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Lichter Kohlhaas



Kohlhaas

Archetyp des Deutschen

Volker Schlöndorffs Verfilmung

Eine „Diagnose am schillernden Kadaver„ nannte Volker Schlöndorff am Montag die Betrachtung seines vor 30 Jahren gedrehten Films „Michael Kohlhaas , der Rebell.„ Hatte er vor Beginn der Vorstellung im Audimax der Viadrina-Universität noch davon gesprochen, diesen Stoff am liebsten ein weiteres Mal zu verarbeiten, so fand der für seine Literaturverfilmungen (Böll, Frisch, Miller, Musil, Proust und andere) berühmte Regisseur am Ende, der Text der kleistschen Vorlage sei so „widersprüchlich, zerrissen und voller Sprengsätze, daß sie jedem, der sich daran macht, irgendwann ins Gesicht knallen„.

Mit der Gelassenheit des dreißigjährigen Abstands ging der Oscar-Preisträger an die Analyse seines Frühwerkes, das er im März 1968 in Bratislava zu drehen begonnen hatte, „als jeden Tag historische Nachrichten aus Prag, Paris und Berlin eintrafen„. Beim Bemühen, einen „ethischen Film„ zu drehen und gleichzeitig den Zwängen des Kinomarktes zu gehorchen, beim Versuch, mit einem englischen Drehbuchautor und einem Briten als Kohlhaas den „schönsten, entsetzlichsten und aufregendsten Text Kleists„ umzusetzen und dabei noch etwas von jener Atmosphäre zu erspüren, die die Jugend in Aufruhr versetzte, schließlich auch noch bemüßigt, vulgärmarxistische Idelogie und menschliche Abgründe zueinanderzubringen, habe er „die Lokomotive aus dem Gleis springen„ lassen. „Sie ist kräftig neben den Schienen hergerumpelt„, so Schlöndorff über Schlöndorff.

Durch den Münchner Literaturwissenschaftler Klaus Kanzog, der 40 Bücher und 70 Aufsätze - zum großen Teil über Kleist - publiziert hat, erntete der so mit sich selbst ins Gericht Gehende jedoch heftigen Widerspruch. „Sie waren ein Seismograph„, rief der Münchner enthusiasmiert, doch wollte Schlöndorff das nicht stehen lassen, denn schon am Set hatte er eine seltsame Entdeckung gemacht: daß sein Held nämlich, an dessen Seite er sich gestellt hatte, ihm, während er für ihn stritt, immer unsympathischer geworden war. „Diese fanatisch-fundamentalistischePrinzipienreiterei ist mir fremd. Kohlhaasens Haltung ist eigentlich lebensverneinend.„ Und folgerte schließlich: „Der rechtschaffendste und entsetzlichste Mensch, schreibt Kleist. Vielleicht ist das überhaupt eine Definition für die Deutschen, auch wenn Kleist nicht vorhersehen konnte, was da alles noch geschehen würde.„

Wer, wie viele der jungen deutschen und polnischen Studenten im Auditorium den Streifen zum ersten Mal erlebte, mochte sich in diese Kunstdebatte kaum dreinmischen. Zwar zeichnete das Frauenbild des stark auf Action getrimmten Films eher die unbefriedigten Wünsche jungakademischer Sexualrevolutionäre nach, als dem Zeitgeist gerechtere emanzipatorische Attitüde, zwar zeigte der Film sich in manchem dramaturgischem Aspekt inkonsequent, doch von der kleistschen Wucht blieb immerhin soviel erhalten, daß er damals, zehn Jahre vor dem deutschen Herbst, bereits die Frage nach der Berechtigung von Gewalt für vermeintliches Recht mit aller Schärfe in den Raum stellte - bis zu jenem Punkt, da Kohlhaas aufs Rad geflochten wird und seine beiden Pferde zügellos und lebensstrotzend über die Alm galoppieren. Für den Zuschauer ein romantisches Bild der endlichen Befreiung. Die den Lauf von Geschichte besser kennen, wissen freilich spätestens heute, daß auch auf diese edlen Rosse, und schon hinter dem nächsten Hügel, der Abdecker lauert...

Das Medium Film, dessen Ästhetik von Kleist ebenso beeinflußt wurde, wie alle Künste der Moderne, spielt bei den diesjährigen Kleist-Festtagen erstmals eine angemessene Rolle. „Das soll auch künftig so sein„, erklärte Mitveranstalter und Kleisthaus-Direktor Hans-Jochen Marquardt in der Diskussion. So steht am 30. Oktober Helma Sanders-Brahms´Kleistfilm „Das Erdbeben von Chili„ und am 1. November ihr Streifen „Heinrich" auf dem Programm.