Lichter
Verlierer, aber nicht Verlorene
Hans-Christian Schmids Film "Lichter" hatte in Frankfurt (Oder) Premiere
Am Ende siegt die Nähmaschine. Das weibliche Prinzip über die männlichen Spiele mit ihrem töricht-tödlichen Ernst. Das ist lebensweise, aber braucht es dafür 105 Filmminuten? Heiner Müller meinte einmal, ihn langweile am meisten Theater, das ihm einen Abend lang ausbreitet, was sich in fünf Sätzen erzählen ließe. Dieser Gefahr entgeht auch Hans-Christian Schmid mit seinem vierten Spielfilm "Lichter" nicht. Ein kalkuliertes Risiko, das der 38-jährige Regisseur im Interesse seines künstlerischen Selbstverständnisses eingeht: Eröffnet wird ein ganzes Spektrum parallel verlaufender, einander durch zeitlichen und räumlichen Zufall tangierender Episoden. Dabei legt Schmid Wert auf die Gleichwertigkeit der erzählten Schicksale: Zigaretten schmuggelnde Jugendliche auf der Drift über den Rand der Gesellschaft, Möchtegern-Untenehmer und Arbeitslose, Migranten, die sich mit dem Schritt über die deutsche Grenze ein Ende ihres Unglücks erhoffen, Prostituierte am Reißbrett und im Herrenhaus, Zerrissene zwischen Pflicht und Gefühl und als Klammer schließlich die faszinierende Jagd des polnischen Vaters nach dem teuren Kommunionskleid, die erst erfolgreich endet, als die Mutter sich bereits entschlossen hat, ersatzweise ihr Brautgewand unter die Nähmaschine zu legen.
Es ist ein Film der Gesichter, unverbrauchter, authentisch wirkender durchweg. Aber es ist kein Film der Charaktere. Schmid versucht, den Malus auszugleichen, indem er das Ambiente nachkonturiert mit einer modern-morbiden Bildästhetik. Die Überzeichnungen wirken aufgesetzt: Die Handkamera scheint zuweilen dem Parkinsonsyndrom eher als dem Drehbuch zu folgen, Landschaften, Häuser und Zimmer kehren das Innere der Protagonisten gewollt nach außen. Was Schmid in der Lakonizität seiner Scheindokumentation an Stärke entwickelt, wird durch solche Angestrengtheit geschmälert. Die Chance, die Handlung in die Katastrophe zu treiben und damit das Menschliche hinter dem Unmenschlichen aufzureißen, bleibt spätestens vertan, wenn Schmid die Dolmetscherin Sonja (Maria Simon) mit dem Ukrainer Kolja (Ivan Shvedoff) im Kofferrum ungehindert die Grenze passieren lässt. Die junge Frau wird nicht, weil sie ihren Gefühlen eher folgt als ihrer Pflicht, auf die andere Seite der Schreibtische, Türen und Gitter verwiesen. So kann Schmid auch auf seine eigenen Fragen: "Wieso gibt es solche Grenzen, warum schottet sich die Europäische Union nach außen ab, warum ist die Ausländerpolitik, wie sie ist", die er nach der Premiere in den Raum stellte, kein dramatische Antwort finden.
Der Film, der in nur dreißig Drehtagen im vergangenen Herbst in Frankfurt (Oder) und Slubice entstand, greift dennoch weit über die Provinz im westlichsten Polen und östlichsten Deutschland hinaus. Die Protagonisten sehen ihr Leben als Herausforderung, die es mit der ihnen verfügbaren Kraft anzunehmen gilt. Sie werden nicht zerrieben und müssen sich deshalb auch nicht selber neu erfinden. Aber sie kämpfen um ihre Freiheit, ihre Liebe und ihre Selbstachtung. Ihre Ethik bemisst sich nicht nach ein paar geklauten Dollarscheinen oder Zigarettenstangen. Sie sind, jeder auf seine Weise, Verlierer, aber nicht Verlorene.