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Gespräch 1989 Vielleicht sind wir alle bloß einer Treffen am Tonsee Lieber Gerhard... Gundermann und Baez in Frankfurt



Lieber Gerhard...

Als ich vor einigen Tagen die kleine Anthologie meiner nächstgelegenen Buchhandlung offerierte, meinte die Chefin leichthin: "Sie habe ich doch neulich erst auf einem Foto gesehen, Herr Klemt, aber da sahen sie noch etwas jünger aus." Siehe da, auf Seite 41 tauchte der "Heinz-Martin" auf. Der gleiche Abzug liegt irgendwo auch bei mir im Reliquienschrein. Aber das ist wohl nicht die einzige Gemeinsamkeit oder gemeinsame Nachdenklichkeit. Jedenfalls hatte ich nach den ersten 50 Seiten Lektüre das Bedürfnis, Dir zu schreiben. Gründe dafür gibt es mehrere. Einer ist vielleicht, daß wir zwar desöfteren miteinander und nebeneinander gearbeitet haben, ab und zu auch so ein "singendes klingendes Baggerfahrer"-Interview passierte, ansonsten aber mit dem Aufgeschriebenen das Nötigste gesagt schien. ... An irgendeiner Stelle sagst Du, es wäre Dir nicht so lieb, Deine Texte - sie sind ja reichlich in den Band eingeflossen - ohne Musik veröffentlicht zu sehen. Nun, was ich für mich brauche, habe ich über weite Strecken im Kopf, mit Text und Musik, habe ich immer und immer wieder gehört und gesungen, für mich oder einen Freund an einem polnischen See, halbwegs auf der zeitweisen Flucht vor der realexistierenden DDR, und wo ich etwas vergaß, bin ich froh, es jetzt nicht zwischen Temperamente- und Singeheften, Festivalzeitungen oder DDR-konkret-Bändchen suchen zu müssen. Dafür bin ich ziemlich dankbar...

In Deinem Buch ... trittst Du mir nicht in der LiederSÄNGERrolle gegenüber, sondern in der des LiederMACHERS, des Philosophen (wenn Dir das nicht zu hochgestochen klingt), mit dem Part also, der auf der Bühne wenig verloren hat, der sich im Zusammenhang mit Parteistrafen nur herumgerüchtelte. ... Mitunter habe ich beim Lesen wie in einen Spiegel geschaut. Die Muster ähnelten sich ... Die Zerrauften Vögel hab ich aufgefangen wie einen Rettungsring. Unter den abgeschmierten Testpiloten war auch mein Vater. Der Saurier bin ich selbst bis auf den heutigen Tag. Innerlich habe ich mich berufen auf dieses fokussierte Stück Welt, auch wenn uns an den Arsch gefaßt wurde wegen der Festivalzeitung. Und dann fragt dieser Gundermann mich im Waschraum: "Na, Parteiverfahren?" Und mir ist schon nach Heulen und Zähneklappern, weil sie uns in der Leitungssitzung als Staatsfeinde an die Wand gemalt haben, die Funktionäre erpressen und körperlich bedrohen. Und dann geht dieser schon vor Jahren aus meiner Partei geschmissene Genosse auf die Bühne und singt: "Wir bilden keine Interbrigaden mehr an einer Jaramafront, wir müssen uns einzeln schlagen, und das ham wa noch nie gekonnt." ... Wie wichtig mußte dieser Fetzen Land sein, daß wir und so zerfetzten dafür? ... weiter höre ich die Lieder Gundermanns, das utopische Alle oder keiner, das Lied vom Frieden-machen, bei dem ich mich jedesmal frage, ob das mit den Glatzen nicht bloß ein Scheiß-Harmoniebedürfnis ist, oder So wird es Tag in der furchtsamen Ahnung - über die es ein Lied gibt - daß es dunkel bleibt. Und ich bete, Gott möge die Geige herausrücken für uns beide. ... Noch immer habe ich die Unverbindlichkeit der Gegenwart nicht verwunden, den Hoffnungsverlust, obwohl ich glaube, daß ich jetzt ehrlicher lebe. Was können wir denn anderes tun, als erst einmal auf uns selber zurückzukommen (zumal als Dichter)? ...In Deinen Notizen klagtest Du, daß es dieses erdumspannende Netz der Verständigung nicht mehr gibt, diese individuelle, immer aus Zweisamkeiten erwachsende Kommunistische Internationale. Die hat es aber, glaube ich, immer gegeben. Wir waren nur zu krümelig für die Maschen. Für mich wenigstens hatte ich dieses Gefühl. Da unterscheiden wir uns vielleicht (obwohl ich mir dessen nicht sicher bin, wenn ich lese, was Du verschiedentlich über Glück und Glückszustände schreibst/sagtst). Und daß wir zu sehr Insulaner waren, um teilhaben zu können.... Mit 17 waren wir weise und gingen auf Mission. Jetzt sind wir bloß noch klug (und auch das am ehesten aus Schaden) und gucken genauer hin. ... Und wir rauchen, was sich nicht mehr essen läßt, in unseren Friedenspfeifchen... Was ich tun kann, Gundi, und wenigstens manchmal auch mache, tröstet mich nicht. Was Du tust und wie Du darüber schreibst, ließ mich paar Tage schlecht einschlafen. ... Mensch, Du kriegst doch auch nicht genug, wie willst Du Dir da genügen??...

22. April 1996

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