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Gespräch 1989 Vielleicht sind wir alle bloß einer Treffen am Tonsee Lieber Gerhard... Gundermann und Baez in Frankfurt



Treffen am Tonsee

Für Johannes

Eigentlich kann ich mir nichts Besseres vorstellen als die Erde. Versteh mich nicht falsch, GOTT, ich sage das, während ich aus dem Zelt auf den Tonsee gucke, wo mein Sohn mit der Angel am Ufer steht und ein Zitronenfalter über das Schilf taumelt. Ich kann nicht glauben, dass du etwas Vergleichbares zu bieten hast bei meiner Auferstehung – ohne die Erde.
Die Erinnerung wird bei dir sein. Nichts geht verloren. Nicht einmal das, was du längst vergessen hast. Du wirst es fühlen, hören, sehen, riechen, schmecken. Es wird gegenwärtig sein.
Wie das Heimweh.
Die, nach denen du Heimweh hast, werden hier sein. Jetzt schon oder über ein Kurzes hin. Du kannst sie erreichen. Städte und Länder trennen euch nicht mehr, Jahrhunderte nicht und schon gar nicht eure dauernden Unpässlichkeiten. Du wirst staunen, was alles nachzuholen ist und mit wem.
O GOTT, ich möchte aber nicht stand by für alle Welt in meinem Garten Eden glucken. Jeder das Zentrum seines individuellen Ameisenhaufens. Außerdem gibt es Leute, für die möchte ich in keiner noch so opulenten Ewigkeit erreichbar sein.
Sie werden es wissen, hoffe ich doch.
Die einen: vielleicht. Die anderen kauen mir beide Ohren ab, saugen mir das Hirn aus der Birne und den Saft aus den Eiern, mich zu ihresgleichen zu machen, dumm und impotent, stehlen mir die Zeit, die sie totgeschlagen haben.
Wie sollen sie dir etwas stehlen, was es nicht gibt? Du wirst nichts verpassen. Geben und Nehmen wird niemand mehr wägen. Und trotzdem wird es ein Geben sein und ein Nehmen, das dich ändern kann.
Aber wozu? Wenn nicht hier, vor meinem Zelt, in das der Wind einfährt, wie in einen Ballon. Einmal losgerissen, hört es auf, Schutz und Obdach zu sein, verwandelt es sich in ein paar Quadratmeter flatternden Stoffs.
Und du wehrst dich dagegen, schlägst Pflöcke ein, zurrst Leinen fest.
Und freu mich am Widerstehn, wie mein Sohn sich freut, der den gewieften Schlei überlistet, bewundert und tötet. Das Leben ist süß, weil es nach Blut schmeckt. Vernunft allein scheint mir nicht sehr vernünftig. Auferstehen, nur um da zu sein – ich weiß nicht. Lieber hier der brennende Ginsterstrauch, statt dort als Seelchen im Allesbrei.
Und Gundermann?
Dem hast du deine Arbeitshandschuhe geschenkt, aber seine Grube weggenommen, die Geige in die Hand gedrückt und das Kreuz übers Kreuz gehauen. Zuviel für einen, der jetzt am Feuer sitzt, jeden Abend, vor meinem Zelt – und mein Sohn singt, was er noch gar nicht versteht.
Aber seine Seele begreift es, weil sie ewig ist.
Wieso dann die Handschuhe ohne den Bagger?
Und wieso GOTT ohne das Paradies?
Ach, Gott!
Ach, Mensch.


HENRY-MARTIN KLEMT
Sommer 1998

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