikum wird gehörig aufgeklärt und der ästhetische Glanz der Dialoge entspricht dem einer Familienserie im Vorabendprogramm. Obwohl der Regisseur Beinemann seinem dem Autor weit überlegen schien, hätte er deshalb gut daran getan, die Inszenierung einem anderen zu überlassen, der sich den unbefangenen Blick für den Stoff bewahrt hat und vielleicht eine zweite Ebene, eine poetische Dimension in die Geradlinigkeit der Story hätte einbringen können.
1994